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„Staatsdiener“. Von Marie Wilke

Ein Film darüber, wie man Staatsdiener wird. Marie Wilke hat einige angehende Polizisten im ersten Jahr ihrer Ausbildung in Sachsen-Anhalt begleitet. Zensur habe es nicht gegeben, das Team habe in völliger Freiheit gedreht, sagt die Regisseurin. Aber offenbar mit langer und sorgfältiger Vorbereitung. Ein interessanter Einblick in eine unbekannte Welt. Arte, 08.06.2017, 23.10 – 00.30 Wie man eine Waffe auseinandernimmt. Wie man Einbrecher stellt und wie man sich in unbekannten Räumen sichert. Wie man sich bei der Bereitschaftspolizei bewegt, martialisch auf die Schilde klopft oder sich selbst komplett als Gruppe mit Schilden gegen Steinewerfer schützt. All das müssen die angehenden Polizisten lernen. Beim Exerzieren, in simulierten Situationen und in Praktika in verschiedenen Polizeistationen. Sie gehen ins Schießtraining und zielen nicht auf Pappkameraden, sondern auf geometrische Formen. Sie erleben eine recht steife Staatsbürgerkunde und werden selbst immer wieder überprüft bis hin zur Frage, warum sie glauben, bei der Polizei richtig zu sein. Sie müssen lernen, ihr persönliches Wertesystem zurückzustellen und sich als Vertreter des staatlichen Wertesystems zu verstehen: Staatsdiener eben.

Das ist die eine Seite. Die andere ist die Konfrontation der angehenden Polizisten mit der sozialen und gesellschaftlichen Realität. Bei den Einsätzen mit der Bereitschaftspolizei müssen sie sich aggressiver Hooligans erwehren, bei einem anderen Einsatz einen Nazi-Agitator begleiten (und man weiß nicht: beschützen oder Schlimmeres verhindern). Sie besuchen ein Gefängnis, sie diskutieren über die Polizei im Faschismus und über die Grenzen des Gehorsams. Dann die praktischen Einsätze, fast immer im sozialen Brennpunkt. Verhaftung eines Dealers, blutiger Ehestreit, bei dem der Mann der Wohnung verwiesen werden muss. Auch hier Reflexionen darüber, wie weit man den eigenen Ansprüchen gerecht werden kann. Anrührende Szene bei einem älteren alleinstehenden Mann, der von einer Zufallsbekanntschaft bestohlen wurde, Typ vereinsamter Alkoholiker, der den Kontakt bei den falschen Leuten sucht; als die Polizisten mit ihm sprechen, fällt er ihnen gleich um den Hals.

„Staatsdiener“ ist kein Film mit fertigen Geschichten und will sich auch nicht an unsere Kriminalfilm-Sehgewohnheiten anschmiegen. Er erzählt viele verschiedene Episoden und besteht eigentlich aus zwei Teilen, die auch in der Bildgestaltung unterschiedlich ausfallen. Bei den Trainingssimulationen dominieren tableauartige Einstellungen, bei den Szenen im realen Leben die bewegliche Handkamera. Immer bleibt es bei der Perspektive der Protagonisten. Die Geschehnisse spiegeln sich in den Gesichtern der jungen Polizisten. Dabei kommt der Film ganz ohne erklärenden Kommentar aus.

Ohnehin ist die Erzählweise ruhig, mit langen Sequenzen. So erlaubt sich die Regisseurin zum Beispiel, die Eidesformel bei der Vereidigung in voller Länge zu zeigen – normalerweise würde routinemäßig in dem Augenblick geschnitten, wo klar ist, worum es sich handelt; haben wir in dutzenden Filmen schon gesehen. Die Regisseurin lässt uns aber in ihrer irritierend langen Einstellung etwas anderes sehen, nicht nur, was wir schon kennen, sondern welcher Ernst diesem Eid unterliegt, welche Bedeutung dieser Moment hat. Staatsdienst ist eine ernste Sache.

Der Film entgeht der Versuchung, die Episoden in ein Storytelling-Konzept mit dramatischen Effekten zu zwingen und verzichtet auch auf Interviews. Die Begründung von Marie Wilke ist interessant, vor allem auch, weil sie damit so ziemlich allen Gepflogenheiten gegenwärtiger Fernsehpraxis widerspricht.

Sie sagt dazu im Interview: „Es ging immer darum, das richtige und nötige Bild in der jeweiligen Situation zu finden, nicht um einen konstruierten Erzählfluss. Fragen zu Nähe und Distanz waren immer präsent: Welche Rolle nehmen wir als Filmteam in der jeweiligen Situation ein? Können wir das überhaupt filmen? Der Film soll als Fragment wahrgenommen werden, er ist keine geschlossene Erzählung. Mir war es wichtig, einen offenen Blick zu behalten und einen Raum zu schaffen, in dem der Zuschauer sich frei bewegen kann. Ich habe bewusst auf Interviews mit den Protagonisten verzichtet. Ich wollte, dass ein Spannungsfeld bleibt: man darf als Zuschauer die Protagonisten auf ihrem Weg begleiten, aber man bleibt auf Distanz. Ich wollte eben nicht, dass man sich mit Ihnen identifiziert. Dann wäre es sehr leicht, nur die individuellen Geschichten zu sehen. Was mich aber genau so interessiert hat, war der Blick auf Polizei als gesellschaftliche Institution.“

Seit langem keine so klugen und begründeten Gedanken zur Praxis des Dokumentarfilms gelesen. Mal sehen, welche Chancen der Film im Fernsehen hat, wo Redakteure fast immer genau wissen, dass sie ihrem Publikum eine solche Offenheit nicht zumuten wollen.

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