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„Schule, Schule – die Zeit nach Berg fidel“. Von Hella Wenders

Hella Wenders kehrt nach sechs Jahren zurück zu ihren Protagonisten aus „Berg Fidel“. Ihr gelingt ein warmherziger und eindringlicher Film über die Poesie des Heranwachsens mit und trotz der Schule. Das Thema Schule hat im Dokumentarfilm grade Konjunktur. Seit dieser Woche in den Kinos. Von Heike Heinrich

Dinosaurier vs. Astronomie – „Schule, Schule – die Zeit nach Berg Fidel“ beginnt mit einem Rückblick in das dokumentarische Erlebnis „Berg Fidel- eine Schule für alle§ (2012) und der Rückkehr zu den  Kindern David Leonhard, seinem Bruder Jakob, Samira Stachel und Anita J., die in der inklusiven Grundschule Berg Fidel in Bergmünster lernten, außerhalb der Familie miteinander zu lernen und zu leben.

Diese Rückblenden werden Stilmittel, finden immer wieder statt und werden über ein kleineres Format eingespielt. Ähnlich einem Guckkasten ist es der damaligen Größe der Kinder angemessen. Für alle, die den ersten Film nicht kennen, stellt sich so sehr schnell eine Beziehung zu den vier nun zwischen Pubertät und Lebensentscheidung stehenden Protagonisten her. Aber auch etwas anderes gelingt der Filmemacherin mit diesen Rückblenden. Wenders zeigt, in dem sie die Kinder von einst, die sie vier Jahre lang in ihrer Grundschulzeit begleitet hat, nun noch einmal für ein Jahr auf den weiterführenden Schulen besucht, wie sehr sich diese jungen Menschen treu geblieben sind. Und am Ende wird ganz klar: das haben sie auch einem visionären schulischen Experiment wie der inklusiven Grundschule Berg Fidel zu verdanken.

Aber zurück zum Anfang. Mit seinen großen Augen und dem kleinwüchsigen Körper kommt uns gerade David so klug und überlegt daher. Dass seine frühe Begeisterung für Dinosaurier und die nun zum Ende der Grundschulzeit entstandene Euphorie für die Astronomie gar nicht so weit auseinanderliegen, weiß er damals noch nicht. Aber sofort wird klar, David ist der begabte, vielseitig interessierte Junge. Schnell kann er auf der Trompete intonieren. Ganz konsequent führt es zum späteren Komponieren am Klavier und Computer gleichermaßen. Da treffen sich der Dinosaurier und die Zukunft der Musik.

Beinahe mühelos gelingt Hella Wenders diese Kontinuität von Entwicklung in den Kindern zu zeigen. Nehmen wir Samira: die Adoptierte, die jetzt an einer Gesamtschule mit nicht gerade den besten Rahmenbedingungen lernt und jetzt auf die Frage, ob sie später mal Kinder möchte, antwortet: Ich würde Kinder adoptieren. Sie ist schon in Berg Fidel die Streitbare, sich auseinandersetzen, es genau wissen Wollende. So begegnet sie uns auch heute.

Sehr klar kann sie die Nachteile des Schulsystems erklären, ihre eigenen Fehler beim Eintritt in die Gesamtschule und die Auswahl der Kurse genau analysierend. Sie suchte die Kurse nach den Freunden aus, nicht nach ihrer Begabung und den Möglichkeiten. So macht man es, wenn man 10 oder 11 Jahre alt ist. Viel zu jung, um eine solche Entscheidung strategisch klug zu treffen. Um dann festzustellen, dass sie unter ihren Möglichkeiten bleibt, unter Umständen für immer. So jungen Pessimismus fängt die Filmemacherin aber gleich wieder auf. Freunde, Tiere, die Stille die Natur – auch das ist Samira. Irgendwann wird sie feststellen, dass ihr dies vielleicht mehr liegt als die Menschen. „Ich habe versucht, so zu sein, wie andere mich wollen. Man muss man selber sein.“ sagt Samira und klingt da sehr erwachsen.

Obwohl und überhaupt geht es sehr viel um Freundschaft in diesem Film. Um Freundschaft im Zusammenhang mit Schule. Denn dort treffen sich die Kinder, dort finden sie zueinander, dort erleben sie Enttäuschungen durch Menschen aber eben auch Beglückung durch Freundschaft. So wie David in Berg Fidel noch über seine Grundschule sagt „…wir fühlen uns nicht allein“. So stellt Jakob später fest „Freundschaft ist überhaupt das aller wichtigste“. Jakob, das Kind mit Downsyndrom. Es fällt ihm schwer, Worte zu bilden. Aber Jakob hat ja noch etwas anders. Er hat sein Lachen und seine Hände und seine Körpersprache. „Jakob kann wirklich gut trösten“, sagt in Berg Fidel eine Mitschülerin. Konnten die Kinder dort noch inklusiv über Altersgrenzen hinweg, in gemeinsamen Gruppen lernen, müssen sie sich nun in den Schubladen der jeweiligen Schulformen einrichten. David und Jakob haben Glück. In einer privaten Montessori-Gesamtschule können sie zusammen bleiben und werden ihren Fähigkeiten entsprechend gefördert. Jakob sitzt am Computer. Das ist sein Ding. Über die Tastatur kann er  leichter Worte und Sätze bilden. Das Trösten kann er weiterhin. Und er erwirbt sich Respekt bei Mitschülern.

