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TV: Wem gehört die Stadt? Von Kristian Kähler und Andreas Wilcke

„Wem gehört die Stadt“ rauscht mit einem ziemliche Rundumschlag durch den aufgewühlten Wohnungsmarkt in Berlin, wo investieren schick geworden ist und eine Wohnung zu haben, nicht mehr bedeutet, sicher zu sein. Die ARD wagt es sogar, diese Diagnose noch vor Mitternacht auszustrahlen. Noch in der ARD-Mediathek

Michaela Zöllner und Stefan Höft entdecken, dass ihre Mietwohnung an der Neuköllner Hasenheide zum Verkauf steht. Der stadtbekannte und berüchtigte Investor Sascha Klupp kündigt Modernisierung an und höhere Mieten. Modernisierungsmieterhöhungen sind die einzigen, die nicht gedeckelt sind. Sie werden gerne dazu benutzt, Mieter aus ihren Wohnungen zu vertreiben und die Wohnungen dann als Eigentumswohnungen zu verkaufen. Die beiden Neuköllner wollen das nicht dulden, sie klagen, aber die Richterin befasst sich gar nicht mit der Frage, dass der Investor gar nicht mehr modernisieren will. Sie müssen die Niederlage vor Gericht hinnehmen.

Dies ist nur eine von vielen Geschichten vom Kampf ums Berliner „Betongold“, die dieser Film erzählt. Berlin ist immer noch eine Mieterstadt, 85 Prozent der Bewohner wohnen zur Miete. Das finden die Makler nicht gut, sie setzen auf den Verkauf von Eigentumswohnungen. Und die werden inzwischen zu explodierenden Preisen von Leuten gekauft, die schnell noch einsteigen, ehe die Wohnungen noch teurer werden und von Investoren, die hohe Mieten erwarten. Altmieter mit geringen Mieten stören da nur. Altmieter wie der gebürtige Berliner Ali Gülböl, der zwangsgeräumt wird, unter Einsatz von über 800 Polizisten, weil Anwohner die Räumung blockieren. Eingeborene wie Carsten Joost, der mit einer Bürgerinitiative verhindern will, dass eine Brachfläche im ohnehin dichtest bebauten Bezirk Friedrichshain komplett zugebaut wird, ohne Grünfläche.

Die beiden Autoren Kristian Kähler und Andreas Wilcke erzählen in der konventionellen Form, die die ARD ihren Zuschauern grade nocht zutraut: Ziemlich textlastig, mit vielen Schauplätzen, vielen Personen und nicht allzu tief in der Materie verankert. Dazwischen dann auch noch überflüssige Pausenfüller mit Berliner Stadtansichten, vorzugsweise im immer beliebter werdenden Zeitraffer, damit den Zuschauern nicht langweilig wird und sie umschalten.

Trotzdem lohnt der Film. Die Autoren sind kenntnisreich, ihr Film mit vielen Fakten gespickt. Sie schauen sich auch die Gegenseite an, die ihre Vorhaben ja nicht so gerne vor die Kameras tragen. Einmal arbeiten sie auch mit versteckter Kamera, um zu erfahren, was ein Makler tatsächlich verspricht, draußen vor der Tür, wenn die Altmieter nicht mithören. Einblicke zugelassen hat auch der Bauunternehmer Jürgen Leibfried, der nach der Maxime arbeitet: „Heute ist nicht mehr die Zeit der Hausbesetzer, sondern die Zeit, in der Jungverdiener, genau in diese Trendbezirke hinziehen wollen“. Sein Projekt in Friedrichshain muss er auch vor der Bezirksversammlung erklären, mit dem grünen Bürgermeister kommt er auch nicht so richtig weiter. Da gibt es Hausbesitzer, die ohne Wissen der Mieter Wände durchbrechen lassen, in einem Fall steht ein Brandanschlag zu Protokoll. Auf der anderen Seite wiederum Luxusprojekte, für deren Präsentation der Investor sogar eine preussische Prinzessin auffahren lässt. Und eine aufgelassene Kinderklinik wird zum schicken Wohnquartier, die Wohnungen sind schnell ausverkauft.

Erklärungsmuster liefert ein Stadtsoziologe, der die Umbrüche in der Stadt beobachtet und der weiß, dass etwa in Neukölln inzwischen 40.000 internationale Zugereiste wohnen, die die Wohnquartiere gleichfalls verändern. Wie die Londonerin Sam, die gekommen ist, weil es so billig ist und die zur Erkenntnis gekommen ist: „Ich und meine Freunde, die hier herkommen, haben Kreuzberg ruiniert.“

Und mittendrin in all diesen Veränderungen der zwangsgeräumte Ali Gülbol, der fragt, wem eigentlich die Stadt gehört und gleich darauf die brechtische Antwort gibt: Die Stadt gehört denen, die drin wohnen.

Wem gehört die Stadt. ? Wenn das Geld die Menschen verdrängt. Film von Kristian Kähler und Andreas Wilcke (HR, So 01.11.2015, 01.30-02.55 )

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