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Zwölf Tage, zwölf Nächte in Damaskus. Von Roshak Ahmad

In unserer medialen Wahrnehmung ist Damaskus nicht der Hauptschauplatz im syrischen Bürgerkrieg. Homs, Aleppo, Palmyra, das waren und sind die Brennpunkte.Der Film „Zwölf Tage, zwölf Nächte in Damaskus“ belegt, dass das offenbar eine Fehlwahrnehmung ist. Auch in Assads Metropole wird gekämpft, stehen Einheiten der sogenannten Freien Syrischen Armee gegen Assads Truppen. Einen ganz kleinen Teil dieser Kämpfe beobachtete die Filmemacherin Roshak Ahmad aus nächster Nähe (tagesschau 24, 12.02.2018, 20.15-21.00).

Die Filmemacherin  begleitet mit der Kamera einen Trupp der Freien Syrischen Armee in Damaskus. Sie filmt die Stunden und Tage eines erbitterten Häuserkampfs. In einem Wohnblock im Viertel Jamas haben sich Scharfschützen der Syrischen Armee verschanzt, sie kontrollieren von dort den Zugang zum Süden von Damaskus. Die Assad-Gegner wollen diese Sniper vertreiben.

Davon erzählt diese klassische Reportage. Die Autorin steckt mitten drin und dreht ihr filmisches Tagebuch, in dem sie auch ihre eigene Kriegserfahrung zu verarbeiten sucht: „Ich will verstehen, was hier passiert“ sagt sie mehrfach. Der Anführer dieser kleinen Truppe, Abu Omar, hat den Dreh erlaubt. Alltägliches Kampfgeschehen. Zwei Tage waren vorgesehen, um die Scharfschützen auszuschalten. Aber verschiedene Angriffe misslingen, werden zurückgeschlagen. Die Lage ist unübersichtlich. Zwischendurch stoßen Kämpfer aus anderen Gebieten dazu, niemand weiß, woher sie kommen. Eine Kanone wird angeliefert, sie vergrößert die Feuerkraft, aber wer kann sie bedienen? Die Kämpfer selbst haben wenig militärische Ausbildung, vor dem Bürgerkrieg übten sie normale Berufe aus. Ihre Ausrüstung ist schlecht. Sie haben keine Helme, wenig Funkgeräte, keine Schutzkleidung. Eine Wärmebildkamera hilft ihnen, die Bewegungen des Gegners im Wohnblock zu verfolgen.

Es gibt auch Einblicke in den Alltag im umkämpften Viertel. Plötzlich taucht eine Mini-Demonstration von vielleicht 15, 20 jungen Männern auf, vielleicht die letzten Demonstranten in Damaskus, wie die Autorn vermutet. Sie sieht eine Krankenstation im Keller, es fehlt am Notwendigsten, nur noch zwei Ärzte sind überhaupt da. Aber auch eine Hochzeitsfeier kann die Autorin drehen. Es wird getanzt und es gibt Wasser und Süßigkeiten, es feiern natürlich nur Männer. Sie wundert sich darüber, dass die Kämpfer auch fröhlich sein können: „Ich lerne, dass das Lachen auch eine Konfrontation mit dem Tod ist.“

Das ist alles sehr unmittelbar gedreht, aus der Ich-Perspektive. Wir erfahren die Gründe nicht, warum sie mitdrehen darf, vermutlich will die Gruppe, dass ihr Kampf auch wahrgenommen wird. Aus der unmittelbaren Wahrnehmung des Kampfgeschehens heraus wagt Roshak Ahman auch Verallgemeinerung. Sie stellt vor allem die Frage, warum in den Reihen der Assad-Gegner die islamistische Al-Nusra-Front immer mehr Anhänger gewinnt. Die Antwort, aus der Reportage selbst zu entnehmen: der Sold ist höher und die Waffen sind besser. Den Männern, die ums Überleben kämpfen, sind ideologische Gründe oft egal. Und so endet diese Reportage auch. Der zähe Häuserkampf wird erst beendet, als die Truppe das Angebot der Islamisten annimmt, eine Autobombe einzusetzen. Der Block wird gesprengt, Assads Soldaten auf der Flucht erschossen.

Wie unterm Mikroskop weisen die Beobachtungen dieser Reportage auf weiterreichende Entwicklungen im syrischen Bürgerkrieg. Wir bekommen im Detail mit, wie Al-Nusra allmählich die Oberhand gewinnt. Inzwischen ist, das ist aber nicht mehr Teil des Films, die Organisation eingegliedert in das eingangs zitierte Terrornetzwerk Tahrir al-Scham und attackiert nunmehr ihrerseits Kämpfer der Freien Syrischen Armee.

Die Autorin Roshak Ahmad ist in einer kurdischen Familie in Syrien aufgewachsen, studierte Kunst und arbeitete bis 2014 als Journalistin in Damaskus, u.a. als Korrespondentin für die Deutsche Welle, Reuters, Sky News Arabia und Al-Jazeera. Sie lebt jetzt in Deutschland.

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