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Furusato – Von Thorsten Trimpop.

Der Film von Thorsten Trimpop erzählt jenseits der Nachrichtenbilder vom Leben und dem Versuch, Alltag zu gestalten im radioaktiv verseuchten Gebiet um Fukushima. Ab 08.03.2018 in den Kinos. Heike Heinrich hat den Film schon gesehen.

Furusato hat im Japanischen zwei Schriftzeichen. Es ist jedoch ein sehr komplexes Gebilde, von dem, was über unsere Vorstellung von Heimat weit hinausreicht. „Der Begriff Furusato ist in der japanischen Kultur fest verankert und Ausdruck der dramatischen Veränderungen, die aus Japans Modernisierung hervorgegangen sind. Er lässt sich mit ‚zu Hause‘ oder ‚Heimatstadt‘ nur unzureichend übersetzen; Furusato beschreibt nicht nur die Landschaft unserer Kindheit, die für immer verschlossen ist, sondern auch die letzte Landschaft, die wir sehen, bevor wir sterben.“ – schreibt der Autor und Filmemacher über sein Filmmotiv. Er selbst führt uns in die 20-Kilometer-Sperrzone jenseits des teilweise zerstörten Atomkraftwerks „Fukushima Daiishi“. Seine Dreharbeiten begannen 2012,  etwas mehr als ein Jahr nach der, am 11. März 2011 die Welt erschütternden Katastrophe an der Ostküste Japans.

Am Beginn sehen wir eine Landkarte, auf der die Katastrophe optisch nachgezeichnet wird. Akustisch hören wir den Tsunami. Minamisōma war unmittelbar von der Katastrophe betroffen. Menschen mit Geigerzählern, in Schutzanzügen und mit Atemmasken begegnen uns fortwährend in diesem gespenstisch anmutenden Film. Die Geisterstadt ist zweigeteilt. Unmittelbar nach der Katastrophe wurde der Ort evakuiert. Der Stadtteil Odaka gilt als unbewohnbar, 13.400 Menschen lebten hier. Zwei andere Stadtteile sind  als sicher und nahezu unbedenklich eingestuft worden. Da kommen doch starke Zweifel an Behörden und Regierung auf. In diese Stadtgebiete kehren langsam Bewohner zurück. Die Menschen konnten frei entscheiden, ob sie ihre Heimat verlassen oder zurückkommen wollen. Thorsten Trimpop begleitet fast zwei Jahre lang das schrittweise Zurückkehren als Annäherung an dieses Furusato. Zu seinen Protagonisten gehören unter anderem der Aktivist Bansho, die Pferdezüchterin Miwa oder der junge Musiker Kazuki. Familien haben ihr Hab und Gut verloren. Katzen sind heilige und beliebte Haustiere in Japan. Kinder weinen um sie, wenn die Tiere tot an Straßenrändern oder auf verlassenem Besitz aufgefunden werden.

Als stiller Beobachter geht der Filmemacher, der selbst die Kamera führt, mit zurück an die Orte des einstigen Lebens. Allen ist klar, hier ist es gefährlich. Dennoch leben die meisten seit vielen Generationen hier: im Tempel, auf der Pferdefarm, in ihren Häusern. Die beobachtende Kamera bietet dem Zuschauer die Möglichkeit, den Menschen in Minamisōma sehr nah zu kommen. Obgleich man ihre Namen nicht erfährt – und auch das ist sehr japanisch, man macht nicht viel Aufhebens um sich – erfahren sich die Schicksale in einer großen Unmittelbarkeit. In wenigen Gesprächen reflektieren die Rückkehrer ihre Situation. Sie sprechen über die Träume und die Zukunft, die es nicht mehr gibt, über die Zukunft, die sich alle vor allem für die Kinder so ersehnen. Der Aktivist Bansho zum Beispiel kommt freiwillig in die Region. Er will psychologische Hilfestellung geben und warnt vor der radioaktiven Strahlung, die er überall misst.  Er versucht die Schulwege auch von feinsten Staubkörnchen zu befreien. Und als die Behörden einen traditionellen Wettlauf der Grundschule trotz hoher Radioaktivität stattfinden lassen, geht er zunächst in den Hungerstreik und dann Atemschutzmasken verteilen. Wir sehen, wie Bansho seine langen vollen Haare verliert und wie er schwer krank zu seiner Familie zurückkehrt.

