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Relevantes auf Arte, Irrelevantes in der ARD

Die ARD leistet sich mal wieder einen Dokumentarfilm – über Boris Becker. Arte leistet sich relevante Filme zu sehr später Stunde, aber auch den einen oder anderen spannenden Film zu normalen Sendezeiten. Diese Woche leistet sich die ARD mal wieder einen Dokumentarfilm, „Boris Becker. Der Spieler“ und zwar zu allerbester Sendezeit. Gedreht haben den Film Michael Wech und Hans-Bruno Kammertöns, beide Autoren sind erfahren im biographischen Genre, haben z.B. einen Film über Udo Jürgens gedreht. Anlass für den Film: der 50. Geburtstag von Boris Becker.

Über einen so schönen Termin für einen Dokumentarfilm sollte man sich eigentlich freuen. Aber grade heute stellt sich doch die Frage, ob es für den größten öffentlich-rechtlichen Sender Deutschlands zu dieser Sendezeit nicht Wichtigeres gäbe? Natürlich konnten die Planer nicht wissen, dass die Politik grad an diesem Tag andere Anlässe liefert. Aber allein die Tatsache, dass allerwichtigste und brisanteste Dokumentarfilme in der ARD meist gar nicht laufen und wenn, dann um Mitternacht, dass aber ein Biopic über einen mäßig relevanten Zeitgenossen aus der zweiten Promi-Liga einen Super-Sendeplatz bekommt, zeigt, dass in den Planungsetagen der ARD weiterhin nicht nach Relevanz geplant wird, sondern ausschließlich nach Quote.

Daran ändert sich im Grundsatz nichts, auch wenn die ARD auf die politische Entwicklung reagiert hat und sehr knapp zuvor zugunsten der politischen Berichterstattung den Film über Boris Becker dorthin geschoben hat, nämlich auf 22.30, dort wo sie die seltenen Dokumentarfilme auch sonst programmiert.

Schon ein wenig näher an dem Kriterium der Relevanz liegt Arte, zu bester Sendezeit morgen. In einer Themenbündelung läuft zunächst der Film „Das System Milch“ von Andreas Pichler. Es geht um eine globale Sicht auf Agrarindustrie und Milchproduktion. „Kino-Zeit“ schrieb über den Film: „Diesen Bogen, von der europäischen Landwirtschaft über die Molkereien und den globalen Markt bis hin zur Flüchtlingskrise, den spannt Pichler kraftvoll und in klaren, verständlichen Erzählsträngen. Der Zuschauer ist nie von der Informationsflut überladen, vielmehr sind diese 90 Minuten über die Milch so spannend erzählt, dass man danach direkt weiter recherchieren möchte. ‚Das System Milch‘ ist ein Film, der den Verbraucher zwingt, sich in die Mündigkeit zu begeben und über seinen eigenen Konsum und dessen Auswirkungen nachzudenken.“ (20.15-21.45).

Im Anschluss daran zeigt Arte „Über Bananen und Republiken“ von Mathilde Damoisel, die Erstaufführung einer französischen Produktion. Der Film erzählt die Geschichte der United Fruit Company, die sich auch schon mal einer unbequemen Regierung entledigte, in dem sie ihren Sturz finanzierte (21.55-22.55).

Arte beschert uns in dieser Woche den zweiten Teil der sehr späten Spätvorstellung.

Da ist zunächst „Braguino“, der neue Film von Clément Cogitore. Er spielt in Sibirien, wo zwei Familien in tiefer Abgeschiedenheit leben, getrennt durch eine Barriere jedoch nicht mehr miteinander reden (23.30-0.20)  „Cameraperson“ (2016) von Kirsten Johnson, ist ein emotionaler Collagefilm und berührender Essay über das Filmemachen. Er erhielt den Großen Jury-Preis in Sheffield sowie den Golden Gate Award in San Francisco. Und „Die Finsternis“ (2005) von Thomas Tielsch ist eine experimentelle Literaturverfilmung mit Texten von Céline über die Zeit der französischen Vichy-Regierung im Exil Sigmaringen. Ein Meisterwerk des Schnitts.

Neu ins Kino kommt in dieser Woche unter anderem „Überleben in Neukölln“ von Rosa von Praunheim. Der Autor porträtiert verschiedene Künstler und deren Leben in einem Bezirk, der zunehmend von steigenden Mieten und der allgegenwärtigen Gentrifizierung bedroht ist: „Ich wollte ein Neukölln festhalten, das jetzt noch unheimlich interessant ist. Als Dokumentarist ist das natürlich spannend zu sehen: Wie kommt das, das sich da plötzlich so eine tolle Szene ansiedelt mit so vielen interessanten Menschen?“

Nur in einigen Kinos zu sehen ist „66 Kinos“ von Philipp Hartmann. Ein Filmemacher reist durch all die Kinos persönlich, um dort selbst ein Screening für seinen Experimentalfilm „Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe“ zu besorgen. Daraus geworden ist eine Reise durch die Kinolandschaft, bevölkert mit Idealisten, Künstlern, Enthusiasten. Der Film läuft seit Ende Oktober in einigen Kinos, Termine finden sich unter http://66kinos.de/termine/.

Noch in den Kinos aus der Vorwoche zu sehen „Das Kongotribunal“ und „Human Flow“

Aus den Wiederholungsschleifen herausgefischt hat wolfsiehtfern diesmal drei Filme. Einer erlaubt eine interessante Konfrontation und zwei völlig verschiedene Versionen von einem politischen Amt als Staatspräsident. „Pepe Mujica“ von Heidi Specogna, ein Film über den ehemaligen Präsidenten Uruguays, der ein Guerillero war (Arte, 21. 11 23.45-01.15). Direkt im Anschluss daran läuft „Präsident Donald Trump“ von Michael Kirk, eine amerikanische Dokumentation.

Phoenix programmiert „Iraqi Odyssey“ von Samir, die Geschichte seiner irakischen Familie, die sich ausweitet zu einer unglaublich spannenden und lehrreichen Geschichte des Nahen Ostens (Sa 25.11.2017, 22.30) . Und 3Sat holt am Sonntag, den 26.11.2017 um die Mittagszeit einen unbedingt sehenswerten Film ins Programm, der nun schon länger nicht mehr zu sehen war: „Die Frau mit den 5 Elefanten“ von Vadim Jendreyko. Der Film erzählt die Geschichte der Übersetzerin Svetlana Geier, die die fünf großen Romane von Dostojewski neu übersetzt hat (3Sat, so 26.11.2017, 11.20).

Und aus den Vorwochen sind noch in den Mediatheken zu finden „Buena vida“, „Ab 18!“, „Drei Engel für Russland“, „1917 – Die Künstler und die Revolution“, „Der Banker“ und „Joe Boots“.

Und was sonst noch läuft, findet sich, wie immer ohne Wertung, in der Rubrik „Was sonst noch läuft“.

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