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Arlette- Mut ist ein Muskel. Von Florian Hofmann

Das ist etwas, was nur Dokumentarfilme pflegen: den langen Zeitraum in den Blick nehmen, Geduld aufbringen. Das Mädchen Arlette haben wir schon einmal in einem Dokumentarfilm kennenlernen dürfen. In „Arlette – Mut ist ein Muskel“ sehen wir sie in einer wichtigen Etappe ihres Lebens. Und ihre Geschichte geht noch weiter (3Sat, 13.11.2017, 00.45-01.35)

2011 gewann die Dokumentaristin Heidi Specogna für ihren Film „Carte Blanche“ auf der Filmwoche Duisburg den 3-Sat-Preis. In diesem Film geht es um den Internationalen Gerichtshof in Den Haag und um Kriegsverbrechen in der Zentralafrikanischen Republik. Man sieht darin auch eine Szene mit dem Mädchen Arlette, das in den Bürgerkriegswirren eine Kugel ins Bein bekommen hat. Die Wunde schmerzt höllisch, sie will nicht heilen, ärztliche Versorgung gibt es nicht. Die Mutter versucht es mit einem Kräutersud, vergeblich. Als der Film in Deutschland lief, blieb die Szene mit dem vor Schmerzen schreienden Mädchen einigen engagierten Zuschauern so sehr im Gedächtnis, dass sie einen Unterstützerkreis gründeten und Geld zusammentrugen, um Arlette nach Berlin zu holen, damit ihr geholfen werde.

Davon erzählt nun „Arlette – Mut ist ein Muskel“. Ankunft des afrikanischen Mädchens im verschneiten Berlin. Charitè. Ärzte und Pfleger bemühen sich um Heilung, sie gelingt. Dann muss Arlette in die Reha, wo sie sich wochenlang unter hüftkranken alten Menschen bewegt. Aber sie macht gute Fortschritte und es naht die Rückkehr in ihr Heimatdorf. Doch einen Tag vor ihrer Rückreise bricht der Bürgerkrieg in Bangui wieder aus, sie sitzt fest und die deutsche Bürokratie hat für sie keinen Plan. Sie ist ein Nichts, kein Flüchtling, keine Touristin, keine Asylbewerberin, quasi nicht existent.

Florian Hofmann begleitet das Mädchen auf seinem Weg und ist doch zugleich mehr als ein Begleiter mit der Kamera: auch ein Betreuer. Bei aller subjektiven Verwicklung hält sein Film dennoch die notwendige erzählerische Distanz zu seiner Protagonistin und kann ihr Erwachen aus dem Misstrauen ebenso zeigen wie ihre Enttäuschung. Die erste Begegnung mit Schnee, die Skype-Gespräche mit der Familie, ihre Körpersprache, das alles sind kostbare Momente des Films. Am Ende kann Arlette doch wieder zurück nach Bangui. Die Polaroid-Kamera, mit der sie in Deutschland viele Entdeckungen aufzeichnete, wird ihr von den Rebellen gleich wieder weggenommen und zerstört. Ende offen.

Inzwischen ist Arlettes Geschichte weitergeschrieben worden in Heidi Specognas jüngstem Film „Cahier Africain“. Hier erzählt sie die Geschichte von einigen Frauen aus der Zentralafrikanischen Republik weiter, die die Autorin bei den Dreharbeiten zu „Carte Blanche“ schon kennengelernt hatte. Darunter ist auch Arlette. Aber sie kann wieder nicht in Ruhe leben, die Frauen geraten erneute in einen Bürgerkrieg zwischen rivalisierenden Milizen und müssen fliehen. „Cahier Africain“ läuft am 04.12.2017 auf 3Sat. Unbedingt vormerken.

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