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„Iraqui Odyssey“. Von Samir

Iraqi Odyssee – eine politische Familiengeschichte, eine Geschichte von Flucht, Migration, Rückkehr, Emigration. Ein Film, wie gemacht für die derzeitige Situation. Er könnte in die Wahrnehmung und Behandlung der Flüchtlingskrise einen weiteren, wichtigen Aspekt einbringen. In der 90-Minuten-Fassung nun im WDR, 07.06.2017, 23.25-00.55

Samir, Sohn irakischer Einwanderer, ist ein bekannter Schweizer Filmemacher, mehrfach preisgekrönt, der sich einige Male mit Themen aus dem Irak auseinandergesetzt hat. – website einfügen. Mit „Iraqui Odyssee“  hat er sein Opus magnum vorgelegt, vielleicht auch so etwas wie eine Zwischenbilanz, filmisch wie biographisch, eine Verortung. Es geht um seine Familie, die über die Welt verstreut lebt, wie viele irakische Familien. Vier Millionen Iraker, häufig aus dem Mittelstand, leben im Ausland. Einige seiner Verwandten befragt der Autor nach der Geschichte der eigenen Familie. Sie war stark politisch geprägt, links orientiert, teils der irakischen Kommunistischen Partei verbunden, die in den fünfziger Jahren eine starke Partei war. Der Irak erlebte 1958 eine Revolution, in der die Monarchie abgeschafft und die Republik ausgerufen wurde. Eine weltliche Ära schien heraufzuziehen, es herrschte Optimismus, was die Zukunft angeht, Frauen konnten ohne Kopftücher gehen, durften arbeiten und studieren. Bagdad wurde eine moderne arabische Stadt. Der demokratische Aufbruch wurde von den aufkommenden Religiösen und der faschistischen Baath-Partei zerstört, die Kommunistische Partei verfolgt und vernichtet. Die Emigrationsgeschichte von Samirs Familie ist eine direkte Folge.

. Eine erstaunliche Parallele tut sich hier auf zu den Befunden eines anderen Dokumentarfilms. „The Act of Killing“ von Joshua Oppenheimer, nun fortgesetzt mit „The Look of Silence“, der aus der Perspektive der Opfer erzählt von jenen Jahren unter Suharto Ende der sechziger Jahre, als die damals größte kommunistische Partei außerhalb des Ostblocks vernichtet wurde, mit mehr als einer Million ermordeter Menschen.

Schon früh eine Führungsperson in der faschistischen Baath-Partei in Syrien war Saddam Hussein, ehe er sich zum syrischen Alleinherrscher aufschwang. In Samirs Film kann man auch diese, inzwischen berühmte Szene sehen, in der Saddam auf einer Versammlung der Baath-Partei Hussein angebliche Verräter brandmarkt, ihre Namen nennt, dabei genüsslich eine Zigarre rauchend. Die Genannten müssen den Saal verlassen, um vor der Tür erschossen zu werden.

Diese Geschichte des Irak ist wenig bekannt in Europa, wir haben vergleichbare Entwicklungen auch im Iran, als 1953 die demokratische Bewegung und Premier Mossadegh von britischen und amerikanischen Geheimdiensten gestürzt wurde. Kurz: die Flüchtlingskrise, die vielen so vorkommt wie eine unerwartete Naturkatastrophe hat eine lange Geschichte, die bis heute nachwirkt. Dass Samirs Film uns darauf hinweist, ist sein großes Verdienst.

Sie weit die Historie, die aber eben auch direkten Bezug auf die Gegenwart hat. In der derzeitigen Flüchtlingskrise ist das beherrschende Narrativ, dass die Menschen, die aus purer Not fliehen in ein sicheres und besseres Leben, ein Europa bleiben wollen. Wahrscheinlich werden sich auch viele integrieren. Dieser Film zeigt aber, dass es so einfach nicht ist. Samirs Familie ist über die ganze Welt verstreut und ihre Migrationsgeschichte zeigt sehr verschiedene mögliche Haltungen. Einige Familienmitglieder haben es vor Heimweh in der Emigration nicht ausgehalten und sind zurückgekehrt. Andere sind zurückgekehrt in dem Moment, als sie für sich und das Land eine Entwicklungschance sahen und wenn die verschwand, flüchteten sie wieder. Andere haben sich so in einem fremden Land etabliert, dass sie gar nicht daran denken, in ihr altes Leben zurückzukehren, noch dazu wenn es religiös konservativ dominiert ist. Wieder andere versuchen sich ihre Herkunft zu erobern, wie der Autor, der schon als Kind mit seinen Eltern in die Schweiz kam und sehr schnell nichts anderes werden wollte als ein Schweizer Bub; erst als Filmemacher kam er zu seinem Thema.

Kurz: „Iraqi Odyssey“ lehrt uns, die Flüchtlingskrise nicht eindimensional zu sehen. Von zu Hause wegzugehen, ist für die meisten ein Verlust, den sie lange, manchmal lebenslang nicht loswerden. Sie tragen ihre Geschichte, ihre Erinnerungen in die Emigration mit. Und nicht wenige würden, wenn die Umstände es erlaubten, wieder zurückkehren. Die Parole, es sollten aus den Flüchtlingen Deutsche werden, je schneller, umso besser, wird nicht funktionieren. Am ehesten noch für die Kinder aber schon nicht mehr für die Elterngeneration, die ein Leben zurückgelassen hat.

Ästhetisch gesehen ist Samirs Film auch deshalb ein Opus Magnum, weil er viele mediale Mittel unserer Zeit in die Erzählung einbezieht. Sieben Jahre dauerte die Recherche und „in dieser Zeit veränderte sich auch das globale Medienverhalten“, schreibt Kay Hoffmann in einem lesenswerten Text über den Film. (http://www.hdf.dokumentarfilm.info/dokumentarfilm/dok-premiere/index.php). Eine solch verzweigte Geschichte wie die dieser Familie ist nicht linear erzählbar, sie muss komplexer gefasst werden. Der Bildschirm, auf dem man den Film sieht, gleicht manchmal einem PC-Screen. Mehrere Bildebenen stapeln sich nebeneinander oder in der Tiefe, es wird gezoomt und verdeckt.

Zudem setzt Samir auch 3D ein. Das leider kann man in der Kinoversion, die derzeit unterwegs ist, nicht sehen, der Verleih schickt eine auf das 90-Minuten-Format reduzierte 2-D-Version in die Kinos. Es lässt sich also nicht sagen, wie der Autor diese Technik einsetzt, ob es sich um eine fruchtbar Methode handelt oder ob nur um eine Spielerei mit avancierter Kameratechnik. Wer die Möglichkeit hat, diesen Film in der originalen Version des Autors zu sehen, sollte sich darauf einlassen.

Direkt mit dem Film verbunden ist ein Oline-Projekt mit dem Autor versucht, über den Aufbau einer irakischen Community einen erweiterten Zugang zur Geschichte des Irak und auch des gesamten Nahen Ostens zu finden. Und noch eine Empfehlung: Der Film ist von der Schweiz für den diesjährigen Oscar nominiert.

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