Permalink

0

Beobachtungen auf der 41. Duisburger Filmwoche

Die Duisburger Filmwoche gehört zu den altehrwürdigen Dokumentarfilmfestivals. Ein kleines, aber feines Festival, in dem Filme nicht nur gesehen, sondern auch diskutiert werden. 3Sat und Arte vergeben die Hauptpreise. Dieser Bericht erschien zuerst in epd-medien 47. Es besteht Redebedarf. Ständig prallen irgendwo Welten aufeinander. Und kann man überhaupt reden, mit Rechten zum Beispiel? Andreas Glarner, ein rechtspopulistischer Hetzer aus der Schweiz befürchtet, in zehn Jahren seien Deutschland und Frankreich islamisiert und die Schweiz dazwischen eingeklemmt. Das sagt er auf Veranstaltungen und im Film. Wie redet man mit dem? Paulina, die Aktivistin, die den Einzug der AfD in den Bundestag verhindern wollte, will unbedingt mit den Rechten reden, aber es klappt nicht. In der Bibliothek des Centre Pompidou sitzen Menschen aus aller Herren Länder in einem Gesprächskreis, sie sind geflüchtet oder ausgewandert und nur zeitweise in Paris, und sie reden über Gott und die Welt- geht also doch? Zwei alte Eheleute leben seit fast zwanzig Jahren getrennt im gleichen Haus und reden nicht mehr miteinander. Und die Expertin vom Tierschutzhaus Wien erklärt ihren Zuhörern, die Tiere sprächen schon mit den Menschen, die könnten sie nur nicht verstehen.

Duisburger Filmwoche zum 41. Mal, Dokumentarfilmfest des deutschsprachigen Films. Hier sind in der Regel Österreich und die Schweiz mit interessanten Arbeiten vertreten. In diesem Jahr gingen gleich drei von fünf Preisen an österreichischen Autorinnen und Autoren. Keine Tendenz, aber doch ein Hinweis, dass es in diesen beiden Ländern eine erhebliche Dokumentarfilmkultur gibt. Die ist eng mit dem Fernsehen verbunden. 3Sat und Arte sponsern das Festival mit Preisen. „Mittel der Wahl“ war diesmal das Motto, weit, vage und doppeldeutig, ästhetisch wie politisch, in diesem Wahljahr.

Eigentliches Subthema aber waren eben das Reden, das Gespräch, die nicht gelingende Kommunikation. Also das Paradox, dass mitten in der lärmenden und geschwätzigen Medienwelt sich riesige Kommunikationslöcher auftun.

In „Egal gibt es nicht“ begleitet Florian Hoffmann die Aktivistin Paulina bei ihren Aktionen durch die Republik. Sie hat eine Initiative mitbegründet, die die AfD bei der Wahl unter fünf Prozent halten will: „Kleiner Fünf“. Sie hat sich bewusst für dieses Engagement entschieden, weil ihr die Vorstellung von Rechten im Bundestag unerträglich ist. Zugleich geht sie davon aus, dass man mit der Rechten reden muss. Sie findet es z.B. Überhaupt nicht cool, dass die Delegierten beim AfD-Parteitag vor der Veranstaltungshallen eine Art Spießrutenlaufen auf sich nehmen müssen. Sie möchte die Dialogkultur verbessern.

Freilich ist es nicht einfach mit dem Verbessern. In Dresden steht sie erstaunt unter den Pegida-Demonstranten herum, hört die Hetzreden von der Bühne. Ein Gespräch kommt nicht zustande. Den Wahlerfolg der AfD kann sie, wie wir wissen, auch nicht aufhalten. Aber sie wird weitermachen.

Eine der häufigsten Einstellungen des Films zeigt Paulina im ICE. Eilig unterwegs, dabei stets am Laptop oder am Telefon. Der Film bildet diese Ruhelosigkeit und Bewegung im schnellen Erzähltempo ab. Er läuft der Protagonistin manchmal sprichwörtlich hinterher. Sie wiederum befindet sich in einem ständigen Professionalisierungs- und Selbstoptimierungsprozess, probt den Umgang mit den Medien. Und das ohne Wichtigtuerei. Sich zu engagieren ist ihr wichtig.

Dabei macht sie eine interessante Erfahrung und die gibt dem Film eine interessante Wendung. Sie entdeckt die Gleichaltrigen, die sich nicht engagieren und denen alles egal zu sein scheint. Sie nennt sie die „Unberührten“ – und trifft dabei offenbar einen Nerv. Warum engagieren sich eigentlich so wenige angesichts der Probleme? Eine Frage an eine ganze Generation, ein kleiner Film stellt sie. Eine Antwort hat Paulina auch nicht. „Egal gibt es nicht“ lief im Fernsehen in der 3Sat-Reihe „Ab 18!“ und ist noch in der Mediathek zu sehen.

