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Filme der Reihe „Ab 18!“

chon in der fünften Staffel wieder Geschichten über Menschen in der Phase des Erwaschsenswerdens. Eine Reihe, wie sie wenig Vergleichbares im normierten Fernsehen hat: eigenwillige Protagonisten, eigenwillige Regisseure und Regisseurinnen, eigenwillige Handschriften. Unbedingt ansehen, noch in den Mediatheken von 3Sat und ZDF.

 

„Ab 18!“ ist der Titel einer dokumentarischen Reihe, die 3Sat einmal im Jahr auflegt, jetzt schon in der fünften Staffel. Es geht in diesen Porträts um Menschen in der Phase des Erwachsenenwerdens, ab 18, in einer Lebensphase großer Veränderungen. Diesmal werden sechs Filme erstaufgeführt, die zwar einer gemeinsamen Idee folgen, in der Ausführung aber jeweils eine wirklich eigene Handschrift haben. Die Reihe zeichnet sich vor allem darin aus, dass die Filme anders erzählt werden als die routiniert-formatierten Geschichten, mit denen das Fernsehen sonst geflutet wird.

„Mit 19 ging ich in den Krieg“, sagt Joe Boots, „und mit 21 kam ich als ein Riesenarschloch zurück“. Eine bittere Bilanz für einen Kriegsveteran. Die stellt man sich immer als alte Männer vor. Aber Joe Boots ist jung.In „Joe Boots“ erzählt er seine Geschichte, eine Geschichte von Traumatisierungen und seelischen Verletzungen. „Joe Boots“ ist Teil eines langen Dokumentarfilms „Stress“, in dem Florian Baron von fünf jungen Kriegsveteranen erzählt und der 2018 in die Kinos kommen soll. Auf der Duisburger Filmwoche gewann „Joe Boots“ die „Große Klappe“, den Hauptpreis der Kinder- und Jugendfilmfestivals doxs.

„Du warst mein Leben“ überrascht die Zuschauer erst einmal durch lange unbeirrte und unspektakuläre Einstellungen. Ein Balkon, zwei Menschen. Manchmal Blick aufs Meer. Eleonore und Yamin, Mutter und Tochter, sprechen miteinander. Es ist ein schweres Sprechen, denn die beiden sind in schwere Konflikte verwickelt. Die Tochter stellt langsam erst unverfängliche, dann immer bohrendere Fragen an die Mutter. Die erzählt von einer kaputten Kindheit, von Missbrauch und Alkohol. Dann von sich selbst, von Drogensucht. Das Gespräch entwickelt sich wie ein Zweikampf, denn die Tochter möchte die Erklärungen der Mutter nicht umstandslos zulassen. Sie fühlte sich von der drogenabhängigen Mutter vernachlässigt, allein gelassen, nimmt ihre eigene Kindheit als Katastrophe wahr.

Es geschieht nicht viel in diesem Film, eben das, was zwischen diesen beiden Menschen abläuft. Das Gespräch stockt, wird aggressiv, wird schmerzhaft, es wirkt stets gefährdet und vor dem Abbruch. Regisseurin Rosa Hannah Ziegler agiert darin ein wenig wie in einer Versuchsanordnung. Das Gespräch war auch absichtsvoll auf neutralen Boden gelegt worden, in ein Appartementhaus auf Borkum. Die Kamera verhält sich ruhig, bewegt sich in langen ruhigen Einstellungen.

Die Autorin sagt dazu „Ein filmisches Kammerspiel: Einheit des Ortes und der Zeit. Die Kameraarbeit sollte möglichst direkt sein, wenig ästhetisierend und dem Geschehen dokumentarisch folgen. Filmische Brüche in der Erzählung sollten zugelassen werden, zum Beispiel durch Kamerakorrekturen, die den Prozess der Annäherung durch spontanes Reagieren dokumentieren. So wird auch der filmische Prozess, und das Unplanbare zum Thema gemacht. Das war mir sehr wichtig bei diesem Film.“ Ein Film, der einen lange nicht loslässt in seiner Intensität.

Rosa Hannah Ziegler hatte für ihren Film „Cigaretta mon Amour – Porträt meines Vaters“ den Deutschen Kurzfilmpreis bekommen, diese Film hier ist eine Art Fortsetzung ihres Film „A Girl’s Day“, in dem sie Yasmin’s Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt. „Golddorf“ ist am 10.11.2017 um 01.15 im SWR zu sehen.

