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„45 Min: Protokoll einer Abschiebung“ von Hauke Wendler

Was ist das eigentlich: „Rückführen“, oder „Abschieben“? Wie geht das vor sich und wen trifft es? Selten genug, dass Filmemacher das einmal vor die Kamera bekommen. Dafür bekam der Film 2017 den Grimmepreis (3Sat, 20.04.2018, 20.15-21.00). Hier die Begründung der Jury.

„Jeder Asylbewerber sollte aus diesen Bildern lernen“, ist einer der zahlreichen und eherhilflosen Sätze, die hier von einem Politiker zu Protokoll gegeben werden. Nach 45 Minuten hat v or allem der Zuschauer viel dazugelernt. „Zuführkommando“, „Sammelabschiebung“, „Abschiebemappe“ – die Sprachregelung allein lässt Zweifel an einem Verfahren aufkommen, das Erwachsene, Jugendliche und Kinder gleichermaßen, meist in humanitären Notlagen, trifft.

„45 Minuten: Protokoll einer Abschiebung“ ist eine Fernsehreportage, in der erstmals mit einer Kamera umfassend Bilder von einer Rückführungsaktion aufgezeichnet wurden. Dem Fernsehteam um den Filmemacher Hauke Wendler gelang es, bei der bisher umfangreichsten Abschiebeaktion in Norddeutschland dabei zu sein und zu filmen, wie Menschen zwischen drei und sieben Uhr morgens aus ihren Wohnungen abgeholt werden. Ohne Vorwarnung haben sie eine halbe Stunde Zeit, um ein paar Sachen zu packen. Das Flugzeug nach Albanien wartet in Rostock. Polizisten, die an der Rückführung mitarbeiten, Lorenz Caffier, der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Anne Spiegel, die Innenministerin von Rheinland-Pfalz, Vertreter von Hilfsorganisationen und zwei der betroffenen albanischen Familien kommen in diesem Film zu Wort. Dabei rücken die Familien in das Zentrum der Reportage. Zwei Geschichten, die stellvertretend zeigen, dass das deutsche Asylgesetz über die Drittstaatenregelung Einzelfälle nicht in angemessener und humanitärer Weise behandeln kann.

 Begründung der Jury:

„Letztendlich setzen wir nur geltendes Recht um“, lautet der Schlüsselsatz in der Reportage von Hauke Wendler. Man sieht Polizisten und andere Ordnungshüter in dunklen Hausfluren und auf sehr frühmorgendlichen Straßen unterwegs zu Familien, deren Asylantrag abgelehnt wurde, und die sich nicht auf die Rückreise in ihr Herkunftsland begeben haben. Man sieht einen Minister, der für Wahlkampfzwecke in dieser Nacht dabei ist, damit die Bürger erfahren, „dass ihr Minister etwas tut“. Der sieht nicht wirklich gut aus bei der Aktion. Auch das gilt es zu protokollieren. Der Film macht in der Kürze der Zeit, die ihm in einem fest definierten Fernsehformat zur Verfügung steht, sehr eindrücklich deutlich, was Abschiebung konkret für Betroffene bedeutet. Klug, informativ und sachlich hinterfragt Wendler das Verfahren. Die Bilder sprechen dazu ihre eigene, formal ebenso protokollarische Sprache. Sie sind besonnen eingesetzt und immer dann besonders stark, wenn sie unkommentiert dem Zuschauer Raum für eigene Gedanken geben. Die Kamera lässt sich nicht wegdrängen: nicht, als die Familie von Tochter Gezim getrennt wird, weil sie auf einer Klassenfahrt ist und gar nicht mit zurück in die Heimat geführt werden kann; nicht, als der Familienvater in Unterwäsche gegenüber dem Minister mit Basecap die Art und Weise dieser Rückführung kritisiert. Und nicht, als in einem rüden Ton den Jungs der Familie von Elidor die Handys abgenommen werden. Den Räumen der Sammelunterkunft verwiesen, filmen die Journalisten weiter durch das Fenster. Dabei sind die Bilder nie denunzierend oder manipulativ.

Wendler kommt ohne Dramatisierung im Text oder durch andere affektive Mittel aus. Seine große Stärke: Er belässt es nicht bei der Beobachtung der Abschiebung, sondern bleibt bei den Betroffenen über den Rückflug hinaus. Er besucht beide Familien in Albanien und gibt den Eltern und Kindern den Raum, von sich und ihrer aussichtslosen Lage zu erzählen. Nachhaltig erschüttert die Tatsache, dass derjenige, der einmal abgeschoben wurde, Deutschland erst wieder bereisen darf, wenn er selbst die Kosten für das Verfahren bezahlt hat. Im Pass von Gezim und seinen beiden Söhnen gibt es nun einen Stempel mit dem Wort „Deported“. Die Jury lobt die gelungene Mischung der betrachteten vielfältigen Aspekte des Themas. Besonders hervorzuheben auch der Blick nach Rheinland-Pfalz, das als einziges Bundesland seit zehn Jahren Beratungsstellen vorhält, die mit Asylbewerbern, die wenig Aussichten auf Erfolg haben, gemeinsam eine finanziell geförderte Rückreise in die Heimat erarbeitet, die vielleicht einen Neustart mit Zukunft ermöglicht. 90 Prozent der Betroffenen nehmen dies in Anspruch. Hauke Wendler nutzt das vorgegebene Format beispielhaft aus. Der Film gibt relevante Informationen, geht mutig mit der vorgefundenen Situation um und bezieht Haltung. Er befördert das Nachdenken und die Entwicklung einer eigenen Position. Das ist Aufklärung und Bildung im besten Sinne, im Sinne des Preisstifters. Davon wünscht sich die Jury mehr im deutschen Fernsehen.

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