Auch Sabine Gisiger hält es für notwendig, mit den Rechten zu reden. „Willkommen in der Schweiz“ heißt ihr Film in unüberhörbar ironischem Tonfall. Im Zentrum steht das Schweizer Dorf Oberwil-Lieli im Kanton Aarau, mit 300 Millionären unter den 2000 Einwohnern. Das Dorf ist bekannt geworden, weil die Bewohner sich weigerten, zehn Flüchtlinge aufzunehmen und lieber eine Viertelmillion Franken Strafe zahlen wollten.

Einer der Protagonisten ist Andreas Glarner, Abgeordneter der rechtspopulistischen SVP. Die Autorin begleitet ihn auf Veranstaltungen, interviewt ihn, lässt ihn mit seinen rechten Parolen ausgiebig zu Wort kommen. Biedermeier als Brandstifter. Als Gegenspielerin agiert Johanna Gündel, eine Studentin, die aus dem Dorf kommt und die zugunsten der Flüchtlinge agiert, eine „IG Solidarität“ gegründet hat und gegen den Millionärs-Chauvinismus auftritt.

Der Film erzählt den politischen Aushandlungsprozess im Dorf, beobachtet die politische Konstellation an verschiedenen Orten, hört Reden in der Bundesversammlung an. Die Autorin fährt mit Glarner in ein Flüchtlingslager in Griechenland, wo er sich das Elend mit eigenen Augen ansieht. Das zeigt bei ihm wohl persönlich Wirkung, erschüttert aber nicht seine fremdenfeindlichen Überzeugungen. Man dürfe sich von persönlichen Befindlichkeiten nicht irritieren lassen, müsse Distanz halten und deshalb eben verhindern, so hetzt er, dass Verbrecher, Terroristen und Islamgläubige ins Land kommen.

Am Ende entscheidet sich das Dorf für die Aufnahme einer christlich-syrischen Familie, für die sich allerdings keine Wohnung findet und ein früherer Kindergarten umgebaut werden muss. Vier junge Frauen aus Schwarzafrika werden gegen Finanzierung ins Nachbardorf verschoben.

Der Film bleibt nicht nur im Dorf, sondern greift weiter aus, in die Schweizer Bundespolitik einerseits, andererseits in die Geschichte der Schweiz, die ja auch eine der Ausgrenzung ist. 1942 z.B. schlossen die Eidgenossen ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge.  Und eine Integration der Fremdarbeiter, die in den 50er Jahren ins Land kamen, war auch nicht erwünscht.

Sabine Gisiger erzählt ihren Film in der Form eines antiken Dramas, als fünfaktige Tragödie. Zwischen den Akten agiert wie im klassischen Drama ein Chor, in diesem Fall zwei Schweizer Flüchtlings-Chöre. Die Autorin will das als Plädoyer für Vielstimmigkeit verstanden wissen.

Ein interessanter kommunikativer Vorgang war während der Aufführung in Duisburg zu beobachten. An vielen Stellen des Films, besonders bei den fremdenfeindlichen, teilweise absurd anmutenden Statements von Glarner wurde im Publikum ziemlich viel gelacht. In der Schweiz lacht man weniger, denn die SVP ist dort mit 30% der Wählerstimmen eine etablierte Kraft. Daher auch die Grundhaltung des Films: sich der politischen Realität des Landes stellen. „Ich möchte einen Film machen, der nichts beschönigt, aber der Hetze, der Panikmache und den schnellen Antworten etwas entgegensetzt“ sagt Sabine Gisiger. So kann man der hetzerischen Politik der SVP bei der Arbeit zusehen. Trotz des Gegengewichts der Engagierten ist die Aussicht am Ende der fünf Akte düster.

Pointe am Rande. in der Schweiz arbeitet die SVP gerade heftig daran, via Volksentscheid das öffentlich-rechtliche Fernsehen abzuschaffen. Dass Andreas Glarner sich da grade bei einem Film, der von der SRG und der Schweizer Filmförderung finanziert wurde, im Licht der Öffentlichkeit sonnt, kam bei seiner Partei grade nicht so gut an.