Gleichfalls sehr ruhig erzählt ist „Ewas Brief“ von Lin Sternal. Der Brief, geschrieben von der Protagonistin Ewa, die man nicht im Bild sieht, handelt von einem Geheimnis. Ewa schreibt ihrer Freundin, dass sie ihr polnisches Heimatdorf verlassen hat, weil sie schwanger war und abgetrieben hat. Abtreibung ist in Polen verboten und Gegenstand heftiger g

Der Text des Briefes bildet die Struktur des Films. Auch hier kommt es der Autorin darauf an, die innere Welt der Briefeschreiberin sichtbar zu machen. Das Dorf, nur auf den ersten Blick romantisch, auf den zweiten tiefe, niederdrückende Provinz. Immer taucht in diesen Bildern ein Mädchen mit einem Pferd auf, symbolhaft die Adressatin des Briefs verkörpernd – die Szenen wirken klischeehaft. Dazwischen arbeitet die Regisseurin auf der Tonspur, widerstreitende Stimmen aus der gesellschaftlichen Diskussion um Abtreibung ein, die hysterische katholische Propaganda, dagegen Stimmen von Demonstranten.

Die Autorin beschreibt ihre Methode: „Die größte Einschränkung war, dass wir die Protagonistin Ewa nicht zeigen durften, um sie zu schützen. Somit versuchte ich gemeinsam mit meinem Team, ein filmisches Konzept zu entwickeln, dass dem Zuschauer ermöglicht, ihr trotzdem nahe zu sein. Dies haben wir versucht, indem die Kamera an die Orte ihrer Erinnerung reist und dabei ein Bild ihrer Gefühlswelt widerspiegelt. Die Leere in den statischen Bildern steht für die Einsamkeit und Isolation von Ewa. Im Kontrast dazu haben wir eine belebte auditive Ebene gewählt. Durch diese Kombination von Bild- und Tonsprache hofften wir, dass sich der Zuschauer in Ewa emotional hineinversetzen kann. Auch der gewählte Schnittrhythmus spielte dabei eine wichtige Rolle.“

Lin Sternal war zuletzt bekannt geworden durch ihren Film „Eismädchen“, für den sie 2015 den Förderpreis der Stadt Duisburg erhielt.

Noch eine junge Frau: Pauline, eine Politaktivistin, die durch ihren Kampf gegen Rechts zu einer Politikerin wird: „Egal gibt es nicht“ Florian Hofmann begleitet sie bei ihren Aktionen, für die sie sogar zeitweise das Studium aufgibt. Paulines politische Idee ist zu fragen, wer eigentlich die AfD-Wähler sind und woher ihre Ansichten kommen.

Im Unterschied zu den anderen Filmen ist Florian Hoffmanns Herangehen das eines filmischen Beobachters, der die Szenen, die er findet, für sich sprechen lässt. Er sagt über seine Arbeit: „Das Spannende an der Tradition des „Direct Cinema“ finde ich, dass dem Zuschauer eine große Autonomie zugestanden wird. Er wird filmisch in Situationen geführt, die er selbst erkennen, selbst lesen muss. Dadurch entsteht meiner Meinung das Gefühl des Erlebens, das so viel stärker ist als das rein kognitive Verstehen. Und manchmal gehört auch Nicht-Verstehen zum Erleben dazu. Aus diesem Grund verzichte ich in „Egal gibt es nicht“ auf alle Erklärungen, die nicht unbedingt nötig sind, um so den Film- und Erlebnisfluss für den Zuschauer zu erhalten.“ Der Film ist Florian Hoffmanns Abschlussfilm im Fach Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (hffb). Mit „Arlette – Mut ist ein Muskel“ hat er aber auch schon einen langen Dokumentarfilm vorgelegt. „Egal gibt es nicht“ läuft in der kommenden Woche auf der Duisburger Filmwoche.

Dann zwei Filme über junge Männer, die wolfsiehtfern nicht sichten konnte. Der Protagonist in „Ricci Superstar“ ist ein Internetstar, bekannt geworden als Snapchatter. Eine moderne, zeitgenössische Figur, wie den social media entsprungen. Sein Leben besteht aus Öffentlichkeit und etwas anderes wollte er nie. Eine Charakterstudie dieses Mannes liefert Caroline Genreith, selbst überrascht über Charme und Intelligenz dieses Mannes.

Schließlich „Einmannland“ über einen jungen Mann, der einen Sommer lang als Vogelwart auf eine einsame Insel geht, ganz allein dort über die Runden kommen muss und sich dabei selbst filmt. Eine Erfahrung, der er macht: Einsamkeit ist anstrengend. Gedreht hat den Film Kilian Heimbrecht, der sich bisher einen Namen durch Kurzfilme gemacht hat.

Die Ausstrahlungstermine der Filme auf 3Sat:

„Ab 18! – Joe Boots“ von Florian Barons, Di 06.11.2016, 22.25-22.55

„Ab 18! – Du wars mein Leben“ von Regisseurin Rosa Hannah Ziegler, Di 06.11.2017, 22.55-23.40

„Ab 18! – Ewas Brief“ von Lin Sternal, Di 06.11.2017, 23.40 – 00.05

„Ab 18! – Egal gibt es nicht“ von Florian Hoffmann“, Mi 07.11.2017, 22.25-23.10

„Ab 18! – Ricci Superstar“ von Caroline Genreith, Mi 07.11.2017, 23.10 – 23.40

„Ab 18! – Einmannland“ von Kilian Heimbrecht“, Mi 07.11.2017, 23.30 – 00.10

 

 

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