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Was wurde aus der Sowjetunion. Von Artem Demenok

Artem Demenok, Grimmepreisträger, kennt sich aus mit der Geschichte der Sowjetunion. Zuletzt hat er gemeinsam mit Christoph Andreas Schmidt den Film „Krieg und Frieden“ über die deutsch-sowjetischen Beziehungen seit 1917 abgeliefert. In diesem Film „Was wurde aus der Sowjetunion“ (2016) beschäftigt er sich mit der Frage was eigentlich in Russland vorgeht. (HR, Do 05.04.2018, 23.15- 00.00) 

Eines der eindrucksvollsten Bilder dieses Films: Pressekonferenz der Putschisten vom sogenannten Staatskomitee, Moskau, im August 1991. Männer in grauen Anzügen, der eine ein bisschen heller, der andere etwas dunkler, aber grau, sehr grau. Und vor grauem Vorhang. Visueller Ausdruck der politischen Haltung der Putschisten: die alte graue Welt der Sowjetunion vor Gorbatschow wieder herstellen zu wollen. Nach drei Tagen gaben sie auf, die Bilder von Jelzin auf dem Panzer gingen um die Welt.

„Was wurde aus der Sowjetunion?“ist der Titel des Films von Artem Demenok, selbst in der Sowjetunion geboren, profunder Kenner der Geschichte, Autor mehrerer Dokumentarfilme zu Themen der Sowjetunion, zuletzt „Das Erbe des Krieges“. Sein Film setzt ein mit dem sang- und klanglosen Verschwinden der Sowjetunion, im Dezember 1991 bricht das Land lautlos zusammen. Gorbatschow tritt zurück und sagt, er verlasse seinen Posten „mit Sorge“. Folgten in schneller Folge: Gründung von 15 selbstständigen Staaten, Auflösung des ZK, Verbot der KPdSU, das schwere Jahr 1992 unter Jelzin mit schwerer Wirtschaftskrise, Scheitern der Privatisierung über Anteilsscheine, Hyperinflation, es profitiert allein die alte Nomenklatura, Aufstieg der Oligarchen.

Artem Demenok handelt die faktischen Ereignisse eher knapp ab. Ihm kommt es auf etwas anderes an. Seine Fragen sind heutig. Was geht eigentlich in Russland vor? Wieviel Sowjetunion steckt noch in den Nachfolgestaaten? Woher die Sowjet-Nostalgie in den slawischen Nachfolgestaaten? Wie ist der Zusammenhang mit der Ukraine-Krise? Und natürlich die Frage nach der Rolle von Putin. Maria Gajdar, Tochter des Reformpolitikers Jegor Gajdar und Kreml-Gegnerin, analysiert: Als Putin den Menschen sagte, sie würden erniedrigt, habe er die richtigen Knöpfe gedrückt, zu denen die Stimmung schon da war. Patriotismus, Nationalismus, Nostalgie.

Die Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch spricht von „imperialer Haltung“. Der Film zeigt Szenen von einer großen Show in Sewastopol auf der Krim 2016, genannt „Das fünfte Imperium“, finanziert vom russischen Staat. Alles fast wie zu Sowjetzeiten, sogar die alte Hymne wird gespielt. „Vorwärts in die Vergangenheit“, sagt der Kommentar. „Wir sind erkrankt am imperialen Syndrom“, sagt Gennadi Burbulis, ehemals Jelzins Vize, „das ist eine schwere Krankheit. Diese Krankheit muss man überstehen, weil die Wurzeln sehr tief sind“. Es handle sich nicht um das übersteigerte Selbstgefühl eines Einzelnen. Damit meint er Wladimir Putin.

Swetlana Alexijewitsch ist eine der tragenden Figuren dieses Films. Sie kennt die politische und gesellschaftliche Gefühlslage sehr genau, in ihrem Buch „Secondhand Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ hat sie das alles recherchiert und beschrieben. Neben ihr fährt der Film gewichtige Zeitzeugen auf, die selbst aktiv das Erbe der Sowjetunion abgewickelt haben. Gennadi Burbulis sagt:„ Der Zerfall der Sowjetunion war für jeden eine Tragödie. Aber die Sowjetunion war ein gefährlicher Staat, also handelt es sich um eine optimistische Tragödie.“ Stanislaw Schuschkewitsch war Vorsitzender des Obersten Rats der Sowjetrepublik Weißrussland, die bis heute regiert wird wie eine Sowjetrepublik. Und Leonid Krawtschuk, der erste Präsident der unabhängigen Ukraine, analysiert, Russland sei militärisch stark, aber nicht wirtschaftlich – und habe immer noch nicht gelernt, Konflikte ohne Gewalt zu lösen.

Interessant in diesem Kreis ist der junge Abgeordnete Sergej Schargunow, für die Kommunistische Partei in der Duma, in einer merkwürdigen Mischung aus Sowjet-Nostalgie, politischer Opposition und reaktionärem Romantizismus. Und warum hatte die Demokratie keine Chance? Swetlana Alexijewitsch glaubt, „die meisten von uns leben mit einem Gefühl der Niederlage“. Maria Gajdar erinnert an die Illusion, geglaubt zu haben, „dass der freie Markt freie Menschen hervorbringt“- er brachte Kapitalismus und eine autoritäre Regierungsform.

Visuell versucht Demenok seinen Stoff mit dem dramaturgischen Einsatz einiger Insignien der Sowjetunion zu bändigen, etwa mit Denkmälern (wie er das auf sehr schlüssige Weise auch in „Das Erbe des Krieges“ schon getan hat). Die Statuen der Säulenheiligen von Lenin bis Breschnew, Bronze oder Marmor im Moskauer Skulpturenpark in die Geschichte entsorgt. Das Dscherschinski-Denkmal vor dem Gebäude des KGB in Moskau. Oder das berühmte Denkmal von Arbeiter und Kolchos-Bäuerin, in starkem expressionistischem Gestus nach vorn strebend. Der Regisseur setzt diese Idee aber leider nicht erzählerisch konsequent um, sie funktioniert nicht. Was auch am Format liegen mag. Das 45-Minuten-Format ist für diesen Stoff und seine Tragweite einfach das falsche. Es ist zu vermuten, dass es auch den Regisseur behindert hat, von dem man aus anderen Filmen weiß, dass und wie er filmisch erzählen kann.

Einmal rekapituliert der Autor knapp, die Augusttage 1991 seien weitgehend vergessen. Vielleicht muss man im Nachgang zu Demenoks Film bei Gelegenheit den ganz anders gearbeiteten Film „The Event“ von Sergej Loznitsa (2015) sehen, der von den drei Augusttagen in Leningrad erzählt – und zwar ausschließlich mit Archivmaterial.

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