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Großbreitenbach 100 %. Von Gerd Conradt

Nach den Wahlen ist vor den Wahlen. Heike Heinrich hat sich die Webserie „Großbreitenbach 100%“ angesehen – eine Wahlinitiative wird zum Blick in das Herz der deutschen Provinz. Ein serielles Filmprojekt im Internet von Gerd Conradt. „Kein schöner Land in dieser Zeit“ spielt die Bläsergruppe aus Großbreitenbach auf dem Stadtplatz. Das ist mehr als nur ein Klischee. Darin klingt eine jahrhundertelang währende Sehnsucht der Deutschen nach der perfekten Heimat mit. Schwarz-Rot-Gelb beginnt das Intro einer Webserie von Dokumentarfilmer Gerd Conradt und dem jungen Produzententeam von BLENDE39 aus Magdeburg, angeführt von zwei Frauen, Grit Bümann und Eva-Luise Volkmann.

Die Idee ist simpel wie erklärungsbedürftig. Gerd Conradt reist im August 2017 mit der Kamera nach Großbreitenbach, um für eine Wahlbeteiligung zu werben, die man nur aus Diktaturen kennt: 100%. Dabei kommt er im Ort seiner Kindheit, der ihm Heimat und Schutz als Flüchtlingskind nach dem zweiten Weltkrieg bot, ins Gespräch mit jungen und alten Menschen. Manche hat er vor mehr als 25 Jahren schon einmal mit der Kamera besucht. In Großbreitenbach, einem kleinen Ort am Rande des Thüringer Waldes, lebte er bis zum 14. Lebensjahr. Hier wollte er DDR-Gegenwart erzählen. Dann fiel die Mauer und Gerd Conradt kam in die exklusive Lage, diesen Wandel vor Ort filmisch begleiten zu können. Ach damals gab es in Großbreitenbach eine Bundestagswahl, die erste freie und geheime Wahl nach der DDR. „Blaubeerwald“ hieß sein Film 1992.

Heute ist Großbreitenbach bundesdeutsch aufgeräumt. Der Kleinstadt geht es gut. Häuser und Straßen sind saniert. Man pflegt Traditionen, jung wie alt. Und spätestens wenn die männliche Stadtjugend das „Rennsteiglied“ verrockt und ein touristischer Wegweiser zum Kloßpressenmuseum führt, weiß man, hier ist Thüringen.

Das serielle Erzählen entsteht über die gefilmten Begegnungen und ihre Montage mit Material aus der Zeit 1989/90. In jeder der bisher 10 ausgestrahlten Episoden lernt der Zuschauer zwei Großbreitenbacher kennen. Einige kann man noch einmal ihrer Lebenssituation zur politischen Wendezeit agieren sehen. Da ist Andreas, Leiter der Bläsergruppe, die es auch schon zu DDR-Zeiten gab. Er ist einer, der sich immer engagiert hat. Selbstverständlich geht er wählen. Anders Gerald. Ihn trifft das Filmteam zufällig beim Bäcker, als es wieder mal auf Werbekampagne für die Wahlen ist. „Ich gehe nicht wählen, ich sehe kein Sinn darin.“ Gerald erklärt sich bereit auch vor der Kamera zu sprechen. Er ist Reichsbürger, seine Ansichten so krude wie felsenfest.

Die Kamera von heute macht Gerd Conradt, den Großbreitenbacher von einst, zum Komplizen des aktuellen Geschehens. Die Menschen öffnen ihm die Wohnungen. Die Fernsehapparate laufen. Das Politische kommt ganz beiläufig. Und das ist die große Stärke der 8 bis 10 minütigen Episoden. Es sind Mikroorganismen  deutschen Lebensalltags. Die Provinz wird hier nicht denunziert. Aber sie ist sich wohl sehr ähnlich, in Thüringen wie Hessen oder Vorpommern.

