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Duisburg, Spätvorstellung

In den Wochen vor Weihnachten wird die Luft für Dokumentarfilme in den Sendern und auch in den Kinos wieder dünn – wolfsiehtfern kratzt zusammen, was zu finden war.

In der vergangenen Woche haben wir auf „Das System Milch“ von Andreas Pichler hingewiesen – dieser Hinweis wird, nach Sichtung des Films, nun mit größerer Dringlichkeit wiederholt. Was der Autor hier recherchiert, von der Turbo-Kuh bis zum globalen Zusammenhang europäischer Landwirtschaftspolitik mit der Flüchtlingsbewegung nach Europa: faktenreich, dokumentarisch gut erzählt, ein Lehrstück dafür, was öffentlich-rechtliches Fernsehen können muss und soll. (Noch in der Mediathek von Arte)

Im Kino läuft in dieser Woche „Inschallah“ von Judith Keil und Antje Kruska an. Der Film war auch schon im Fernsehen – eine ungewöhnliche Reihenfolge in der Verwertung. Er erzählt die Geschichte eines Berliner Imam, der versucht, einen liberalen Islam zu leben und zu lehren, auch dies ein Lehrstück. Der Film bekam auf der diesjährigen Duisburger Filmwoche den Publikumspreis. Beobachtungen vom Duisburger Festival sind bei epd-medien erschienen, hier der Bericht, auch mit einigen Anmerkungen zu „Inschallah“.

Arte beschert uns nun schon in der dritten Woche mit seiner Ausgabe der Spätvorstellung. In dieser Woche gibt es folgende Filme, die Arte so anmoderiert:

„Donkeyote“ von Chico Pereira, GB 2014, EA. Ein Mann hat einen Traum – und einen Plan: Manolo, Anfang 70, immer schon oft und gern in der Natur unterwegs, plant eine letzte große Wanderung, obwohl sein Arzt ihm nach zwei Herzinfarkten davon abrät. Den 2.200 Meilen langen „Pfad der Tränen“ in den USA will er gehen – aber nicht ohne seinen Esel Gorrión („Spatz“), seinen besten Freund. Ein Film über einen alten Spanier, seinen Esel und ihr quichoteskes Streben nach den Weiten Amerikas – eine Suche nach Freiheit in einer Welt voller Grenzen.(00.30 – 01.55)

Unbedingt sehenswert, weil so reflektiert über das im Fernsehen so oft ganz flach behandelte Motiv der Erinnerung: „Nobody’s Business“ von Alan Berliner. Der Autor macht seinen zurückhaltenden Vater zum widerstrebenden Mittelpunkt einer ergreifenden und subtilen Untersuchung über Familiengeschichte und Erinnerung. Es entsteht eine außergewöhnliche filmische Biografie, in der sowohl Humor als auch Pathos ihren Platz haben. Die Vergangenheit trifft auf die Zukunft und die Generationen stoßen aufeinander: die Grenzen des Familienlebens werden verschoben, gezogen, gedehnt, zerrissen und – überraschenderweise – manchmal auch gewahrt. Enge und weitläufigere Verwandtschaft dienen Berliner als eine Art lebendiges Labor, in dem er die Mysterien der Familiengeschichte, ihre Genealogie und Vererbungen zu entschlüsseln versucht. Alan Berliner macht aus dieser privaten und persönlichen Darstellung eine Geschichte mit universeller Resonanz. (01.555-02.55)

Schließlich noch „Vita Brevis“ des belgischen Regisseurs Thierry Knauff. Arte spricht von einem filmischen Gedicht über den Augenblick und den fragilen, kurzen Tanz des Lebens, folgt einem Kind an einem Nachmittag und dem Schlüpfen von Millionen von Eintagsfliegen auf der Wasseroberfläche der Theiß. Eine wundervolle Ode an die Natur und das Leben. Der Film wurde von der Filmzeitschrift „Cahiers du Cinéma“ im Januar 2016 als „einer der schönsten Filme des vergangenen Jahres“ bezeichnet. (02.55-03.35)

Noch im Kontingent bleibt „66 Kinos“, beschrieben von Heike Heinrich. Aus den Wiederholungsschleifen herausgefischt haben wir den Film „10 Milliarden – wie werden wir alle satt“, den der BR ins Programm genommen hat (Mi 29.11.2017, 2.45-00.15) und „Iraqi Odyssey“ von Samir, bei Phoenix noch einmal mitten in der Nacht programmiert (Do 30.11.2017, 03.00 – 04.30). In den Mediatheken sind noch aufzufinden „Die Frau mit den fünf Elefanten“ und „Pepe Mujica“.

Und was sonst noch läuft – wie immer ohne Wertung aufzufinden in der Rubrik „Was sonst noch läuft“.

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