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„Am Kölnberg“ . Von Robin Humboldt und Laurentia Genske

Der Kölnberg bei Köln, ein Wohngebirge, von der Autobahn schon sichtbar, ein Problemviertel wie man sagt, sozialer Brennpunkt. Zwei junge Filmemacher haben sich für die Frage interessiert, wie man dort lebt und sind einfach hingegangen. Barbara Sichtermann hat das, wie man ihrer Kritik entnehmen kann, sehr gefallen. Noch in der Mediathek der ARDGleich zu Beginn sieht man die Hochhaussiedlung aus gehörigem Abstand, so dass sie aufragt wie ein Kreidefelsen, ein hoher und langgestreckter, gezackt gegen einen gleichgültigen Horizont. Der Kölnberg in Meschenich, ein gewaltiger Komplex mit neun bis zu 26 Stockwerken hohen Klötzen und insgesamt mehr als 1.300 Wohnungen, 4100 Mietern aus sechzig Nationen, ist so ein Phänomen, wie es der Kinogeher und Fernsehzuschauer höchstens auf Leinwand und Mattscheibe wahrnehmen möchte – sonst lieber nicht. Also gut, soll er ins Kino gehen! Er kriegt dort Antworten auf manche seiner Fragen: Wer wohnt dort? Wer wohnt dort freiwillig? Warten dort nicht alle nur auf ihren Wegzug? Kann man Leben nennen, was sich dort abspielt? Aber er kriegt noch weitere Einblicke, und der wichtigste heißt: Klar wohnen die Leute dort nicht nur, sie leben. Doch wie kommt man an sie ran und dahinter?

Man sollte einfach mal nachgucken, haben sich zwei junge Filmemacher gesagt. Aber nachgucken ist natürlich nicht genug. Man muss schon hineingehen. Und Zeit mitbringen. Zwei Jahre haben Robin Humboldt und Laurentia Genske sich im Kölnberg immer wieder aufgehalten, Humboldt hat sogar eine Wohnung dort genommen. Die beiden Studenten der Kunsthochschule für Medien Köln haben ihre ProtagonistInnen gesucht, gefunden, begleitet und befragt, und herausgekommen ist ein Mehrfach-Portrait, das all denen, die den Kölnberg lieber von weitem sehen, zeigt: Die Menschen am und im Kreidefelsen haben dort nicht nur ihr Lager aufgeschlagen, sondern sie leben. Und wie! (Dass man heute und in Zukunft bitte so nicht mehr bauen sollte wie am Kölnberg ist ein ganz anderes Thema.)

Die jungen Dokumentaristen haben bei der kostenlosen Essensausgabe geholfen und dabei, wie Humboldt auf dem Kasseler Dokfest am 12.11. erzählte, ihre künftigen Protagonisten kennen gelernt. Es dauerte, bis das Vertrauen gewachsen war. Aber dann haben die vier aus ihrem Leben erzählt, bereitwillig, freigebig, ausgiebig. Der Kölnberg ist ein so genannter sozialer Brennpunkt, und dass es dort Drogenhandel, Prostitution und Gewaltkriminalität gibt, ist keine Überraschung. Auch die von Humboldt und Genske aufgesuchten BewohnerInnen haben so ihre Erfahrungen damit. Niemand beschönigt irgendwas.

Aber es gibt eine Überlebenskunst am Kölnberg, die sich von den Strategien  des Zurechtkommens in besseren Vierteln gar nicht groß unterscheidet: das sind Träume – z.B. von Jamaika, wie bei Martha, die schon mal dort war und unbedingt wieder hin will, das sind poetische Selbstdarstellungen wie bei Sabine, die seit dreißig Jahren drogensüchtig ist und auf den Strich geht und dennoch oder deshalb oder weil sie eben Sabine ist, Gedichte schreibt und im Kölnberg keineswegs eine Betonwüste sieht, sondern eher einen Kreidefelsen im romantischen Sinne: „Hoch hinaus“ habe man hier gebaut, und das gefällt ihr. Andere genießen das Leben durch und mit ihren Tieren und durch Freundschaften, die zugleich Nachbarschaften und wechselseitiges Bestätigen und Aufrichten sind.

Das Ziel der Filmemacher war es nicht etwa, einen Querschnitt durch die Bewohnerschaft oder einen Eindruck von deren existenziellem Elend zu vermitteln, sondern im Gegenteil zu zeigen, wie sich Überlebensstrategien und Lebenskünstlertum überall und eben auch am Kölnberg entwickeln.  Sie führen vor, wie diese Art Leben gegen widrige Umstände sich mit Witz, Ironie und Traumtänzerei anreichert und ein Klima schafft, in dem der Armut und Enge zum Trotz keineswegs von Perspektivlosigkeit geredet werden kann, sondern eher von einem ganzen Strauß von Perspektiven, die gerne am Horizont hinter dem Kreidefelsen enden dürfen. Zwar antwortet eine der nicht unterzukriegenden ProtagonistInnen gelassen auf die Frage, wie man dazu komme, in den Kölnberg zu ziehen: „Wenn du nichts anderes kriegst, weil du zu viel Scheiße gebaut hast“, aber das heißt nicht, dass nun für alle Zeit Zerknirschung angesagt sei. Sabine z.B. findet, dass der Kölnberg schön grün sei.

Als Zuschauer kann man das nicht nachvollziehen, aber man beginnt zu verstehen, dass diese Frau nicht nur mit den Augen sieht. Sie fühlt das Grüne. Dass Humboldt und Genske jenseits aller Sentimentalität Lebensfreude im Ghetto eingefangen haben, eine Freude, die immer auch mit der Lebenslüge versetzt ist (aber das macht nichts, das ist eigentlich immer so), und dass sie ihre kostbare Recherche frisch, klar und authentisch inszenieren konnten, das macht ihren Film zu einem Unikat. Sie sind mal anders rangegangen an das Genre Sozialreportage. Sie haben das Menschliche gefunden. Oder besser: Sie haben aufgezeigt, was es heißen kann, Mensch zu bleiben – wo auch immer. Ob nun am Kölnberg oder irgendwo anders, wo die Menschen „hoch hinaus“ wollen oder sich so fühlen, als starteten sie gerade.

„Am Kölnberg“ hat den Max-Ophüls-Preis gewonnen und wurde auf verschiedenen Festivals gezeigt, darunter Maastricht und Kassel.

Barbara Sichtermann

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