„Spielfeld“, ein weiterer Film zum Thema. Spielfeld ist in Österreich ein bekannter Grenzübergang zu Slowenien. Dort hat man sich mit der Flüchtlingsbewegung über die Balkanroute auf viele Flüchtlinge eingerichtet. Aber seit März 2016 kommen keine mehr. Riesige Zelte stehen leer, das großspurig verkündete Grenzmanagement läuft ins Leere. Stagnation und Tristesse herrschen im Dorf, auch Touristen machen hier nicht mehr halt.

Durch diesen Ort ist die Geschichte durchgefegt wie ein Herbststurm, hat kurz alles durcheinandergewirbelt und ist weitergezogen. Den Film kann man verstehen als Metapher für die Ratlosigkeit, mit der Europa vor dem Flüchtlingsproblem steht. „Spielfeld“ von Kristina Schwanz und Caroline Spreitzenbart ist ein Hochschulfilm, dem man das auch ansieht: Lange Einstellungen, sorgfältige Tableaus, Interviews, dokumentarische Beobachtungen, alles ohne Kommentar – das Handwerkszeug wird vorgeführt und als beherrscht nachgewiesen. Der Film bekam den Nachwuchspreis NRW.

Ortswechsel. „Inschallah“ von Judith Keil und Antje Kruske war einer der größer angelegten Filme dieses Festivals, er lief auch bereits im Fernsehen. Die Autorinnen porträtieren einen Imam in Berlin-Neukölln, Mohamad Taha Sabri. Er ist ein aufgeklärter Imam, verurteilt scharf jegliche Gewalt, hält seine Moschee offen, propagiert die Integration, zeigt sich diskussionsfreudig und stellt sich offen der Kamera. Der Film zeigt ihn in seinem religiösen, seinem seelsorgerischen Alltag und lässt auch einige Einblicke in sein Privatleben zu.

Der Film ist ganz offenkundig als positives Gegenbild zu umlaufenden islamistischen Feindbildern konzipiert: mit einem solchen, europäisch gedachten Islam kann man doch auskommen. Doch begegnet dem Imam auch Misstrauen und Feindschaft. Als er das Verdienstkreuz der Stadt Berlin bekommt, erklärt ein Teil der Presse die Moschee zum IS-Rekrutierungsort, der Imam kommt in erhebliche Schwierigkeiten, wird bedroht, muss sich mit Klagen zur Wehr setzen.

Mohamad Taha Sabri ist der Protagonist, dennoch fällt auf, dass neben ihm nur wenige Personen vorkommen. Es mochten sich eben doch, wie die Autorinnen in der Diskussion in Duisburg angaben, viele nicht vor die Kamera äußern oder zu erkennen geben. Öffentlichkeit ist in der Community nicht erwünscht. Das gehört auch zum ganzen Bild.  Und weil der Film diese Bedingungen nicht miterzählt, kommt am Ende etwas viel Harmonie heraus. Was ihm nicht gut tut, denn die Fragen sind in der Welt und die Zuschauer stellten sich diese Fragen auch, ob hinter der liberalen offensiven Außensicht noch etwas anderes steckt.

Eine kleine Überraschung war sicherlich der Arte-Preis für „Atelier de Conversation“ von Bernhard Braunstein. Ein auf den ersten Blick unanschaulichen Sujet und eine Bildwelt, die man grade in Duisburg nicht so gerne sieht: Redende Köpfe. Das Pariser Centre Pompidou beherbergt eine große öffentliche Bibliothek, für jedermann zugänglich. Diese Bibliothek bietet seit einiger Zeit offene Konversationsgruppen an, Gesprächskreise für Menschen, die in der Stadt fremd sind. Etwa 16 Personen finden sich für etwas mehr als eine Stunde zusammen, um miteinander zu sprechen. Sie begegnen sich auf Augenhöhe. Sie kommen aus unterschiedlichen sozialen und geographischen Welten, sprechen in etwa alle gleich schlecht französisch und werden alle gleich behandelt. Pro Runde steht ein Thema an. Politik ist ausgeschlossen.

Warum, das zeigt sich in einer kleinen Diskussionsszene, in der ein koptischer Christ aus Ägypten mit einem islamischen Mann aus Syrien zusammenknallt. Keine Politik also, aber sonst relevante Themen: wie es ist, sich fremd zu fühlen, wie man in der Gesellschaft ankommt, was man unter Liebe versteht und welche Rolle Frauen spielen.

Die Qualität des Films besteht darin, dass er sich auf die Gespräche beschränkt, auf die Gesichter der Sprecher und ihr Reden, und auf die Gesichter der Zuhörer. Man wird als Zuschauer hineingezogen in diese Kommunikation, die Kamera ist so postiert, dass man den Eindruck gewinnen könnte, man säße selbst mitten drin und könnte mitreden.

