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Offshore, Weltklimagipfel, Flüchtlinge

In dieser Woche gilt: gäbe es Arte und 3Sat nicht, so müsste man sie erfinden. Während ARD und ZDF wirklich alles ausgelagert haben und in dieser Woche nicht einen einzigen Film zeigen, der nur annähernd einem Dokumentarfilm gleicht, öffnen die beiden Kulturkanäle Arte und 3Sat ein ganzes Füllhorn. Darunter Filme, die angesichts der Bonner Klimakonferenz und der Enthüllungen der „Paradise Papers“ aktueller nicht sein könnten. Leider programmieren auch Arte und 3Sat Dokumentarfilme inzwischen meist um Mitternacht herum.

3Sat zeigt in dieser Woche Filme, die auf der Duisburger Filmwoche des Vorjahres gezeigt wurden. Darunter gehören Filme wie „Mirr – Das Feld“ von Mehdi Sahebi. Der Regisseur erzählt die Geschichte eines kambodschanischen Bauern, der von Großgrundbesitzern vertrieben wird. Sieben Jahre lang hat Mehdi Sahebi gedreht, immer wieder mit den Bewohnern des Dorfes gesprochen, daraus Dialoge entwickelt. Auf einer zweiten Ebene spielen die Dorfbewohner dann ihre Geschichte und ihren Alltag nach. Sie sind vom Volk der Buong, das keine Schriftspreche kennt. „Mirr“ ist der erste Film, der in dieser Sprache gedreht wurde. Unter diesem Aspekt ist er auch das Dokument einer sterbenden Kultur (3Sat, 13.11.2017, 22.55 Uhr).

„Offshore – Elmer und das Bankgeheimnis“ ist noch weit vor den jüngsten Enthüllungen der „Paradise Papers“ gedreht und macht damit schmerzlich bewusst, wie viel eigentlich von den Geschäften der Off-Shore-Firmen bekannt ist – und wie wenig dagegen unternommen wurde. Der Film erzählt die Geschichte eines Mannes, der in einer Schweizer Privatbank eine beachtliche Karriere erlebt. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere gerät er in einen Gewissenskonflikt, der ihn schliesslich zum Whistleblower und Kritiker der Offshore-Bankgeschäftes macht. (3Sat Mo 13.11.2017, 23.55-00.45). Im Anschluss daran zeigt 3Sat noch einmal „Arlette – Mut ist ein Muskel“ von Florian Hoffmann.

Mittwoch, der 15.11.2017 ist auf 3Sat der Fernsehtag zum Bonner Weltklimagipfel. Verschiedene Aspekte werden dabei behandelt. Leider erst um 00.20 zeigt der Sender „Thuletuvalu“ von Matthias von Gunten. Der Regisseur hat an zwei exponierten Orten gedreht, hier Thule, eine der nördlichsten Gemeinden Grönlands und dort Tuvalu, ein Archipel in der Südsee. Beide haben etwas gemeinsam: Sie sind die ersten wirklich anschaulichen Opfer des Klimawandels (3Sat Mi 15.11.2017, 00.20 – 01.55). Im Anschluss daran der mehrfach preisgekrönte Film von Jens Schanze „La buena vida – Das gute Leben“ über den Kampf kolumbianischer Bauern gegen den Kohlegroßkonzern Clencore. Der sitzt ist in der Schweiz und ist grade mit den „Paradise Papers“ ins Gerede gekommen. (3Sat, Mit 15.11.2017, 01.55-03.25)

Arte erfreut Dokumentarfilmfreunde mit einer geballten Ladung von Filmen aus dem Programmplatz „Spätvorstellung – 20 Jahre Lucarne“. In dieser Woche sind es am 13.11. drei Filme. Über die abartig späten Sendezeiten lässt sich hier einmal nicht meckern, schließlich handelt es sich um  „Spätvorstellung“, die freilich eine „Sehrspät-Vorstellung“ ist. Die Filme bleiben aber erfreulicherweise für 30 Tage in der Arte-Mediathek. Hier die Programm-Annoncen von Arte.

In „Mrs. Fang“ begleitet Wang Bing eine an Alzheimer erkrankte alte Frau in ihren letzten Stunden. Der Film wurde in diesem Jahr mit dem Goldenen Leoparden in Locarno ausgezeichnet und dem Regisseur Wang Bing wurde bei der Documenta 14 in Kassel seine erste große Retrospektive gewidmet (Arte, 13.11.2017, 23.35).