Anita ist Flüchtlingskind aus Serbien. Ihre Geschichte kann sie selbst nur schwer erzählen. Das übernimmt in der Rückblende noch ihr jüngerer Bruder „Schule, Schule…“ sagt der Vater und meint. „Geht zur Schule und lernt etwas, damit ihr es im Leben zu etwas bringen könnt.“ Immer wieder diskutiert der Film, ob die Schule dafür wirklich taugt. Über den Sinn und Unsinn von Noten zum Beispiel. Über den Wert der Gemeinschaft. Das tut er ganz unaufgeregt, über Gespräche am Küchentisch oder in der Klassengemeinschaft.

Vor allem zeigt der Film Lehrer mit Empathie. In allen Schulformen gleicher Maßen sind sie es, die die Verhältnisse gestalten und nicht das System. Das macht diesen Film unglaublich sympathisch. Seine vier Protagonisten sind ein einziges Kraftzentrum. Sie zu finden und die Kamera vergessen zu lassen, aber auch kluge Gesprächssituationen in Interviewform herzustellen, die die Entwicklung der Kinder so eindrücklich spiegeln, ist ein großer Verdienst von Hella Wenders. Die Kamera von Luca Luccheni erzählt das alles mit. Sie lässt uns nah an die Kinder heran kommen und hat dennoch den Abstand, den das Dokumentarische braucht, damit es etwas Universelles und Beispielhaftes bekommen kann. Sie zaubert Bilder von Kindheit.

Anitas Geschichte, die in einer Berufsorientierungsklasse für lerneingeschränkte Jugendliche weitergeht, ist dafür besonderes beispielhaft. Das Mädchen aus einer anderen Sprach – und Kulturwelt hat es bis zum Schluss, trotz Berg Fidel, nicht leicht. Manchmal macht sie es sich selbst schwer. Und auch da gibt es wieder Pädagogen, die nicht aufgeben.

Obwohl der Film einem Mosaik gleich, kleine Steinchen, Momentaufnahmen, aneinanderlegt, hat er so viele Schichten. Ganz nebenbei erzählt er  auch von vier Kindern, die eigentlich ganz klare Außenseiter sind: David, der Kleinwüchsige mit eingeschränkten Seh- und Hörvermögen, Jakob, mit seinem Handicap, Samira, die ihre Adoption schon sehr früh beginnt zu verarbeiten und sich schwer einfügen kann und Anita, das Ausländermädchen, die in einer Klassenarbeit ihre Fluchtgeschichte aufschreibt und über sich dabei in der dritten Person spricht, sie also ein wenig fiktionalisiert, auch um sich selbst verstehen zu können.

Alles das ist, trotz des ständigen Zeit- und Ortswechsels, formidabel von Verena Neumann montiert und macht Mut für die Kinder und Jugendlichen. Schule ist mit Filmen wie „Berlin rebel high school“ oder „Zwischen den Stühlen“ jüngst sehr kritisch und wertend betrachtet wurde. Als Thema scheint es in Deutschland nicht nur im Kino gerade wieder Hochkonjunktur zu haben.

Hella Wenders wertet nicht. Sie zeigt vor allem, dass es auch Außenseiter  über den ganz regulären Schulweg in das Leben schaffen können. Kinder sind starke Menschen, nur kleiner und viele Lehrer lassen sich vom System die Berufung nicht nehmen. Am Ende haben alle ein Ziel erreicht. David hat 8mal die Note Eins auf dem 10-Klassen-Zeugnis und kann ein Gymnasium besuchen, was ihm trotz überdurchschnittlicher Leistungen nach der Grundschule verwehrt wurde. Anita schafft den ersehnten Hauptschulabschluss. Sie wird eine sympathische junge Frau mit dem Hang, sich auch um die Wünsche von Anderen kümmern zu wollen. Jakob hat alle zum Abschied der 6. Klasse der Hauptschule getröstet und Samira stellt ganz klar „Schule ist behindert“. Und man weiß, auch sie hat eine Zukunft, die sie erst noch entdecken muss.

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