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„Ritterblut – Verliebt in einen Knacki“. Von Sigrid Faltin

Eine bekannte Geschichte: Frauen verlieben sich in einen Häftling und wollen ihn retten. Berühmte Fälle gibt es da, etwa den des Prostituiertenmörders Jack Unterweger, dem Frauen aus der Wiener Society sozusagen fast die Gefängniszelle einrannten. Oder der Massenmörder Anders Breivik, der zahlreiche Kontaktangebote bekommt. Was bewegt die Frauen? Im Film „Ritterblut“ begleitet Sigrid Faltin ein ganz normales Paar auf dem schwierigen Weg zu sich selbst. 3Sat, Mo 18.09.2017, 22.25-00.00

„Ritterblut – Verliebt in einen Knacki“ – ein merkwürdiger Titel auf zwei Sprachebenen. Er erschließt sich nicht gleich, erst aus den Briefen von Marion. Sie, die Krankenschwester, 48, geschieden, allein lebend, schreibt in einem Tagebuch, der liebe Gott möge ihr doch einen Mann schicken, einen ritterlichen Mann. Den findet sie nun ausgerechnet in Rudi, der wegen diverser Verbrechen schon 23 Jahre in Haft sitzt. Sie pflegen einen intensiven Briefwechsel,  besucht ihn, kommt aus 600 km Entfernung angereist. Es entsteht eine Beziehung, die sich auch vertieft und die auch in die Zeit nach der Haftentlassung weiter trägt. Sie sieht dann freilich nicht mehr besonders ritterlich aus. Das Zusammenleben nach der frühzeitigen Haftentlassung erweist sich als besonders schwierig. Entgegen allen Zusagen säuft Rudi doch, verspielt Geld, beklaut sie auch noch, will sich bessern, scheitert, gibt nicht auf. Und sie liebt ihn doch und ein Jahr danach, nach Beendigung des Films, sind sie immer noch zusammen. Sagt der Abspann.

Der Film macht es einem nicht leicht. Er folgt einer linearen Dramaturgie, anfangs mit einigen Rückblicken. Er begleitet erst die beiden getrennt, sie zu Hause, ihn im Gefängnis, dann, nach der Entlassung, zusammen. Die erste halbe Stunde sitzt man vor dem Fernseher und denkt immerzu, Marion möge doch aufhören mit dieser naiven Verliebtheit und zur Besinnung kommen. Wie sich später zeigt, ist sie aber sehr reflektiert, weiß sehr genau um die Risiken und Möglichkeiten – aber möglicherweise ist man vorher schon ausgestriegen.

Das gilt in gewisser Weise auch für Rudi, der in seine Zelle schwärmerisch von seinem Baby und von seiner Maus redet, in pfälzischem Dialekt, nicht immer einfach zu verstehen. Auch bei ihm zeigt sich erst allmählich und auch erst gegen Ende, wie schwer es ihm fällt, aus seinem Milieu, seiner Lebenshaltung herauszukommen. Es dauert jedenfalls ziemlich lange, bis man der scheinbar naiven Grundhaltung des Films entkommt und ihm nach einiger Zeit zugesteht, dass er das Thema relevant entfalten kann.

Die Filmemacherin bleibt ganz eng an den beiden Protagonisten dran, es kommt nur noch der Anstaltspsychologe und der Rechtsanwalt zu Wort, der sich um dieses Paar bemüht. Unbesprochen bleibt im Film die Frage, welche Interessen die beiden haben, sich so vor der Kamera zu verhalten. Es gibt da schon sehr intime Situationen,  küssen, umarmen, knutschen aber auch streiten – da möchte man nicht immer dabei sein. Nicht, dass der Film sich den beiden gegenüber respektlos verhielte. Aber er verlässt doch einige Mal die nötige Distanz Er wird von den beiden offenbar auch als Kommunikationsmittel gebraucht und auch als eine Art von Therapie. Vermutlich sehen beide im Film eine zusätzliche Hilfe-Instanz und Rückversicherung, weil man aus dem, was man vor der Kamera gesagt hat, nicht so einfach mehr rauskann.

Der Film greift ein Thema auf, das viele Frauen kennen, die aus dem Helfersyndrom heraus sich etwas zutrauen, was sie sich nicht zutrauen sollten. Alle Statistiken sprechen auch dagegen, dass so etwas gut geht. In diesem Fall scheint es gut auszugehen. Aber was von diesem Prozess haben wir wirklich gesehen? Der Film reflektiert keinen Moment, ob das, was sich da vor der Kamera abspielt, authentisch ist, was immer das sein mag. Er lässt uns nicht wissen, wo er nicht dabei sein konnte oder wollte. Die Stofflage zwingt die Regisseurin zu arrangierten Szenen, etwa das Vorlesen der Briefe. Oder bei den Besuchen im Gefängnis. Die Protagonisten müssen da sich selbst spielen. Merkwürdigerweise beklagt sich zum Beispiel Marion davon, dass im Gefängnis alles beobachtet werde, auch diese Besuche, da könne sie gar nicht die wirkliche Marion sein. Bei der Kamera der Filmemacherin stellt sie sich diese Frage offenbar nicht.

So ist „Ritterblut“ ein ambivalenter Film. Nicht alles, was er zeigt, möchte man sehen, weil zu privat,  und manches, was man nicht sieht, möchte man gerne wissen. Zum Beispiel, was Rudi für so lange Jahre ins Gefängnis gebracht hat. Solche Information mag die Autorin als eine Art Personenschutz für die Rehabilitierung zurückgehalten haben. Verständlich, widerspricht aber der beständig behaupteten und auch inszenierten Nähe. Eine offenere Dramaturgie hätte dem Film gut getan.

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