„Venus – Nackte Wahrheiten“ ist ein origineller Castingfilm aus Kopenhagen, in dem junge Frauen Mitte Dreißig ganz offen über ihre sexuellen Erfahrungen und Wünsche sprechen (Arte, Mo 13.11.2017, 02:30

„Mauerhase“ von Bartek Konopka, 2010 für einen Oscar nominiert, erzählt die Geschichte des Falls der Berliner Mauer aus der Perspektive der dort hausenden Hasen.

Zwei politische Dokumentarfilme kommen diese Woche in die Kinos, für die eine Kritik zu produzieren wolfsiehtfern bisher nicht geschafft hat. Gleichwohl die Empfehlung, sich damit zu befassen. Beides Filme übrigens von Autoren, die in ihren Filmen selbst auftreten und eine Rolle spielen.

Da ist erstens das „Kongo-Tribunal“ des Schweizer Regisseurs Milo Rau, das auf einer politischen Aktion beruht. 2015 hat Milo Rau im Kongo ein symbolisches Tribunal in Szene gesetzt, mit Experten, Juristen und Journalisten. Es sollte dem Elend, unter dem das afrikanische Land Kongo seit Jahrzehnten leidet, anhand von drei konkreten Beispielen auf den Grund gehen. Im Zentrum standen dabei vor allem die für das an Bodenschätzen reiche Land wichtige Bergbauindustrie. Eine massive Kritik an Neokolonialismus, brutaler Ausbeutung und massiven sozialen Konflikten. Diesen Prozess dokumentiert der Film.

Milo Rau dazu im Interview: „Es war mir wichtig, die Perspektive zu zeigen, aus der das auch erzählt wird. Es gibt jetzt keine Off-Stimme, die auktorial, allwissend irgendwie durch den Film führt. Sondern man sieht mich, wie ich manchmal auch schockiert beispielsweise vor diesem Massaker, wo ich reingerate, wie ich da davorstehe, wie ich mir denke … Wo ich das auch nicht verstehe und wie dann mit der Zeit dieses Verstehen stattfindet. Ich trete eigentlich, je länger der Film dauert, umso mehr in den Hintergrund, man sieht mich dann eigentlich nur noch ab und zu die Klappe schlagen. Und dann wird plötzlich wieder klar: Ach, das ist ja gar kein reales Tribunal, das ist ja eine Fiktion! Und das wollte ich eigentlich auch ausstellen, also, diese Utopie, die ja dieser Raum auch ist, dieser hergestellte Raum, wo sich ein paar Menschen sagen: Lasst uns das mal untersuchen, lasst uns die Schuldigen verurteilen.“

In „Human Flow“ befasst sich der chinesische Künstler Ai Weiwei mit der weltweiten Flüchtlingsbewegung. Dafür drehte er mit einem Dutzend verschiedener Kameramänner und zahlreichen Filmcrews in 23 Ländern und zeigt das Elend der Flüchtlinge so in all seinen Formen und Ausmaßen.  Er tritt dabei selbst immer wieder vor die Kamera, legt sich einmal sogar in der Körperhaltung des an der türkischen Küste angespülten Jungen Aylan Kurdi an den Strand. Weiweis Film ist wegen solcher Selbstdarstellung auch stark kritisiert worden.

Barbara Schweizerhof wirft in epd-Film einen etwas anderen Blick auf den Film. Sie schreibt: „Der Film funktioniert eher als Installation denn als Information. Ai Weiwei collagiert Material aus verschiedenen Richtungen. Die Bilder wechseln zwischen Drohnenaufnahmen, die aus der Luftperspektive die Größe und Monumentalität des Geschehens unterstreichen, und Interviewpassagen und Beobachtungen vor Ort.“. Die Kritik kommt zu dem Urteil: „Human Flow« ist kein Film, der Lösungen anbietet oder für ein Ziel agitiert – es sei denn dafür, trotz der Größe des Problems auf die Humanität der Einzelnen zu bestehen. Und Empathie zu bewahren.“

Aus den Wiederholungsschleifen des Fernsehens hat wolfsiehtfern in dieser Woche schließlich noch herausgefischt: „Der Banker – Master of Universe“ von Marc Bauder (SWR, Do 16.11.2017, 23.55-02.20). Noch in den Mediatheken zu finden sind Filme der Reihe “ Ab 18!“, Joe Boots“, „Drei Engel für Russland“, 1917-Die Künstler und die Revolution“ und „Nach Wriezen „. Und was es sonst noch Interessantes gibt, in dieser Woche eine Menge, findet sich, wie üblich ohne Wertung in der Rubrik „was sonst noch läuft“.

 

 

 

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