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„Anderson“. Von Annekatrin Hendel

Oh, da mache man sich die Finger dreckig, sagt Sascha Anderson und hebt den Ordner mit spitzen Fingern. In den Ordnern liegen seine Spitzelberichte an die Stasi. Die will er aber nie gelesen haben, sagt Anderson. Den ganzen Film über weiß man nicht, ob man ihm glauben soll. HR, So 05.11.2017, 01.30-03.00

„Anderson“ ist, anders als der Name sagt, kein biographischer Film über Sascha Anderson, den Dichter, Punkmusiker, Organisator, selbsternannten Kulturminister vom Prenzlauer Berg, King der Bohème, der seine Künstlerfreunde viele Jahre lang an die Staatssicherheit verriet. Manche hatten etwas geahnt, die meisten konnten es nicht glauben, als Jürgen Fuchs die Belege in den Akten fand und Wolf Biermann den Verrat mit dem Wort „Sascha Arschloch“ öffentlich machte. Kein biographischer Film also und auch keine Abrechnung mit der Stasi, sondern eben ein Film über den Verrat , den Verräter und den Umgang der Verratenen mit beiden.

Annekatrin Hendel versammelt sie vor der Kamera. Sascha Anderson, den sie mit immer neuen Fragen konfrontiert. Seinen ehemaligen Freund Ekkehard Maaß und dessen Frau Wilfriede, die später mit Anderson zusammenlebte, auf der gleichen Etage, mit zugemauerter Verbindungstür. Die Kameraleute Lars Barthel und Thomas Plenert, die mit Anderson in Babelsberg studierten und damals schon erkannten, dass der sich beständig in irgendwelche Lügengeschichten verwickelte. Das Fotografenehepaar Baahs aus Dresden. Der Lyrikerfreund Bernd Papenfuß, der heute eine Szenekneipe am Prenzlauer Berg betreibt und wieder mit Anderson publiziert. Roland Jahr, heute Stasi-Beauftragter der Bundesregierung, der nach Andersons Umzug nach Westberlin ihm Kontakte verschaffte – und auch da vom Freund bespitzelt wurde. Mit welchen Ergebnissen? Schwer zu sagen. Einige kamen ins Gefängnis, davon wusste Anderson sehr wohl. Das strategische Stasi-Ziel, die Szene zu entpolitisieren, dürfte er erreicht haben.

Es ist hochinteressant, wie in „Anderson“ aus den Beschreibungen der vielen das Bild einer vielschichtigen, gleichwohl unscharfen Persönlichkeit entsteht. Ein Mann mit vielen Gesichtern. Wozu Anderson selbst natürlich beiträgt in seinen unscharfen Redewendungen und vagen Erklärungen, die sich dann wieder kreuzen mit wirklichen oder gespielten Reuebekundungen: „Feigheit vor dem Freund ist schlimmer als Feigheit vor dem Feind. Ich war völlig unfähig, die Situation zu klären, aber es hätte sein müssen.“

Die Regisseurin gibt ihrem Protagonisten reichlich Raum für Selbsterklärungen, ohne ihm dabei unkritisch auf den Leim zu gehen. Man hört es aus ihren bohrenden Fragen und natürlich sprechen auch Andersons sprachliche Windungen und Vagheiten für sich. Das Interview mit ihm führte die Regisseurin übrigens in der im Studio nachgebauten Küche von Eckkehart Maaß, die seinerzeit der zentrale Boheme-Treffpunkt war. Ein grandioser Einfall. So wird das Filmische sichtbar, die penible Rekonstruktion der Boheme-Athmosphäre. Das Arrangement ist auch ein Kommentar zum Thema des Films: wahr/falsch, authentisch/ inszeniert. Und ihrem Protagonisten kann die Regisseuring zur gleichen Zeit nahekommen und Distanz bewahren. Sie fällt auch kein Urteil über ihn, sondern macht die Urteile anderer hörbar. Sie hat eine Haltung und überlässt es den Zuschauern, die ihre zu finden.

„Anderson“ ist der zweite Teil einer Trilogie, die Annekatrin Hendel über Verrat und Verräter drehte. In „Vaterlandsverräter“ hat sie sich mit dem Dichter Paul Gratzik befasst, der selbst auch sowohl Stasi-Informant wie Stasi-Opfer gewesen ist. Im dritten Teil will die Regisseurin sich mit dem Anschlag auf die Friedenauer Diskothek La Belle 1986 befassen.

www.anderson-film.de

 

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