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Making Of: Inschallah -zwischen den Kulturen. Antje Kruska und Judith Keil

Islam, ein Thema, das uns noch lange beschäftigen wird. Die Filmemacherinnen Antje Kruska und Judith Keil haben einen Imam in Berlin-Neuköln mit der Kamera beobachtet. Sie haben über ihre Arbeit an diesem Film einen Text veröffentlichet, der interessante Aufschlüsse gibt.(Noch in den Mediatheken von ZDF und 3Sat) Wie schon oft sind wir auch bei „Inschallah“ durch Zufall auf den Hauptprotagonisten aus unserem Film gestoßen. Eine Filmszene aus einem früheren Film hatte uns 2013 in die Moschee an der Flughafenstraße in Berlin-Neukölln geführt und bei der Bitte um Drehgenehmigung lernten wir den Imam der Moschee, Taha Sabri, kennen. Einem Dreh in seiner Moschee hatte der Imam damals sofort zugestimmt und darüberhinaus hatten wir ein langes humorvolles und tiefgründiges Gespräch mit ihm über „Gott und die Welt“.

Im Verlaufe der folgenden zwei Jahre nach dieser Zufallsbegegnung wurde und wird bis heute, ausgelöst durch die Flüchtlingswelle 2015/16 und eine zunehmende Bedrohung durch islamistische Attentate, viel öffentlich über „den Islam“ und „die Muslime“ in Deutschland berichtet und diskutiert. Die allabendlichen Talkrunden im Fernsehen hinterließen aber oft ein schales Gefühl und schienen wenig über die „Otto-Normal-Muslime“ aus unserer Nachbarschaft in Neukölln auszusagen.

So entstand die Idee, bei der im Gedächtnis gebliebenen Begegnung mit dem Neuköllner Imam und seiner Moscheegemeinde anzuknüpfen, mit dem Ziel, uns diesem aktuellen gesellschaftlichen Thema auf unsere Art dokumentarfilmisch-unspektakulär zu nähern.

Zunächst war unser Ansatz der, dass wir mit Hilfe des Imams einzelne Ratsuchende aus seiner täglichen Praxis näher kennenlernen wollten und deren Konsultation bei ihm als Ausgangspunkt für eine filmische Erzählung nutzen wollten, die uns tiefer in die jeweiligen Lebensgeschichten dieser Personen führen würde. Schnell mussten wir jedoch erfahren, dass es nicht so leicht war, einzelne muslimische Gemeindemitglieder von einer Idee, die ihre privaten Lebensverhältnisse und Konflikte ausloten wollte, zu überzeugen. Dem Imam gegenüber öffneten sich die Menschen mit ihren Anliegen natürlich schrankenlos, und er versuchte auch stets, in unserem Namen zu vermitteln, aber hier als fremdes Filmteam Vertrauen zu gewinnen, blieb schwierig.

Wir beschlossen daher, mehr auf Spontanität zu setzen. So vereinbarten wir ein paar Drehtage in der Moschee, an denen wir nicht wussten, was passieren würde, wer zum Imam ins Hinterzimmer hineinlaufen würde und was besprochen werden würde. Auch so ließen sich die einzelnen Besucher natürlich nicht alle einfach mit der Kamera „überfallen“, aber wir waren dennoch erfolgreicher und konnten so manche Zufallsbegegnung mitbegleiten, die Geschichte eines syrischen Flüchtlings sogar über mehrere Etappen.

Dass wir uns ein paar Tage lang dicht an die Fersen des Imams hefteten, führte dazu, dass wir neben einigen Einblicken hinter sonst verschlossene Türen auch ihm als Person immer näher kamen und seine Offenheit ihn für uns als charismatischen und vielschichtigen Protagonisten immer mehr in den Mittelpunkt des Films rückte.

Schon bald entstand in unsern Köpfen die Vision eines Portraits seiner Person, und zwar nicht nur in seiner Funktion als Imam und Gemeindemittelpunkt, sondern auch als Mensch mit einer starken persönlichen Biografie.

Leider wurde unser Protagonist dann mitten in den Dreharbeiten ernsthaft krank und ein Herzleiden wurde so beschwerlich, dass er ein paarmal ins Krankenhaus musste und sich auch zeitweise aus gesundheitlichen Gründen von seinen Aufgaben als Imam und auch von unserer Filmarbeit zurückziehen musste.

Die Tatsache, dass unsere filmische Begleitung sich somit länger erstreckte als zunächst geplant, kam letztlich dem Film zugute. Wir konnten so auch mitbegleiten, dass der mit dem Verdienstorden der Stadt Berlin geehrte Imam ein Dreivierteljahr später in den Fokus der medialen Kritik geriet, nachdem ein Journalist recherchiert hatte, dass Sabris Moscheeverein bereits wiederholt im Berliner Jahresverfassungsschutzbericht erwähnt worden war.

Ihm wurden und werden immer noch Verbindungen zu anderen als radikal eingestuften muslimischen Vereinen in Deutschland nachgesagt. Was genau an den Vorwürfen dran ist, bleibt bis heute weitgehend nebulös. Die Berichterstattung erschien uns oft oberflächlich und bestand häufig im Wiederkäuen tendenziöser Vorgängerartikel. Das filmisch miterleben zu können, war erhellend und es war interessant zu sehen, wie hoch der Druck in den Zeiten einer aufgewühlten und unsicheren Gesellschaft und Öffentlichkeit auf die im Fokus des Zweifels stehende Minderheit der Muslime wirkt.

Der Film kann so zeigen, dass selbst eine Integrationsfigur wie Imam Sabri, der bereit ist, seinen Glauben liberal auszulegen, damit er besser in unsere Mehrheitsgesellschaft passt, nicht nur beständig nach innen wirken und kämpfen muss, sondern genauso nach außen, selbst oder gerade weil er seine Moscheetüren, die sonst oft verschlossen bleiben, für alle öffnet. Das starre Regelwerk der Religion und die oftmals in der konservativen kulturellen Tradition verhafteten Gläubigen einerseits und die kritisch-misstrauische bis regelrecht feindselige öffentliche Haltung in Deutschland andererseits bilden das Spannungsfeld, in dem sich unser Protagonist tagtäglich bewegt.

Dafür kommt unser Dokumentarfilm unterm Strich recht leichtfüßig daher, was wohl dem Charakter und der optimistischen Lebenshaltung unseres Protagonisten zu verdanken ist.

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