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„Deportation Class“ von Hauke Wendler und Carsten Rau

Eine mutige Innensicht  zum Thema Abschiebung, wonach jedermann sich vorstellen kann, wie das vor sich geht, eine Abschiebung. Heike Heinrich über einen notwendigen Film. (NDR, Di 05.12.2017, 00.00 – 01.15)

Der Film „Deportation Class“ beginnt mit einem Wechselspiel der Bilder. Da werden Aktionen von Polizei und Ordnungsamt  in farbigen Sequenzen gegen schwarz-weiße Aufnahmen geschnitten. Fotografien gleich zeigen sie die Gesichter der Menschen, manchmal nur halb zu sehen, die  von der hier geschilderten Rückführungsaktion betroffenen sind. Sie werden im Laufe des Films ihre Geschichte erzählen können.

In „Deportation Class“ begleiten die Filmemacher mit der Kamera erstmals eine großangelegte Maßnahme zur Abschiebung. Hier kann man sehen, wie Familien zwischen drei und sieben Uhr morgens aus ihren Wohnungen abgeholt werden. Ohne Vorwarnung haben sie eine halbe Stunde Zeit, um ein paar Sachen zu packen. Das Flugzeug nach Albanien wartet in Rostock.

Es ist die bisher umfassendste Rückführungsmaßnahme in Mecklenburg-Vorpommern. Über 200 Menschen werden mit Bussen und Flugzeugen abtransportiert. Alles ist minutiös vorbereitet, als der Innenminister des nordostdeutschen Bundeslandes zu den ausführenden Beamten stößt. Er wird in dieser Nacht und am darauf folgenden Tag dabei sein, damit die Bürger erfahren „…dass ihr Minister etwas tut“. Es ist Wahlkampf. Lorenz Caffier (CDU) hat Journalisten ausdrücklich für diese Aktion zugelassen. Sie sollen berichten und der Minister lässt keine Gelegenheit aus, um im Bilde zu sein.  Auf dem Polizeirevier in Friedland informiert er sich über den Stand der Vorbereitungen. Er versteht es auch als „Erziehungsmaßnahme“. Flüchtlinge, deren Antrag auf Asyl abgelehnt wurde, sollen sehen, was mit ihnen geschieht, wenn sie nicht freiwillig ausreisen. Ja, Abschreckungscharakter sollen diese Bilder seiner Ansicht nach haben. Die Aktion startet und bei all dem, was die Kamera einfängt, fällt einem das Wort Effizienz ein. Eine erschreckende Erkenntnis angesichts menschlicher Not.

Der Film macht deutlich, was es konkret für Betroffene bedeutet, weil er nicht nur eine Abschiebung filmt und daran Mitarbeitende zu Wort kommen lässt. In einem Wohnungsflur stehen sich irgendwann mehrere Beamte, der Innenminister in „Freizeitkleidung“ und Gezim, Familienvater aus Albanien, in Unterwäsche gegenüber. Gezim versteht nicht, was seiner Familie da passiert. Nur zufällig ist eine Dolmetscherin dabei. Sie gehört eigentlich zum Filmteam. Immer wieder thematisiert der 42jährige das Abschiebeverfahren und die Art und Weise des Umgangs mit Menschen, die in Not ihre Heimatländer verlassen haben. Gezim und seine drei Kinder sind zur Integration bereit. Seit einem Jahr sind sie in Deutschland, hatten Pläne für die Zukunft.

„Wir machen nichts anderes als die geltende Rechtslage umzusetzen.“ An diesem Satz arbeitet der Film sich ab. Und wechselt dafür in der Mitte die Perspektive. Dabei rücken die Familien in das Zentrum des Filmes. Neben Gezim kommen auch Elton und Elidor zu Wort. Die beiden Jungen, 15 und 16 Jahre alt, sind in Albanien von der Blutrache bedroht. Ihre Mutter ist vor Angst psychisch krank geworden. Die 13jährige Schwester Angjela hat sehr gut Deutsch gelernt, Freundinnen gefunden. Albanien gilt als sicheres Herkunftsland und auch ihre Familie wird abgeholt.

Die Interviews können die Verzweiflung kaum transportieren. Das Filmteam folgt den Familien von Gezim und Angjela nach Albanien. Dieser Perspektivwechsel gibt den Menschen etwas von ihrer Würde zurück, die durch die Abschiebepraxis beschädigt wird. Beispiele von integrativen Hilfsangeboten werden dazu gestellt. Das Schulzentrum am Sund bietet Deutsch als Zweitsprache in einer Kreativwerkstatt. Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Ländern lernen hier gemeinsam. Julia, 16 Jahre, aus der Ukraine oder Mahdiye, 14 Jahre, aus Afghanistan könnten ähnliche Schicksale ereilen wie Angjela aus Albanien. Es ist nach der Flucht vor Krieg und Armut wieder ein Leben in Angst. Der Film lässt Zweifel an einem Verfahren aufkommen, das Erwachsene, Jugendliche und Kinder gleichermaßen, meist in humanitären Notlagen, trifft. Am Flughafenzaun gibt es Protest gegen die Abschiebung. „Warum schütz man die Grenzen der Länder so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht“ steht auf einem handgeschriebenen Plakat.

Immer wieder stellen die Filmemacher die schwarz-weißen Portraits gegen die behördliche Geschäftigkeit. Der Blick in diese Gesichter ermöglicht dem Zuschauer durchzuatmen und sich den Betroffenen auf ganz individuelle Weise zu nähern. Informationen sind dem Erzählfluss untergeordnet. Der behutsame Schnitt von Sigrid Sveistrup erzeugt ein Tempo, dass den Opfern angemessen Zeit gibt, über ihre Ängste, Nöte, Hoffnungen und Wünsche zu sprechen.

Es stellt sich die Frage, wie wir leben wollen. Was ist Demokratie wert, wenn die Gesetzeslage die Mitmenschlichkeit ausschließt? Wie schon in „Wadim“ oder „Alles gut“ thematisieren Carsten Rau und Hauke Wendler die Probleme von Flucht und Migration, die uns nicht erst seit „Wir schaffen das“ herausfordern. Mutig wollen sie die Auseinandersetzung darüber mitgestalten. Aus ihrer Haltung machen sie kein Hehl, bevormunden aber den Zuschauer nicht. Jeder ist aufgefordert, sein Gewissen zu befragen. Wir müssen uns auch von zukünftigen Generationen an unserer Haltung dazu messen lassen.

„Deportation Class“ ist als Begriff vom Netzwerk „Kein Mensch ist illegal“ geprägt worden und bezeichnet in Anlehnung  an „Business Class“ oder „Economy Class“, die Position, in der sich abgeschobene Menschen, auf ihrem Weg nach „Draußen“  befinden. Geliehen für diesen Film, beschreibt „Deportation Class“ einen gesellschaftlichen Notstand, der niemanden kalt lassen kann. Der Film fordert zur Debatte auf und stemmt sich gegen die Gleichgültigkeit.

 

Eine kürzere TV-Fassung unter dem Titel „45 Min – Die Abschiebung“ bekam in diesem Jahr einen Grimme-Preis. Zur Information: Sowohl Heike Heinrich wie Fritz Wolf waren Mitglied der Jury.

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