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Cahier Africain. Von Heidi Specogna.

Zu annoncieren ist einer der wichtigsten und einer der besten Dokumentarfilme dieses Jahrgangs, „Cahier Africain“ von Heidi Specogna. Eine Geschichte, in der sich individuelle Lebensgeschichte, Krieg und Politik unmittelbar verschränken, erzählt in einer Dichte, wie man sie selten sieht (3Sat, Mo 04.12.2017, 22.25 – 00.25) 

Heidi Specogna bohrt als Regisseurin dicke Bretter. Ihre Filme ergeben sich meist aus vorangegangenen Filmen. Hat sie eine Geschichte erzählt, findet sie einen Ansatzpunkt, daraus eine weitere zu erzählen. Und das nicht just for fun, sondern, logisch und herzzerreíßend zwangsläufig.

Die Geschichte von „Caher Africain“ beginnt als schon in ihrem mehrfach preisgekrönten Film „Carte Blanche“. Darin geht es um Verbrechen in der Zentralafrikanischen Republik, um mörderische Übergriffe kongolesischer Söldner und um den Strafprozess gegen deren Anführer Joseph Bemba vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Die Verbrechen geschahen 2002, der Prozess gegen Jean-Pierre Joseph Bemba wurde 2016 mit einer Verurteilung abgeschlossen.

Im Nachhall zu den Ereignissen, als die Bewohner des überfallenen Viertels in Bangui Gerechtigkeit zu denken wagten, stellten sie Unterlagen als Beweismittel zusammen. Sie legen ein Heft an, ein Schulschreibheft, jede Seite ordentlich geviertelt, in jedem Viertel ein Foto, ein Name, die Geschichte der Person. Was ihr widerfahren ist, welche Verbrechen an ihr begangen wurden. Dieses Heft ist das „Cahier Africain“ und es soll als Beweismittel nach Den Haag.

2011-2012 kehrt die Filmemacherin in die Zentralafrikanische Republik zurück. Sie wollte einen Film über die Frauen drehen, wie sie ihr Schicksal meistern, über ihren Mut, ihre Würde. Sie trifft die Muslima Amzine im Stadtteil PK12 In Bangui, der Hauptstadt. Die hält sich mit einem kleinen Laden über Wasser und sie hat eine Tochter, Fane, die das Produkt einer Vergewaltigung aus eben diesem Jahr 2002 ist. Sie hat die Tochter angenommen, hat eine gescheiterte Ehe hinter sich. Kaum weniger schwer das Schicksal der Christin Arlette. Die kommt als neunjähriges Mädchen in „Carte Blanche“ als eines der Opfer der Überfälle vor. Sie leidet an einer schweren Wunde in ihrem Knie, die Wunde heilt nicht und die Mutter außer einem Kräutersud kein Mittel dagegen.

Über Arlette gibt es inzwischen einen weiteren Film, den hat Florian Hoffmann gedreht: „Arlette – Mut ist auch nur ein Muskel“. Die Szene mit dem schreienden Mädchen hatte in Berlin viele Menschen bewegt, eine Unterstützergruppe bildete sich, Arlette konnte nach Berlin in die Charité gebracht werden, wo ihre Wunde ausgeheilt wurde. Sie kehrt nach Bangui zurück.

Aber aus dem Plan, einige Frauen aus Bangui, unter ihnen eben Amzine und Arlette, zu porträtieren, wurde nichts. Es brach wieder Bürgerkrieg aus. Christliche Milizen ziehen nun ebenso marodierend wie zuvor die muslimischen Milizen durchs Land. Französische Truppen mischten sich nicht ein, sicherten nur den Flughafen. Regierungen, die mit dem Leid der Menschen gar nichts zu tun haben, bilden sich und werden wieder gestürzt. Die Frauen müssen vor der Gewalt fliehen, die Muslima ebenso wie die Christin. Von dieser Flucht, eine die Europa gar nicht erreicht, erzählt der Film in seinem Hauptteil in bestürzend dichten, dramatischen Bildern von Johannes Feindt – eine großartige Kameraarbeit. Unvergessliche, dramatische Szenen und Begegnungen. Kaum einmal wurden von Gewalt, Angst, Panik in dieser Weise berichtet und erzählt.

Am Ende geling es Amzine, ins Nachbarland Tschad zu fliehen. Auch Arlette überlebt. Amzine macht sich daran, ihr Leben von ganzen unten auf neu aufzubauen, mit einem Tischchen und ein paar Waren. Ihre Hütte hat sie selbst gebaut und die Kamera verlässt die Szenerie mit einer langen nächtlichen Einstellung aus wohltuender, respektvoller Distanz: die Hütte im tiefen Dunkel, warmes Licht darin, Ruhe, Sicherheit. Christliche Ikonographie.

„Cahier Africain“ ist einer jener Dokumentarfilme, die aufs Eindringlichste belegen, warum solche dokumentarische Arbeit notwendig ist. Er zeigt, wie wichtig der lange Atem ist gegen die Schnelldurchläufe in unserer Wahrnehmung, gegen das Fragmentarische und immer wieder Verschwindende in unserem medial vermittelten Wissen. Und er ist ein einzigartiges Dokument aus einer Welt, von der wir immer nur hören, dass von dort irgendwo die Flüchtlinge herkommen, die es von Europas Grenzen abzuhalten gilt.

Heidi Spegogna zu ihrem Film: „‚Cahier Africain‘ ist ein persönlicher Film, aus einer zufälligen Begegnung mit dem Heft, während einer Recherchereise, sind sieben Drehjahre geworden. Wir haben die Menschen aufgesucht und begleitet, die sich dem Heft anvertraut haben. Heute wird das Heft im Tresor des Weltgerichts in Den Haag verwahrt, neben Tausenden von Beweisen anderer Kriegsverbrechen. Das Schicksal der Frauen und ihrer mit Gewalt gezeugten Kinder ist eine von der Welt ausgeblendete Tragödie. Schätzungen besagen, dass allein im zentralafrikanischen Raum in den letzten Jahren bei kriegerischen Auseinandersetzungen über 100 000 Frauen geschändet worden sind. Nach dem Völkermord in Ruanda sollen an die 20 000 Kinder zur Welt gekommen sein. Dem schwierigen Versuch von Frauen, nach dem Erleben von Gewalt wieder Fuß im Leben zu fassen, wollte sich der Film ursprünglich widmen. Der erneute Kriegsausbruch in der Zentralafrikanischen Republik hat das Drehbuch jäh umgeschrieben.“

„Cahier Africain“ hat im April 2017 den Deutschen Filmpreis in der Sparte Bester Dokumentarfilm erhalten. Zuvor war die ZDF/3sat-Koproduktion mit dem Schweizer Filmpreis 2017 in den Kategorien Bester Dokumentarfilm und Beste Montage prämiert worden. 2016 hatte die Jury des Deutschen Menschenrechts-Filmpreises Heidi Specognas Film in der Kategorie Langfilm ausgezeichnet. Außerdem war der Dokumentarfilm auf dem Filmfestival DOK Leipzig mit zwei Preisen geehrt worden.

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