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Hundesoldaten. Von Lena Leonhardt

Ulmen bei Koblenz in der Eifel – viel Grün, keine Nachbarn: Mitten im Wald bildet die Bundeswehr ihre Diensthunde aus – rund 600 pro Jahr. Von hier aus gehen sie mit ihren menschlichen Kameraden – oder sagen wir besser: Vorgesetzten – in den Kriegseinsatz. Lena Leonhardt erzählt in ihrem Film von diesem besonderen Verhältnis. Ihr Film bekam 2017 den Grimmepreis. ( Noch in der Mediathek von 3Sat).  Hier die Begründung der Jury.

Ulmen bei Koblenz in der Eifel – viel Grün, keine Nachbarn: Mitten im Wald bildet die Bundeswehr ihre Diensthunde aus – rund 600 pro Jahr. Von hier aus gehen sie mit ihren menschlichen Kameraden – oder sagen wir besser: Vorgesetzten – in den Kriegseinsatz, sollen Minen oder Sprengstoff aufspüren, den Feind stellen, ihr Herrchen bewachen und nicht zuletzt nach Ende des Einsatzes traumatisierte Seelen trösten. Das Ziel ist mehr als eine Partnerschaft, eine Art Symbiose – und doch muss im Ernstfall unmissverständlich klar sein, wer das Sagen hat. Wie die Bundeswehr Gehorsam von ihren Soldaten fordert, tun diese es von ihren vierbeinigen Begleitern. Für „Hundesoldaten“, ihren Diplomfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg, hat Lena Leonhardt eine Gruppe von Diensthunden von der Geburt bis zum Ende ihrer Ausbildung begleitet. Die Autorin wirft damit ein Schlaglicht auf einen vermeintlichen Randaspekt des Militärischen und entwickelt daraus einen essayistischen Blick auf eine Kernfrage: Was bedeutet es, Soldat zu sein? Was macht den Beruf aus? Und kann es sein, dass Hunde am Ende die besseren Soldaten sind?

Christopher führt eine Art Dreiecksbeziehung – mit seiner Lebensgefährtin und mit Vito. Wenn Christopher Vito versunken das Fell krault, kann die Freundin schon mal eifersüchtig werden. Doch Christopher hat eine gute Entschuldigung: Es ist sein Job, Schäferhund Vito emotional an sich zu binden, er tut dies gar im Auftrag und zum Wohle der Bundesrepublik Deutschland. Christopher ist Bundeswehr-Diensthundeführer in der Ausbildung und Vito Gefährte und Waffe zugleich. Oder eher anders herum, denn im Gegensatz zum klassischen Haustier ist der Hund beim Bund zuvorderst Mittel zum Zweck. Ausbilder Lang spricht gern vom „Waffensystem“ mit 42 Zähnen.

Es ist eine sehr eigene Welt, in die Lena Leonhardt den Zuschauer in „Hundesoldaten“ entführt. Im Off-Kommentar heißt es: „Hundeführer sind in jeder Kompanie ein Sonderfall, irgendwie anders, irgendwie seltsam.“ Wenn Ausbilder Lang Soldaten und Hunde zum ersten Mal im Zwinger zusammenbringt, klingt das wie ein Besuch im Bordell: „Geht rein, guckt sie euch an. Lasst euch Zeit, ne.“ Auch gibt es wohl nicht viele andere Menschen, die ob des festen Bisses eines Schäferhundes derart in Verzückung geraten können wie er.

Lena Leonhardt schaut genau hin, ohne ihre Protagonisten zu denunzieren. Doch ihr Blick reicht übers Deskriptive weit hinaus. Mit Hilfe der unnachahmlich entrückt klingenden Off-Erzählstimme von Schauspielerin Jeanette Hain und eingestreuten Archivaufnahmen aus den letzten 100 Jahren gelingt ihr eine Reflexion über Sinn und Unsinn des Diensthundewesens, ja des Soldatseins an sich. Angestrebt werde „eine Art Erste-Klasse-Kameradschaft, eine Zweierbindung, die so zwischen Soldaten gar nicht möglich oder zumindest nötig wäre“, heißt es.

Erfrischend ist Leonhardts Film auch deshalb, weil er vor kühnen, zumeist treffenden Vergleichen nicht zurückschreckt. So erinnert die mitunter schwierige Annäherung zwischen Mensch und Tier an die „Erzählungen vieler Großmütter, die ja auch erst lernen mussten, ihren Mann zu lieben: Erst denkst du, es geht nicht und dann wird’s doch ganz schön.“

„Hundesoldaten“ ist intelligentes, auch heiteres dokumentarisches Fernsehen, das Erlebnisräume öffnet, Deutungen anbietet, den Zuschauer aber in keiner Sekunde bevormundet. Auch bei Autorin Leonhardt ist der Hund letztlich nur Mittel zum Zweck: um in die Seele der Herrchen und ins Innere der Bundeswehr zu schauen. Die Leichtigkeit, mit der ihr dies gelingt, hat die Jury tief beeindruckt. Der Grimme-Preis in der Kategorie Information und Kultur wird begleitet von der Hoffnung, dass Leonhardts Diplomfilm noch viele weitere Produktionen mit ihrer eigensinnig-melancholischen Handschrift folgen werden.

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