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Im Kampf gegen den IS. Von Ashwin Raman

Dreimal ist Ashwin Raman unterwegs gewesen in den Kriegen gegen den IS, in jeweils unterschiedlichen Lagen. Jetzt kann er fragen, ob das Kalifat schon am Ende ist. Dem ZDF ist, wie die Sendezeit zeigt, die Frage irgendwie nicht wichtig. (ZDF Mi 18.04.2018, 02.40-03.25)

Eine kurze Szene aus Mossul, ein Schnappschuss fast. Ein Mann sitzt in einem zerstörten Haus und wiegt ein Baby im Arm. Er hat es, sagt Ashwin Raman, gefunden. Schwenk: Leichen liegen in den Straßen, manche mit einer Decke bedeckt, manche nicht. Frauen mit Kindern, aus den umkämpften Stadtteilen geflüchtet, schleppen sich vorbei. Der Reporter fragt sie nach Woher und Wohin. Sie sind kaputt, müde, verletzt. Ein Elendszug, dem die Kamera noch eine Weile nachschaut.

„Im Kampf gegen den IS“ ist der Titel der Reportage von Ashwin Raman, seiner dritten aus den IS-Kriegsgebieten in den letzten beiden Jahren. Diesmal scheint das Risiko größer. Der Reporter geht mit den Kämpfern der kurdischen Miliz YPG mit, dreht Gefechte im Häuserkampf, läuft wie die anderen auch über die Kreuzungen zwischen den zerstörten Häusern, in der Hoffnung, nicht von einem IS-Scharfschützen getroffen zu werden.

Es geht aber nicht nur um die Bilder des Kampfes. „Ist das Kalifat am Ende?“ heißt die schon im Titel gestellte Leitfrage und die Antwort heißt: Nein. Tausende IS-Kämpfer sind untergetaucht. Die Städte Rakka und Mossul sind zerstört, die Truppen, irakische Soldaten und kurdische Peschmerga, kommen nur langsam voran. Wo der IS vertrieben ist, herrscht Misstrauen zwischen Befreiern und Befreiten. Wer trug vor kurzem noch langen Bart? Sind unter den vielen Frauen mit Kindern auch Frauen von IS-Kämpfern? Selbst Verwundete werden untersucht, nach Sprenggürteln. Wie umgehen mit den gefangenen IS-Kämpfern? „Entweder sie kapitulieren, oder sie werden erschossen“, sagt der irakische Offizier, der den Autor im Auto mitnimmt und fügt hinzu: „Die, die kapitulieren, werden auch erschossen.“

Zwischen den Kämpfern die Zivilisten. In einer Szene sitzen Frauen und Kinder verängstigtin ihrem Wohnzimmer, während die Soldaten von den Fenstern aus dorthin schießen, wo sie den IS vermuten. Die Opferzahlen sind kaum zu eruieren. 8.000 tote Zivilisten in Mossul vermutet eine unabhängige Organisation, 800 vermutet der US-Geheimdienst, 40.000 der kurdische.

Mehrere Schauplätze des Krieges sucht Ashwin Raman mit seiner kleinen Kamera auf. Rakka, die Hauptstadt des IS, die im August 2017 befreit wurde. 30.000 kurdische Kämpfer waren an den Kämpfen beteiligt, Tausende fielen. Mossul, wo Raman den Mann mit dem Kind findet, aber auch eine kurdische Frauenbrigade. Dann geht es Richtung Kobane, das 2014 vom IS besetzt worden war und in vier Monaten Kampf von der kurdischen Miliz YPG befreit wurde. Im Sindschar-Gebirge, wohin der IS die Jesiden trieb, trifft der Reporter wieder auf eine Gruppe von Frauen in Uniform. Sie werden nicht heiraten oder Kinder kriegen, ehe nicht wieder Frieden ist.

Bei den kämpfenden Peschmerga trifft Raman auch Deutsche. Der 32-jährige Robin aus Stuttgart kämpft seit drei Monaten in der Miliz. Er kann sich ein ziviles Leben nicht mehr vorstellen. Nach Deutschland zurück kann er auch nicht, dort gilt er als Terrorist, denn die YPG wird als militärischer Arm der verbotenen PKK bezeichnet. Die 20-jährige Jesidin Esther aus Oldenburg hat sich ohne Wissen der Eltern nach Syrien abgesetzt. Wir sehen Menschen im Bild, die nicht mehr leben: einen Presseoffizier, einen amerikanischen Kämpfer. Elf junge Kurden aus der Einheit, die Raman begleitete, fielen.

Es ist diese spezifische Mischung aus Beobachtung und Analyse, persönlichem Erleben und journalistischer Distanz, die die Filme von Ashwin Raman auszeichnen. Er geht mitten hinein in die Ereignisse, will von innen berichten, will unmittelbare Erfahrungen machen. Zugleich sucht er nach dem Alltag der Menschen, jenseits der Kämpfe oder eingebettet in diese. In Ostmossul, im Januar17befreit, gibt es wieder Friseure und Musik. Die Universität ist wieder geöffnet, und Studenten proben ein Theaterstück über den Kampf gegen den IS, das sie im Stadion der Stadt aufführen wollen.

Raman ist die meiste Zeit mit den kurdischen Milizen unterwegs, er hat offenbar gute Beziehungen und kann deshalb auch mit Sondergenehmigungen an Orten drehen, wo sonst kein Reporter hinkommt. Er findet Bilder und Szenen, die man im Fernsehen sonst nicht sieht. Leider textet er sie etwas zu sehr zu – eine lässliche Nebensache.

Für seine Reportagen aus den Kriegsgebieten in Syrien und Irak hat Ashwin Raman im vergangenen Jahr den Grimme-Preis bekommen. In den Jahren zuvor gab es den Deutschen Fernsehpreis, den Robert-Geisendörfer-Preis, den Preis der Otto-Brenner-Stiftung. Es ist gut, dass das ZDF diesem besonderen Reporter, der immer allein arbeitet, Aufträge gibt. Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur des ZDF, hat in einem Interview kurz vor der Ausstrahlung im Dezember wissen lassen: „Ohne Menschen wie Ashwin würde es gar nicht möglich sein, überhaupt den Versuch zu wagen, das ganze Bild zu zeigen. Das ist großartig, was er macht, welche Zugänge er hat, wie er auf die Menschen zugeht.“

Ein Lob, das sich im Sendeplatz nicht niederschlägt. „Im Krieg gegen den IS“ wurde am 18. Dezember 2017 zu guter Sendezeit im Spartensender ZDF-Info ausgestrahlt, einem Sender mit niedrigem Marktanteil. Im Hauptprogramm wird die Reportage nun am 24. Januar um 00.45 Uhr (!) versendet. Sie soll zwar am Sendetag noch über den Tag beworben werden, sie wird dennoch nur Menschen erreichen, die den Weg über die Mediatheken gehen können und wollen. Man kann Absicht dahinter vermuten.

In dieser ZDF-Ausstrahlung wird man auch eine Szene sehen, die die Redaktion von ZDFinfo herausgeschnitten hat. Es geht um die Schilderung einer besonders grausamen Tat, die Ermordung eines Babys. Um die Schilderung, wohlgemerkt, nicht die Szene selbst. Für Raman eines der erschütterndsten Erlebnisse seiner Reise. ZDF-Info wollte dies den Zuschauern um 21 Uhr offenbar nicht zumuten.

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