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Refugee 11. Von Jean Bouè

Ein rechter Ausländerhasser hat einmal gesagt, er möchte Flüchtlinge gar nicht näher kennen lernen, denn dann könne er sie nicht mehr hassen. Nähere Bekanntschaft, also Hassabwehr, das haben in den letzten mehrere Filme ermöglicht. Bei diesem Film läuft das Kennenlernen über den Fußball:  „Heimat Fußball – Refugee 11“  von Jean Bouè. (So 25.02.2018, 01.30 – 03.00) 

Fußball und Heimat, das heißt in diesem Fall Erftstadt in der Nähe von Köln und 1. SC Germania Erftstadt-Lechtenich IV. IV wiederum heißt vierte Mannschaft in der Kreisklasse C, also unterste Liga, aus der man auch nicht mehr absteigen kann. Die Mannschaft wurde im Sommer 2015 gegründet und in ihr spielen 27 Geflüchtete aus 16 Ländern.  Der Film begleitet sie nun in ihrer ersten Saison.

Er begleitet sie auch in ihren näheren Lebensumständen und die sind in Erftstadt nicht anders als sonstwo. Sammelunterkünfte, Vierbett-, manchmal Sechsbettzimmer, kaum Privatsphäre. Oder in einer Containerunterkunft. Oder in einem ehemaligen Reiterhof. Fast nur junge Männer, einige Familien. Sie warten. Auf den Asylantrag, auf die Abschiebung, darauf, dass irgendetwas weitergeht in ihrem Leben. Da ist der Fußball eine wichtige Gelenkstelle: Ablenkung, verbindende Kraft, Zusammenhalt, gemeinsamer Erfolg, gemeinsames Lachen. Dreimal wöchentlich wird trainiert, am Sonntag gespielt. Wenigstens da können sie gewinnen.

Zwischen diesen Polen Alltag, Fußball und Lernen sind die Geschichten des Films ausgespannt. Die Saison auf dem Platz liefert auch die Dramaturgie, zwischen den Spielen entfalten sich kleine Binnengeschichten. Der Blick der Geflüchteten auf die Deutschen ist positiv. Keiner hat mich je Neger genannt, sagt der eine. Ein anderer erklärt sie zu weltoffenen Leuten und hat sogar Verständnis für Ängste, in einem Dorf oder einer Kleinstadt. Sie haben alle kapiert, dass sie Deutsch lernen müssen, sie geben sich größte Mühe, mit wechselndem Erfolg. Abdullah Youla Daffe schaltet in seinem Zimmer das Kinderfernsehen an, Trickfilme, um die Sprache zu lernen.

Abdullah ist einer von drei Protagonisten, deren Geschichte der Film ausführlicher erzählt. Seine Fluchtgeschichte ist die härteste. Über den Zaun in Melilla hat er zu klettern versucht, mit vielen anderen, ist schwer verletzt und verprügelt worden, in einem Krankenhaus in Marokko haben sie ihn wieder zusammengeflickt. Er hat auch ein Problem, bei dem sich mancher zunächst denken mag, er solle sich nicht so anstellen: er will unbedingt ein blitzblankes Badezimmer: „Im Dreck zu leben, macht mich verrückt“ sagt er. Und seine Familie in Conakry sei bitter arm gewesen, habe aber niemals Dreck zugelassen. Es dauert, bis man für ihn eine kleine Wohnung findet, in der er sich wieder wohlfühlt.

Dann ist da Denald Jonizas aus Albanien. Er ist mit seiner Familie gekommen und sie wissen, dass die Abschiebung auf sie wartet. Sie seien vor der Blutrache geflohen, sagt er. Auf dem Fußballplatz ist er ein Hitzkopf, stets kurz vor der Roten Karte, er lässt seinen ganzen Frust raus und muss lernen, dass Fußball auch heißt, zu zeigen, dass man fair spielen könne. Obwohl die ganze Familie weiß, dass sie keine Chance auf Asyl hat, hält sie an der Hoffnung fest. Als die Mutter zu weinen beginnt, verlässt sie den Raum, die anderen bleiben zurück, lange lässt der Film das Schweigen stehen.

Ein ganz ruhiger Zeitgenosse dagegen ist Eyad Ibrahim aus Syrien. Er hat in Damaskus Englisch studiert, jetzt sitzt er hier und wartet und sagt: „Viel Zeit zum Glücklichsein haben wir hier alle hier nicht“. Ob er Asyl bekommen wird, weiß er nicht: „Ich hoffe, ich werde ein normales Leben führen, egal wo. Vielleicht in Deutschland. Aber nur, wenn ich hier akzeptiert werde von der Gesellschaft.“

Drei Einzelschicksale, jeder hat hier seine eigene Geschichte, keiner ist über einen einfachen Asylkamm zu scheren. Die Perspektive dieser Menschen bestimmt die Filmerzählung. Die drei Protagonisten sind auch ästhetisch herausgehoben, vor dunklem Hintergrund fotografiert, sie sprechen direkt in die Kamera, also zu uns. Sie schauen mit auffordernden Blicken.

Wichtig für den Film (und für die Flüchtlinge) sind aber auch Menschen wie Sandy Auert, die taffe Integrationsbeauftragte, die ihren Job wirklich aktiv interpretiert und nach Lösungen sucht, wo andere schon keine mehr sehen.  Und Alois Görgen, der Trainer. Ein ruhiger, offenbar in sich ruhender Mann, der sich einiges aufgeladen hat mit seinem Engagement. Er organisiert die Spiele, ruft per sms zum Training, denn Pünktlichkeit, das ist das größte Problem aller, er wäscht die Trikots, macht Mut, staucht seine Spieler auch schon mal zusammen und sagt: „Man kann die Jungs nicht hängen lassen“. In ihm verdichtet sich auch die Philosophie des Films: Er verlangt den Spielern Disziplin ab, weil er denkt, wer in der Mannschaft zurechtkomme, der könne es auch in der Gesellschaft schaffen.

„Refugee 11“ ist nicht nur ein Dokumentarfilm, sondern auch ein Webvideoprojekt, das Anfang April gestartet ist und von der Bundeszentrale für politische Bildung betrieben wird. Es basiert auf der Idee, elf Amateure des 1.SC Germania mit Fußballprofis aus den  zusammenzubringen, die auch eine Flüchtlingsgeschichte haben und den Gedankenaustausch zu fördern. Basierend wohl auf der Vorstellung, über Identifikation mit bekannten Sportlern junge Menschen eher zu erreichen. http://refugee11.de/

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