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Die Frau mit den 5 Elefanten. Von Vadim Jendreyko.

Die fünf Elefanten – das sind die fünf großen Romane von Dostojewski. Swetlana Geier hat sie übersetzt, es ist ihr Lebenswerk. Ein Film über eine große alte Dame, über ein Leben im mörderischen 20. Jahrhundert und über die Liebe zur Sprache (Noch in der Mediathek von ZDF und 3Sat )

Swetlana Geier war Übersetzerin. Die Übertragung von Dostojewskis Romanen ins Deutsche waren ihr Lebenswerk. Sie nannte die fünf dicken Romane ihre „5 Elefanten“. Als sie sie vor der Kamera auf den Tisch stapelt, sagt sie: „Man übersetzt das nicht ungestraft. Ich habe viel gelernt, nicht nur für die Profession, sondern auch für mein Leben.“

Aufgezeichnet hat die Geschichte der Swetlana Geier der Schweizer Filmemacher Vadim Jendreyko. Er hat die große alte Dame in ihrem Haus in Freiburg gedreht und er hat sie vor allem begleitet auf einer Reise in ihre Geburtsstadt Kiew, eine Reise in die Vergangenheit. Sie besucht die Orte ihrer Kindheit, das Grab ihres Vaters. Sie erzählt die Geschichte vom Vater, der in die Maschine des stalinistischen Terrors geriet und nach der Rückkehr aus dem Arbeitslager starb und von ihrer jüdischen Freundin, die in Babi Jar von der SS erschossen wurde. Sie arbeitete in Kiew für die deutschen Besatzer als Dolmetscherin, floh 1943 mit deren Rückzug nach Deutschland, wurde erst interniert, bekam dann Zugang zu einer Dolmetscherausbildung. Die Auskünfte über diese Jahre und die näheren Umstände bleiben dürr, da hinterlässt der Film eine Lücke und Swetlana Geier schließt diese Lücke auch nicht.

Das Übersetzen, lässt sie wissen, sei ein Akt der Dankbarkeit gegenüber dem Land von Schiller und Goethe. Nach dem Krieg studiert sie Germanistik und Vergleichende Sprachwissenschaft und beginnt mit Übersetzungen russischer Literatur. Sie unterrichtet an Universitäten in Karlsruhe, Freiburg, Herdecke. An der Übersetzung der Romane Dostojewskis arbeitete sie bis zum Schluss. Swetlana Geier ist im November 2010 im Alter von 87 Jahren gestorben.

Als Übersetzerin war Swetlana Geier eine faszinierende Persönlichkeit, beharrlich und genau. Der Film zeigt sie bei der Arbeit mit der pensionierten Frau Hagen, die die diktierten Sätze in eine alte Schreibmaschine klappert, bei Unklarheiten nachfragt, sorgfältig tippt. Manchmal kommt Herr Klodt vorbei, ein Musiker, von dem sich Swetlana Geier die Übersetzungen vorlesen lässt, um zu hören, wie die Sprache klingt. Alles sehr old fashioned auf den ersten Blick, konzentriert und wunderbar präzise auf den zweiten.

Auf eine sehr poetische Weise gelingt es dem Filmemacher, die Arbeitsprozesse im Umgang mit Sprache sichtbar zu machen. »Für das Übersetzen ist die Vorstellung eines Transports keine zureichende Metapher“, sagt die Übersetzerin einmal, „Es ist kein Transport, weil das Gepäck niemals ankommt. Mich haben immer die Verluste interessiert. Mich hat das interessiert, was immer jenseits des Neuen, des Übersetzten bleiben muss.«

Dieses Leben in und mit der Sprache trug Swetlana natürlich auch in ihren Alltag, in die Gespräche mit Töchtern und Enkeln, selbst beim Bügeln reflektiert sie über den Zusammenhang von Text und Textil. Ein reicher und aufregender Film für alle, denen Sprache mehr gilt als bloße Information und bloßer Content. Und seit Swetlana Geier heißt Dostojewskis berühmter Roman nicht mehr, wie gelernt, „Schuld und Sühne“, sondern „Strafe und Verbrechen“.

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