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Trust WHO. Von Liliane Franck

„Was macht eigentlich die Weltgesundheitsorganisatin WHO?“ Eine interessante Frage. Die Filmemacherin Linliane Franck ist ihr nachgegangen. Und Heike Heinrich hat ihren Film gesehen und findet viel Selbstdarstellung und, gemessen am Stoff, zu wenig interessante Information.

Was macht eigentlich die WHO? Mit ihren 7000 Mitarbeitern, so erfahren wir im Film „trust WHO“ hat sie großen Einfluss auf die Regierenden in der Welt, weil sie die Normen für die öffentliche Gesundheitsfürsorge und die medizinische Versorgung festlegt. Das war dann an sachlicher Information auch schon fast alles in diesem Film. Liliane Franck hat ein großes persönliches Interesse. Es geht ihr auch um die Gesundheit für eine zukünftige Generation, für ihre Tochter. Persönliches Interesse treibt doch wohl die meisten Filmemacher an. Es immer wieder zu betonen und sich selbst nebst Tochter zu inszenieren, macht allerdings noch keinen interessanten, stimmigen Film. Zuweilen unhöflich wirkt es, wenn die Interviewerin bei sehr interessanten Gesprächspartnern immer wieder im Gegenschnitt vorkommt.

Wir sehen die Filmemacherin sehr viel telefonieren, in Autos fahren, Interviews organisieren oder Absagen dafür bekommen. Der Zuschauer weiß nun, es handelt sich um investigative Recherchen. Die Erkundung führt in verschiedene Länder und zum als These aufgestellten Versagen der WHO in vier prominenten Fällen seit den 1950er Jahren: dem Umgang mit der Tabakwerbung, der Erklärung der Schweinegrippe mit dem Virus N1H1 zu einer Pandemie sowie zu den Ereignisse um die beiden bisher größten Kernkraftwerkskatastrophen in Tschernobyl und Fukushima. Es geht um die Verstrickung von Industrie und WHO zur gegenseitigen Vorteilsnahme und um die nicht vorhandene Durchsetzungskraft der Organisation  gegenüber abgeschotteten gesellschaftlichen Systemen und kritikresistenten Regierungen. Es geht um Korruption und Vertuschung. Das hört sich gewaltig an, bleibt aber sehr einseitig erzählt. Wichtige Quellen der Filmemacherin sind der amerikanische Journalist Robert Parsons, der seit über 20 Jahren zur WHO berichtet sowie Vertreter der NGO „Independent WHO“.

Robert Parsons hat vor allem Dokumente zusammengetragen, die Verfehlungen im Zusammenhang mit Beratungstätigkeiten aufdecken. Wissenschaftler berieten WHO und Tabakkonzerne oder Pharmaunternehmen gleichzeitig. Es geht um die Finanzierung der WHO, die eigentlich durch die Mitgliedsländer zu leisten ist, damit die Organisation unabhängig arbeiten kann. Wie bei vielen Organisationen der Vereinten Nationen funktioniert das mehr recht als schlecht. Teure Bankkette zur Vorbereitung der regelmäßigen Weltgesundheitskonferenzen kommen da ebenso problematisch zur Sprache, wie kritische Wissenschaftler, die von Studien ausgeschlossen werden, weil diese Studien von der Pharmaindustrie finanziert sind. All das kennen wir aus dem deutschen Gesundheitssystem ja auch irgendwie. Dann kommt die Schweinegrippe, die angeblich zur Pandemie erklärt wurde, weil zahlreiche Länder Geheimverträge mit der Pharmaindustrie zum Erwerb von Impfstoffen im Falle einer Epidemie abgeschlossen hatten. Auch das war schon mal als Thema in  Deutschland in verschiedenen Reportagen aufgeklärt worden.

Dann geht es nach Tschernobyl und zur Frage der unterlassenen Informationspolitik angesichts der Gefährdung Nord- und Mitteleuropas durch die atomare Wolke. Und zuletzt steht die Kritik an der japanischen Regierung, weil kein Jod an die Kinder in Fukushima und den von dem Reaktorunglück betroffenen Regionen verteilt wurde. Nichts ist davon wirklich neu.

Viele Gesprächspartner aus der WHO kommen zu Wort. Der Pressesprecher macht keine so gute Figur. Andere vertreten die Politik der WHO, das ist ihr Job. Kritiker verweisen auf die Schwachstellen im System. Ehemalige Mitarbeiter sind inzwischen bei „Independent WHO“ und stützen die Vorwürfe von zwei Wissenschaftlern und einem Journalisten. Das wird auf 90 Minuten sehr redundant.

Leider kommen die bahnbrechenden Leistungen der WHO, die inzwischen zu einem großen Umdenken in der Frage „Was ist Gesundheit?“ geführt haben, nicht vor. Die Konferenz von Rio, die 1980 eine neue Definition geliefert hat, dafür, dass Gesundheit nicht nur die Abwesenheit von Krankheit ist, sondern ein gesellschaftlicher Zustand, der das gesamte Lebensumfeld eines Menschen betrifft, wird nicht erwähnt. Wäre aber in Bezug auf Gesundheit und Zukunft interessant gewesen.  In Deutschland heißen die meisten Krankenkassen inzwischen Gesundheitskassen.

Gesundheit ist ein Fall für die Menschenrechte. Die WHO organisiert und setzt medizinische Hilfen in Kriegs- und Krisengebieten durch, wie gerade jetzt unter sehr schweren Bedingungen in Syrien.

So dräut es gewaltig im Film, auch durch die nicht glücklich gewählte Musik. Es bleibt  ein Blick auf eine aktuelle Misere, die sich am Ende des Films doch noch offenbart. Da gelingt es der Filmemacherin, nachdem ihre Interviewanfrage an die Präsidenten der WHO abgelehnt wurde, auf einer offiziellen Pressekonferenz nach der Verstrickung mit der Industrie, der Schieflage und der persönlichen  Verantwortung der Präsidentin zu fragen. Die Frage ist zu lang und ziemlich durchsichtig. Aber die Antwort von Frau Chan ist nicht nur sehr souverän sondern wirklich spannend. Da geht es um die Finanzierung dieser WHO. Die Aufklärung hierzu und vor allem den Unterlassungen mal nachzuspüren, wäre ein interessanter Film geworden. Stattdessen fragt die Filmemacherin „Was mache ich jetzt mit dem Wissen?“ Und „Bin ich nun am Ende?“. Das frage ich mich als Zuschauer dann allerdings auch. Da wurde zum Mit- und Nachdenken viel vorgeschrieben und dennoch bleiben am Ende viele Fragen offen, zum Beispiel „Was macht eigentlich die WHO?“.

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