Obwohl in Großbreitenbach der Ausländeranteil Null! Prozent beträgt, geht zu diesem Thema die größte Angst der Menschen um. Sie fühlen sich abgehängt, obgleich der Ort gut situiert ist und die Stadtgemeinschaft funktioniert. Es gibt viel Ehrenamt. Der Bürgermeister zum Beispiel macht seinen lokalpolitischen Job ehrenamtlich. Die Rathausangestellte Amelie lernen wir in Episode 5 kennen. In Kürze geht sie in den Ruhestand. Noch ist  sie der ruhende Pol im Rathaus: Termine für den Bürgermeister, Fragen der Bewohner, Bürgeranliegen, Besucherführungen…viel Arbeit. Amelie fürchtet um ihre Rente. Privat musste sie sich kümmern. Altersarmut ist neben Arbeitslosigkeit eine weitere große Angst, die umgeht in Großbreitenbach.

Antworten auf ihre Fragen finden die Großbreitenbacher bei Politikern auf Bundesebene nicht. Die sind alle so weit weg. Und das auch in der DDR schon reproduzierte „die da Oben und wir da Unten“ hat sich eher verstärkt. Die Jungen wie Marvin, der Bandgitarrist, der mit „Diesen Weg auf den Höh’n bin ich oft gegangen“ über Thüringen hinaus in die Charts strebt, erzählen von zwei Meinungen, die man in der DDR haben musste. Es kommen Zweifel auf, ob diese Jungs überhaupt schon eine Meinung hatten, als der idyllische Flecken noch DDR war. Sie können höchstens fünf Jahre alt gewesen sein. Auf die Frage, ob das heute auch noch so ist, sagen sie zögernd „Ja, manchmal schon.“

Dagegen steht Annemarie, die in der DDR Chefsekretärin in einer Möbelfabrik im Ort war. Heute ist der Betrieb verfallen und noch immer liegen Holzreste auf dem Hof dieser kleinen „Industrieruine“. Im Film von 1990 blätterst sie mit Conradt in den obsolet gewordenen Möbelkatalogen der DDR und führt ein „Verkaufsgespräch“ zu einem Schlafzimmer. Nein, diese Woche liefern könne man das nicht.  Das dauert natürlich etwas.

Neben dem Spiel mit Skurrilem und bundesdeutscher Wirklichkeit, werden Wunden aufgezeigt, die sich so, wenn  man über Politik und Wahlen spricht, nur im Osten Deutschlands finden. In Episode 7 begegnet man Jens, dem Förster, der ohne Mühe zwischen den Bäumen den Sonnenstand ausmachen kann. Er findet sich im Wald besser zurecht als zwischen den Hochhäusern. Und der Zuschauer beginnt zu ahnen, worin dieses Gefühl vom Abgehängtsein bestehen könnte: in dem Verlustempfinden, der Abwesenheit von tatsächlicher Teilhabe und der fehlenden Wahrnahme durch die „große Politik“. Karl, der Mann, der über die Wiese geht und über ihre Schönheit spricht, wie über eine Geliebte. Er kennt jede Blume beim lateinischen Namen. Das war in der DDR sein Ausweg aus einem empfundenen Gefängnis. Hier wurde die Welt weit. Dass diese Liebe nie aufgehört hat und er diese Wiese heute noch braucht, um sich im Leben zu fühlen, sagt viel, über den Zustand der Bundesrepublik. Eine starke, berührende Geschichte.

Dazu gehört auch Dietrich, dem man nur noch im Filmmaterial von 1989/90 begegnen kann. Er hat einst sein FDJ-Hemd verbrannt. Heute ist er Neonazi und spricht nicht mehr vor der Kamera. Viele Großbreitenbacher tun das nicht. Etwa 20%, so die Schätzung, könnten AfD-Wähler sein. Niemand von ihnen spricht dazu. Und noch etwas fällt auf: In bisher neun gedrehten Episoden kommen nur zwei Frauen vor. Das Filmteam hat viele getroffen. Junge Frauen und Mädchen sind vor allem mit ihren Jungs unterwegs, treffen sich an der Bushaltestelle am Ortseingang. Zunächst machen sie einen Termin für ein Interview. Kommen kommen sie nicht.

