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„Thule Tuvalu“. Von Matthias von Gunten

Sie liegen 20.000 km auseinander und haben so gut wie nichts miteinander zu tun. Thule, eine der nördlichsten Gemeinden Grönlands und Tuvalu, Archipel in der Südsee. Kalt hier, warm da. Und doch haben beide etwas gemeinsam: Sie sind die ersten wirklich anschaulichen Opfer des Klimawandels. Davon erzählt Matthias von Gunten in seinem Film „Thule Tuvalu“ (3Sat, Mi 15.11.2017, 00.20 – 01.55)

Lange Einstellungen, wunderbare Landschaften, schon zu Beginn. Ein Mann und eine Frau auf einem Motorboot, Eisschollen, sie suchen mit Ferngläsern die Gegend ab. Da, ein schwarzer Fleck. Sie fahren näher heran, der Mann holt sein Gewehr, zielt, schießt, die Frau hebt den Daumen. Die beiden Jäger haben eine Robbe geschossen.

Lange Einstellung, wunderbare Landschaft, wenig später. Ein Mann läuft mit einem Netz ins Meer, springt über die Schaumkronen der Wellen, zieht wie verrückt von links nach rechts das Netz durchs Wasser, dann hat er einen Fisch gefangen. Sein Sohn sieht im vom Ufer aus zu, auch er soll einmal Fischer werden. Sie holen den Fisch aus dem Netz, der Mann bricht dem Tier sofort das Genick.

Wasser, Tiere, Jagd. Nicht ein einziges Mal kommt da ein Gedanke an Tierschutz auf. Die Jagd ist etwas Selbstverständliches, ist lebensnotwendig, schafft Nahrung, Kleidung, Unterhalt. Aber sie wird nicht bleiben können, was sie war, weder in der Arktis noch auf der Südseeinsel. Der Jäger in Thule sagt: „Die Natur verändert sich und wir müssen uns anpassen. Die Frage ist nur, ob ich mich anpassen kann“. Das Eis friert immer später zu, vor 20 Jahren noch im Oktober, jetzt im Dezember oder Januar. Die Jagd nach Robben und Narwalen wird immer schwieriger. Die Schlittenhunde, unentbehrliche Helfer, können immer weniger beschäftigt werden. Und auf dem Rückweg von der Jagd nach einem Narwal, der der Familie und den Hunden für zwei Wochen die Ernährung sichert, schaffen sie es fast nicht mehr über den breiten Riss, der sich im tauenden Eis auftut. Dafür tauchen jetzt immer mehr Fische im Meer auf, große Schwärme von Heilbutt. Werden aus den Jägern Fischer werden? Was werden ihre Kinder tun?

Die gleichen Fragen stellt sich der Fischer auf Tuvalu. Auch hier geht es ums Wasser. Der Meeresspiegel steigt stetig, er frisst Meter um Meter des Landes. Das Wasser unterspült die Kokospalmen, sie sterben. Süßwasserseen im Inneren der Insel versalzen, Gemüse kann nicht mehr angepflanzt werden. Die Bewohner der kleinen Gemeinde Nanumea müssen von Neuseeland aus mit Wasser versorgt werden. Grundwasser gibt es nicht, nur Regenwasser, aber es hat lange nicht geregnet. Der Monsun tut nicht, wie er soll. Wer es sich leisten kann, wandert nach Neuseeland aus und trauert der Heimat nach.

Die Diagnose des Films ist eindeutig, die Botschaft klar. Tuvalu wird von seinen Bewohnern aufgegeben werden müssen und auf Thule wird es bald kein Eis mehr geben. In ebenso schönen wie eindringlichen Bildern macht der Regisseur begreifbar, was Klimawandel bedeutet. Und dass es keine Abhilfe gibt, wenn nicht Verhaltensänderungen in großem Stil stattfinden. Und davon ist nichts zu sehen.

Hier Thule, da Tuvalu. Der Regisseur spielt mit den sehr reizvollen Gegensätzen zwischen diesen Regionen und erzählt seine Geschichte über einige wenige Personen, die sich sehr dringliche Gedanken über ihre Zukunft machen müssen. Er setzt auf den Eindruck der Bilder, kommt ganz ohne Kommentar aus. Einige wenige Schrifttafeln erläutern die Lage.

Freilich hat die strikt durchgezogene Grundidee ihren Preis. Wie oft in solchen Filmen kommen wir als Zuschauer kaum aus dem groß inszenierten Untergangsepos heraus. Man muss sich mit Widersprüchen herumschlagen. Zunächst pure Natur, großartig visuell ausgebreitet. Und woher kommen plötzlich die modernen Bauten her, in denen Einwohner von Tuvalu ihre kulturellen Traditionen pflegen wie auch die Einwohner von Thule die ihren. Geschlossene Erzählungen, strikt konstruierte Dramaturgien, sie führen im Dokumentarischen oft in das Dilemma, dass sie Brüche, Widersprüche, ungleichzeitige Entwicklungen usw. nicht wahrnehmen können und wollen. Die Idee prägt sich ein, die Realität nur in Teilen.

Das schmälert freilich nicht, dass „Thule Tuvalu“ mit großartigen Szenen aufwarten kann. Etwa als in Tuvalu die Mädchen für ihr Fest ihre Röckchen statt aus Palmblättern aus zurechtgeschnittenen Videobändern anfertigen (Woher? Hat hier die Digitalisierung auch schon VHS vernichtet?). Und wirklich sehr schön ist die filmische Beschreibung der Jagd nach dem Narwal im Norden ebenso wie im Süden der Kampf zwischen dem Fischer in seinem schmalen Kanu und dem Fisch, der nicht aufgeben will – wie eine Reminiszenz an Hemingway.

Noch mehr über den Film:

http://barnsteiner-film.org/thuletuvalu/thuletuvalu-der-film/

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