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Drei Engel für Russland – Glaube, Hoffnung, Liebe. Von Katja Fedulova.

100 Jahre Oktoberrevolution – ein Jahrestag, Gedenktag, Nostalgietag, was auch immer, Rückblick ist angesagt. Ins Gedenk-Kontingent geschummelt hat sich ein Film, der strikt auf die Gegenwart schaut: „Drei Engel für Russland“ – unbedingt sehenswert (Noch in der mediathek des ZDF)

In der Pressankündigung für diesen Film steht ein merkwürdiger Satz: Der Film zeige „zum 100. Jubiläum der Oktoberrevolution ein überraschend komplexes Bild russischer Wirklichkeit.“ Ist das ein Eingeständnis, dass Fernsehdokus sonst zu simpel gestrickt sind? Dass man es sich im Normalfall zu leicht macht, mit Russland und mit was weiß mit wem noch?

Überraschende Komplexität ist aber nicht das Merkmal dieses Films, der im Titel die christlichen Tugenden Glaube Liebe Hoffnung anspielt. Aber überraschend ist der Film schon und erschreckend auch. Zumindest hält er für den Zuschauer viele Überraschungen bereit.

Inszeniert hat die „Drei Engel für Russland“ Katja Fedulova, die selbst aus Russland kommt, schon lange in Berlin lebt und jetzt ihrer Heimatstadt Kursk einen dokumentarischen Besuch abstattet. Dabei hat sie die Leitfrage in ihrem Gepäck, ob es nämlich heute noch Heldinnen gäbe. Dafür hat sie auch eine Referenz: Ihre Großmutter, die in der Roten Armee gegen die Faschisten kämpfte, den Krieg überlebte und bis an ihr Lebensende an ihren sowjetischen Idealen festhielt.

Fedulovas Protagonistinnen sind junge Frauen, die nicht nur ihren Alltag leben, sondern die auch kämpfen: Natalie kämpfte im Donbass auf Seite der Separatisten. Anastasia kämpft gegen Abtreibung. Und Olga kämpft gegen Korruption. Das klingt, so daher gesagt, klar strukturiert. In Wirklichkeit trifft die Autorin da auf eine schwer vermischte Wirklichkeit, was ihren Film nicht nur überraschend, sondern manchmal auch verwirrend macht – nicht unverständlich, sondern Abbild einer verwirrenden Wirklichkeit. Alle drei Frauen laufen übrigen in High-Heels durch die Landschaft, alle drei haben Kinder und alle drei wissen gut, was Krisen sind.

Olga kandidiert in Kursk bei den Regionalwahlen Sie ist Abgeordnete, agiert als saubere Demokratin gegen viele Widerstände und Machenschaften. Die Szenen, in denen sie als Wahlbeobachterin in einigen Wahllokalen auftritt, sprechen Bände. Man bekommt ein sehr konkretes bild davon, wie Wahlmanipulation im Kleinen bewerkstelligt wird. Zugleich ist ihre private Lage unklar, sie ist Vorwürfen ausgesetzt, von einem Mann mit kriminellen Aktivitäten gestützt zu werden. Eine Beziehung mit ihm zu haben, streitet sie ab, es ist aber doch ziemlich offensichtlich. Kann man in Russland nur sauber sein, wenn man unsaubere Geschäfte unterhält? Hat der Taxifahrer doch recht, der sagt: „Wie kann man bekämpfen, was das Fundament dieses Landes ist?“. Er meint Korruption. Am Ende des Films wird Olga ihrer Immunität enthoben, ihr steht ein Prozess wegen Verleumdung und Extremismus bevor. Das Ziel ihrer Gegner, sie aus dem Regionalparlament zu bekommen, scheint auch erreicht. Sie verliert die Wahl.

Da ist Anastasia, die gegen Abtreibung kämpft. Sie ist Mutter von vier Kindern, alleinerziehend und eifernd ihrer Sache ergeben. Sie hadert mit Moralvorstellungen in der Gesellschaft, ihr Menschen- und Gesellschaftsbild ist rückwärtsgerichtet und illusionär.  Ihre Ideen holt sie sich von einer reaktionären Kirche, die auch vor obskurantistischen Aktionen nicht zurückschreckt. Einmal hält einer ihrer Funktionäre auf einer Versammlung eine Ikone ins Bild, die werde schon dafür sorgen, dass Frauen schwanger oder nicht schwanger würden.

Und da ist Natalia, die als Journalistin und als Kriegsreporterin im Krieg in der Ukraine war, auf Seiten der Separatisten kämpfte. Jetzt bildet sie Models aus, mit 15 war sie einmal Miss Kursk. Sie spricht eine harte Sprache, den Stalinismus verteidigt sie und zitiert eine Kriegskameradin mit dem Satz: „Man muss nicht für die Heimat sterben, man muss für die Heimat töten“. Der Satz geht der Filmemacherin nicht aus dem Kopf, sie kommt mehrfach darauf zurück. Am Ende wird Natalia, man erfährt nicht genau warum, in stationäre Behandlung in die Psychiatrie gehen, hinter ihr schließen sich die Tore.

Drei Frauen, drei gegensätzliche und extreme Haltungen. Und alle haben ihre Geheimnisse, die ihnen die Autorin nur teilweise entlocken kann. Katja Fedulova verwebt diese drei Geschichten miteinander, manchmal fällt es schwer, die Personen auseinander zu halten. Sie zeigt ihre Protagonistinnen in Szenen, in denen sie handeln, auf der Demonstration, im Wahllokal. Da schaut dann auch an allen Ecken und Ende der gegenwärtige Zustand des Landes durch die Bilder. Die Autorin ist häufig selbst im Bild, nicht als Ich-Akteurin ihrer selbst, sondern als Fragende, Irritierte, Verwunderte. Sie mischt sich ein, verwickelt sich etwa mit Anastasia in eine harte Diskussion über Abtreibung.

Als Rahmen ihrer Erzählung zitiert sie ihre inzwischen verstorbene Großmutter, mit der sich früher auch gedreht hat. Die Großmutter, die Heldin, die Gradlinige, das Vorbild. Eine, die noch wusste, wogegen und wofür man als Frau kämpft. Wie sich herausstellt, hat auch ihr Heldentum eine Geschichte. Ihre Eltern wurden in stalinschen Zeiten als Volksverräter denunziert, da wollte die Tochter als besonders sauber dastehen.

Und heute? Der Film endet mit dem 8. März, Frauentag, in Russland immer noch eine große Tradition. Putin hält eine Rede im Fernsehen, in der er die Männer auffordert, ihre Frauen zu unterstützen. Natalia bekommt für diesen Tag frei aus der Psychiatrie und Anastasie ist von ihrer Abtreibungs-Wahlkampftour wieder zu ihren Kindern zurückgekehrt. Irgendwelche gradlinigen Lösungen gibt es nicht. Katja Fedulova hat einen Film abgeliefert, der viele Fragen stellt und viele offen lässt und der uns in den Protagonisten, wiewohl sorgfältig ausgesucht, keine soziologischen Durchschnitt vorführt, sondern Persönlichkeiten, denen man mal zustimmen, dann wieder heftigst widersprechen möchte und vor deren Weltanschauung man auch erschrickt. Mit diesen drei Frauen, den Engeln von Russland (wieso eigentlich Engel?) kann man sich noch lange beschäftigen.

 

 

 

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