Wer glaubt, Berlin, Hamburg oder Köln seien die Bundesrepublik oder in den Städten würden die Wahlen entscheiden, wird bei „Großbreitenbach 100%“ ins Nachdenken kommen.

Die Web-Serie „Großbreitenbach 100%“ ist eine Experiment. Bedenkt man, dass die Arbeiten an der Serie vor Ort im August begannen und zur Bundestagswahl am 24. September die 10. von 12 Episoden ins Netz gehen soll, dann ist Gerd Conradt und den Machern von Blende 39 ein interessanter Coup gelungen. 100 000 Klicks haben die Episoden bisher erreicht. Das Gefilmte wird vor Ort gleich geschnitten und veröffentlicht. Eine „Rund-um-die Uhr“-Arbeit, der man die Mühe nicht ansieht.

Ein stimmungsvolles Intro mit der Durchsage des Stadtfunks von 1989, Kinder in einem ausgebrannten Trabi und zwei Blaubeeren am Strauch eröffnet die Episoden und erweckt sofort meine Neugier. Peter Bräunig führt eine fokussierte Kamera, die es versteht, auch über den Text hinaus mit Bildern zu erzählen und uns so nach Großbreitenbach zu holen. Eric Zimmermann hat die Bilder stimmungsvoll montiert. Die Archivbilder sind nicht nur ergänzende Erinnerung sondern verstärken den Eindruck des Erzählten. In vielen Geschichten steckt ein leiser, kluger Humor. Schon im Intro kann man ihn finden, wenn am Ende ein Finger auf einen blauen Knopf drückt, über dem „Netz“ steht. Dieses kleine unkommentierte Bild spricht auch über einen Filmemacher, der sich mit seiner Arbeit im hohen Alter noch dem Internet stellt.

Das Projekt hat auch Glück gehabt. Martina Gedeck ist die Schirmherrin und so hat es auch Förderer gefunden wie die Mitteldeutsche Medienförderung und die Staatskanzlei des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. So konnte Großbreitenbach 100% überhaupt erst realisiert werden. Und Martina Gedeck fasst zusammen, was Großbreitenbach100% auch abbildet. Die Frage nach der Zeit. „Was ist Zeit? Was vergeht, wenn sie vergeht? Was bleibt? Was hat Bestand?“, so Martina Gedeck zum Filmprojekt.

In Halle und Magdeburg hat es zwei Tage vor der Bundestagswahl Screenings und Gespräche mit dem Filmteam in Kinos gegeben. Das sollte bundesweit Fortsetzung finden und könnte das Experiment um Großbreitenbach medial über das Netz hinaus vernetzen. Und ja, man könnte Großbreitenbach 100% auch in Serie im Fernsehen ausstrahlen. Man sollte es sogar! Wenn die vorerst letzte Episode im Netz steht, wissen wir, ob in Großbreitenbach 100% Wahlbeteiligung gelungen ist. Und wie viel Prozent der wahlberechtigten Bundesbürger von ihrem ureigensten demokratischen Recht und der staatsbürgerlichen Pflicht auf freie und geheime Wahlen Gebrauch gemacht haben.

Sich abgehängt fühlen, Teilhabe vermissen, Ängste haben – ob berechtigt oder nicht – all das kann man im Moment in der Wahlkabine mit seinem Kreuz auf dem Wahlzettel nicht wettmachen, aber verringern. Sich politisch gehört fühlen, beginnt genau hier. Auch das macht Großbreitenbach 100% deutlich, ganz nebenbei, wohltuend unaufgeregt über die Verknüpfung von Zeitenwenden. Gesagt wird nicht alles, aber sehr gut gefilmt für ein mitdenkendes Publikum.

Auf folgenden Kanälen gelangt man nach Großbreitenbach:

www.grossbreitenbach100prozent.de

https://www.facebook.com/grossbreitenbach100/

https://www.youtube.com/channel/UC9-pCwfEakLXDX_WRmkRgVw

https://www.instagram.com/grossbreitenbach100/

 

 

 

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