Miwa, die Tochter des Pferdezüchters, der die kleine Farm in vierter Generation führt, leidet mit den Tieren. Schreckliche Bilder vom Verenden der Pferde stehen neben der Hoffnung, sie wird in fünfter Generation weitermachen. Dafür lernt sie nun alles vom Vater, geht nicht weg. Ihr Vater möchte sie, die das Leben noch vor sich hat, in Sicherheit wissen. Aber auch Miwa wird von Furusato getragen. Am Ende ist sie Teilnehmerin eines großen traditionsreichen Samurai-Festes. Zum Pferderennen tritt sie mit einem der letzten gesunden Tiere an.

Irgendwann lernen wir Kazuki kennen. In einer Garage spielen Jugendliche Hard-Rock und singen englische Texte. Es ist ein Stück Rebellion gegen die Verzweiflung. Kazuki geht später nach Tokio mit seiner Gitarre. Neben der Verzweiflung erzählt Thorsten Trimpop aber auch von der Scham der Verantwortlichen, vom Ingenieur, der als Sicherheitsbeauftragter im Kernkraftwerk gearbeitet hat. Nur schwer kann er vom Tag der Katastrophe berichten. Die Schuld wird er nicht mehr los.

Weit weg sind Politik und Verwaltung. Das erzeugt beim Zuschauer große Empörung, sicher nicht unbeabsichtigt vom Filmemacher. Was, fragt man sich, geht da vor? Opfert die Politik dort Menschen, nur um den Schein der Normalität zu wahren? Arbeitertrupps in kaum erkennbarer Schutzkleidung tragen Pflanzen und Böden ab und verstauen kontaminiertes Material in schwarzen Plastiksäcken. Die Bilder sind kaum zu ertragen. Unendliche Flächen sind durch die Landschaft gepflügt worden, wo nun Millionen dieser Abfallsäcke lagern. Wieder direkt am Wasser.

Die große Verbundenheit zur Landschaft, die Trimpop in würdevollen, poetischen Bildern einfängt – Wasser, Berge, nebelumhüllte Wälder, stille Schönheit – stehen in so bedrückendem Gegensatz zum Umgang mit ihr. Die selbstauferlegten Lügen münden in einem Lied, das die Kinder von Minamisōma singen. Darin heißt es, wir bleiben in Fukushima, wir lieben Fukushima, wir wollen es retten und beschützen. Niemals stellt der Film die große Verbundenheit der Menschen zu diesem Geburtsort, zum Land, zu den Traditionen und zum Glauben seiner Protagonisten an eine Zukunft in Frage. Er lässt ihnen die Würde, die zu dieser, uns völlig fremd, bisweilen irrwitzig erscheinenden, Kultur gehört. Ihr Leid, ihre Demut haben eine Kraft, vor der ein großer Respekt bleibt.  Jenseits von Nachrichtenbildern, die auch längst vergessen sind, hat sich Thorsten Trimpop die Zeit genommen, etwas von Furusato zu verstehen. Seine Bilder, von der unsichtbaren Gefahr atomarer Verseuchung entstehen genau dort, wo das einfache Leben mit dieser Gefahr ringt. Sie sind eindringlich, poetisch und formvollendet. Fast steht ihre Schönheit im Widerspruch zu dem Horror, den er auch zeigt, ohne zu dramatisieren. Dazu tragen die behutsam eingesetzte Musik und das Sounddesign bei, das historische Aufnahmen vom Bau und der Arbeit im Kernkraftwerk trennt und mit großer Zurückhaltung den Geräuschen vor Ort, den Tönen der Straße, den leise geäußerten Gedanken der Menschen Raum gibt. Ganz wunderbar ist dieser Originalton erhalten und der Film untertitelt.

Furusato – Wunde Heimat  erhielt 2016 auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival DOK Leipzig die „Goldene Taube“ für den „Besten Deutschen Dokumentarfilm“. Nach einer Reise zu vielen internationalen Festivals kommt der Film nun in Deutschland in die Kinos. Große Empfehlung!

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