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„Night Will Fall – Hitchocks Lehrfilm für die Deutschen“. Von André Singer

70 Jahre lang lagen die Filmrollen in den Archiven. Eigentlich wollte Alfred Hitchcock einen großen Dokumentarfilm über die Konzentrationslager herausbringen. Aber dann kam der Kalte Krieg dazwischen. Ein Film über einen Film. (Noch in den Mediatheken von ARD und MDR)

Der Film sollte den Deutschen ihre Verbrechen in den Konzentrationslagern vor Augen führen und Alfred Hitchcock sollte Regie führen. Er hat nicht selbst gedreht. Die Bilder stammten von den Kameraleuten, die als erste mit den Truppen ihres Landes die Konzentrationslager erreichten. Die sowjetische Armee in Auschwitz, die britische in Bergen-Belsen und Majdanek, die amerikanische in Buchenwald. Die Aufgabe der Kameraleute war, zu dokumentieren. Beweise mit Hilfe des Films zusammenzutragen, die sagen sollen: Das haben wir gesehen, das ist geschehen.

Ein Projekt war groß angelegt. Der britische Filmproduzent Sidney Bernstein wollte, nachdem er selbst die Verbrechen in Majdanek gesehen hatte, einen großen Dokumentarfilm produzieren, die die bekanntesten und besten Filmemacher sollten ihn fertigstellen. Daher das Angebot an Alfred Hitchcock, der sich aus den USA sofort auf den Weg nach London machte. Bernstein gab den Kameraleuten auch klare Aufträge: sie sollten Beweise sammeln, sollten das Geschehen dokumentieren. Das lief sehr unterschiedlich. Die Kameramänner der Roten Armee etwa kamen erst weit hinter ihren Truppen nach Auschwitz: sie stellten also Szenen nach. Zum Beispiel den Marsch der Zwillinge, die Mengeles Menschenversuche überlebt hatten, in gestreifter Sträflingskleidung, zwischenzwei Stacheldrahtzäunen – oft verwendete Szenen. In „Night Will Fall“ äußern sich drei Menschen, die als Kinder überlebt haben und keiner bestreitet die Authentizität dieser Aufnahmen. Die Augenzeugen sehen sich hier selbst als die Kinder, die sie damals waren.

Dass am Ende der geplante Film nicht fertig gestellt wurde, ist der britischen Politik zuzuschreiben. Hitchcock saß noch am Schneidetisch, da kam der Ukas aus dem britischen Außenministerium, es sei jetzt die Strategie, die Deutschen „aus ihrer Gleichgültigkeit zu befreien und zu ermutigen“. Da war ein Film über die Verbrechen nicht opportun. Der Autor von „Night Will Fall“ deutet auch an, darin sei auch schon die politische Kehrtwende zum Kalten Krieg gegen die Sowjetunion spürbar. Die Filmrollen samt den Notizen der Kameraleute verschwanden in den Archiven. Allerdings nicht ganz. Einige Sequenzen wurden als Beweismittel in den Naziprozessen gebraucht. Außerdem brachten die USA selbst schnell einen eigenen Film mit diesem Material heraus, an dem Billy Wilder beteiligt war: „Die Todesmühlen“. Daraus stammen auch die meisten der Sequenzen, die seither immer wieder in den Dokumentationen und Dokumentarfilmen verwendet wurden.

So sehen wir jetzt, 70 Jahre danach, in „Night Will Fall“ einen Film über einen Film, den das Imperial War Museum wieder hergestellt hat und der unter dem Titel „German Concentration Camps Factual Survey“ 2014 auf der Berlinale gezeigt wurde. Einen Film über die Geschichte eines Films, die zugleich eine Geschichte über die Verarbeitung der Nazi-Greuel ist. Wir sehen noch einmal die grauenhaften Bilder aus Majdanek, Bergen-Belsen, Auschwitz, Buchenwald, Dachau. Wir hören die Kameramänner, die nicht vorbereitet waren auf das, was sie hier antrafen. Man trifft noch einmal auf Benjamin Ferencz, der in den Nürnberger Prozessen mit 27 Jahren als Generalstaatsanwalt auftrat und der als alter Mann immer noch nicht die Tränen zurückhalten kann, wenn er sich erinnert. Wir werden auch darauf hingewiesen, dass weder die USA noch Großbritannien bereit waren, Überlebende aus den Konzentrationslagern aufzunehmen. Und wir hören die Geschichte des KZ-Häftlings Branko Lustig, viele Jahre später Produzent von „Schindlers Liste“, der als erstes ein schottisches Musikkorps mit Dudelsackspielern hörte und, weil er eine solche Musik noch nie gehört hatte, wirklich dachte, er sei im Himmel angekommen.

„Night Will Fall – Hitchcocks Lehrfilm für die Deutschen“. (MDR, So 26.04.2015, 23.05 – 00.20 Uhr)

 

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