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66 Kinos – eine Reise durch die deutsche Kinolandschaft. Von Phillip Hartmann

Ein Film für alle, die das kleine, familiäre, private, kommunale, besondere, programmatische, gute alte – eben das etwas andere Kino lieben, findet Heike Heinrich. Phillip Hartmann legte 2014 einen Experimentalfilm mit dem assoziativen aber schwer verleihbaren Titel „Die Zeit vergeht wie ein brüllender Löwe“ vor. Der Essayfilm bestach durch grandiose Bilder und poetische Texte, die  versuchten, die Zeit einzufangen und ihr Vergehen zu zeigen. Das ambitionierte Vorhaben war überaus gelungen, lief auf Festivals und drohte dann in der Versenkung zu verschwinden. Der Filmemacher schrieb Kinos an und organisierte sich selbst eine Screening Tour. 66 Kinos luden ihn ein und 30 von ihnen sind nun die Hauptdarsteller seines aktuellen Films mit vielversprechendem Titel.

Hartmann trifft Kinobetreiber, Programmmacher, Filmenthusiasten, Vorführer, Karten- und Popkornverkäufer in kleinen Foyers und alten Kassengondeln – meist in Personalunion. Der am häufigsten gesprochenen Satz ist wohl „Hier muss man alles können“. Vor allem aber sind es Menschen, die Filme lieben und die alten Filmtheater mit viel Enthusiasmus und noch mehr Idealismus am Leben erhalten. Herausgekommen ist ein Dokumentarfilm mit vielen Momentaufnahmen und skurrilen Beobachtungen, der Menschen zu Interviews trifft und dessen Idee es ist, nach dem Zustand des Kinos in unserem Land zu schauen.

Dabei wird das Kino als sozialer Ort, als Konzentrationsort für die Kunstform Film, als Ort der Begegnung und als Kunstort aufgezeigt. Die Gesprächspartner sind so interessante Typen, so extravagant und verschieden, wie die Kinos, für die sie brennen. Diese Potential vermag der Film allerdings nicht komplett zu erschließen. Die Geschichten über die Kinomacher, ihre Liebe zum Kino und zum Film bleiben kurz angebunden und unverbunden mit den Orten, an denen sie spielen. Meist wird das Drama des Niedergangs dieser Programmkinos zum tragenden Teil der Gespräche. Und auch wenn das Empfinden derer so ist, die sich dort täglich mühen um ein anspruchsvoller Kinoprogramm und ein sachkundiges Publikum, kommen die Vielfalt der Sorgen, Nöte aber auch Freuden an dieser Arbeit nur in Ansätzen vor. Und weil es an einem Ort immer so schnell vorbei ist, freut man sich schon auf die Gespräche im nächsten Kino. Der Zuschauer kommt mit dem Filmemacher rum, irgendwann muss er beschließen, sich selbst auf den Weg zu begeben, um die Fülle, die Schönheit und die Spannung des Kinos immer wieder zu entdecken.

Hartmann findet alte und neu erbaute Kinos, in traditionsreichen Spielstätten oder den trostlosen Ort, wo ein ehemaliges Kinogebäude heute ein Supermarkt ist.  Schön ist die Geschichte  vom Kino in Wolfsburg mit Gästewohnung, in der Stars und Sternchen, so auch Romy Schneider, nach langen Kinoabenden übernachteten. So etwas passiert heute gar nicht mehr. Oder ein Kino mit Hörsaalfunktion. Oder das Kino in Alpirsbach, einer ehemaligen Abtei, wo die Filme mit der alten Abteiglocke eingeläutet werden. Der Filmemacher besucht Filmclubs, kommunale Kinos oder Filmmuseen – und macht so die Bandbreite dieser Kinoarbeit auf. Kinos in München, in Köln oder Hamburg, in Wiesbaden, Wolfsburg oder Magdeburg, in Bamberg, Meldorf oder Bühl – ganz gleich wie groß der Ort oder das Kino ist.  Das alles ist sehr unterhaltsam und kurzweilig.

Die Kamera selbst kommt jedoch nur selten über das Foyer hinaus. Viele Programmkinos haben mit großem Einsatz die Digitalisierung einer ihrer Leinwände oder der einzigen Leinwand möglich gemacht, haben tolle Kinosäle eingerichtet, in denen die alte Tante Kino ganz neue Seherlebnisse für das Publikum schafft – Eventkino ohne Multiplex. All das erfährt und sieht man nicht. Etwas redundant sind die ewig gleichen Bilder von Plakaten in Kinofoyers. Und wenn das Foyer als Eingangsort in die Säle der Verheißung von Liebe, Schmerz, Abenteuer, Spannung und Verzweiflung der thematische Grundgedanke war, dann geht auch das nur bedingt auf.

Selbst das Thema Kinoarchitektur kann nicht als dramaturgischer Faden durchhalten. Oft haben diese Kinos spannende Namen, die mit ihrer Geschichte oder der örtlichen Umgebung zu tun haben wie „Blaue Königin“, Pro-Winzkino. ABATON-Kino oder das Volkshochschulkino in Leverkusen – auch hier zu wenig Nachfrage und kaum erzählte Geschichten. So werden schöne Orte und interessante Menschen weitgehend verschenkt. Warum gibt es immer wieder so unsinnige Momente, wo Gesprächspartner  in Treppenhäusern gefilmt werden, die an klingelnde Handys gehen oder Gespräche, die abrupt irgendwie enden? So wie das letzte Gespräch in Magdeburg, das mit dem Kinobetreiber des dortigen Studiokinos im Auto geführt wird und gar nicht im Kino selbst. Wo aber der alles entscheidende Satz fällt. „Es ist gut und wichtig, dass über den Mainstream hinaus, Filme gemacht werden, die Filmkunst immer noch lebt. Aber ohne uns, ohne die Kinos, in denen diese Filme gezeigt werden, wären sie nicht in der Welt.“ Und dann fährt das Auto mit dem Kinomann durch nichtssagende Straßen. Dabei waren alle Zutaten da, um über die Montage die Lebensgeschichten mit Kinogeschichte zu verknüpfen, Verleih, Beschäftigungssituation, Auslastung und Überlebensstrategien für das Filmkunsttheater und die Filmkunst verbinden können. So bleibt 66 Kinos eine Momentaufnahme aus unserem Kinoland

Das Videotagebuch einer Kinotour  feiert dennoch das Kino. Und deshalb sollten alle, die genau dieses Kino lieben, in diesen Film gehen. Er macht neugierig auf alle gefilmten Orte. Er lädt ein, nicht nur Zuhauses, sondern auch auf Reisen, im Urlaub, genau diese Kinos zu suchen, zu besuchen, zu stärken und zu unterstützen. Um in eigenen Gesprächen an Theken und kleinen Kassengondeln, all diese Menschen selbst kennenzulernen und endlos über Kino, Filme und die Liebe zu beidem zu debattieren.

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