Der Autor selbst saß übrigens auch in diesen Gesprächskreisen, hat sich selbst aber als Person aus dem Film herausgelassen. Begründung: „Das ist nicht so wichtig. Es geht nicht um mich. Es hätte die Geschichte nicht weitergebracht“. Ein fast schon ungewöhnlich deutlicher Standpunkt. Denn eine wachsende Zahl von Filmen wählt die Ich-Perspektive. Beispiel dafür „Was uns bindet“ von Ivette Löcker. Die Autorin erzählt die Geschichte ihrer Eltern, die schon seit vielen Jahren getrennt leben, aber im gleichen Haus und nicht mehr miteinander sprechen und in so etwas wie einen privaten Dreißigjährigen Krieg miteinander verwickelt sind. Der Film erinnert an ein privates Fotoalbum, das nach dem Abendessen herumgereicht wird und das man sich ansieht, sich dabei aber fragt, ob man das wirklich wissen will

Das Ich sogar im Titel trägt der Film „Anton und ich“ von Hans-Dieter Grabe – und zeigt doch eine ganz andere Haltung. Der inzwischen 80-jährige Regisseur, über Jahrzehnte immer wieder mit Filmen auch in Duisburg vertreten, legt noch einmal einen Film vor, den das ZDF, seine alte Wirkungsstätte erfreulicherweise finanziert hat.

Grabe fährt seit vielen Jahren auf einen Bauernhof in den bayrischen Alpen. Vor sieben Jahren hat er begonnen, mit dem Bauer Anton zu drehen. Der lebt dort allein, ist körperlich schwer angeschlagen, kann seine Arbeit nur noch mit Krücken erledigen. Jahr für Jahr fällt es ihm schwerer, am Ende finden sich doch noch Helfer. Diesen Alltag beobachtet Grabe mit seiner kleinen Kamera, penibel, neugierig und aufs Detail bedacht. Man wüsste gerne, ob er geholfen hat, wenn er die Kamera beiseite gelegt hat. Oder ob er nur Beobachter blieb, nach der alten Dokumentaristenweisheit, dass man Filme über Menschen macht, aber nicht mit ihnen.

Unverkennbar ist das jedenfalls ein Thema des Filmemachers selbst: der Kräfteverbrauch im Alter. Ihn interessiert die Hartnäckigkeit des alten Bauern, sein Durchhaltevermögen, seine Wut, sein Witz – aber eben auch die Würde, die er sich behält, selbst wenn er schon kaum noch allein auf den Traktor kommt. Und das Ich des Autors? Grabe behält sich den Kommentar vor, benutzt ihn als Mittel der Distanzierung, leider mit etwas zu viel nach Cliffhanger klingenden Fragen. Das Ich des Autors tritt auf, aber es tritt auch zugleich zurück. Und lässt keinen Zweifel daran, dass der Film vieles nicht erzählt, sondern nur das, was ihm wichtig ist.

Zu Anton gehören auch seine Kühe, man sieht im Film, was ihm an den Tieren liegt. Der Film „Tiere und andere Menschen“ würde ihm sicher zusagen. Flavio Marchetti erzählt darin Geschichten aus dem Tierschutzhaus Wien und bekam den 3Sat-Preis. Auch das ein Film über Arbeit: Arbeit am verletzten Tier. Schwäne, Schlangen, Schimpansen, natürlich jede Menge Katzen und Hunde. Sie landen, aus welchen Gründen auch immer, im Tierschutzhaus, werden dort aufgepäppelt, nach Möglichkeit weiter vermittelt.

Ein wenig steil ist die These des Autors, aus der Unverstelltheit der Tiere sei etwas über das Maskenhafte der Menschen zu lernen. Aber natürlich erzählt der Film auch von Menschen, freilich, und dies ist der Maßstab, anders als die Dokus nach dem Muster „Elefant, Tiger & Co“. Hier ist nichts Verniedlichendes und Kindliches, gibt es keine Anthropomorphismen und billige Gefühligkeiten. Aber schon auch Trauer, wenn etwa der epileptische Schwan eingeschläfert werden muss.

Menschen jedenfalls sind in diesem Film einerseits Helfer, aber andererseits eben auch merkwürdige Wesen ohne Ahnung. Wie die Expertin erklärte: die Tiere sprächen schon zu den Menschen, doch die könnten sie nicht verstehen. Nicht so leicht, die Dialogkultur zu verbessern.

Kommentare sind geschlossen.