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„Die große Passion“. Von Jörg Adolph

Oberammergau, Festspiele, alle zehn Jahre. Der ganze Ort ist beteiligt. Und Regisseur Jörg Adolph interessiert sich vor allem für den Blick hinter die Kulissen. (WDR, Mi 14.06.2017, 00.10 – 02.30)

Regisseur Christian Stückl wird wieder einmal interviewt. Er werde sich heute Abend den Mund fusslig reden, sagt er ins Mikrophon, „ich werde  versuchen, den Gemeinderat zu überzeugen, dass er das tut, was ich möchte“. Lacht, und wendet sich ab. Die Kamera bleibt noch ein wenig in der Szene, lässt noch hören, wie sich der Journalist über den gelungenen O-Ton freut. Schnitt. Die Gemeinderatssitzung beginnt, die Kamera muss draußen bleiben. Kameramann Daniel Schönauer filmt von außen die Gesichter hinter den Fenstern. Christian Stückl redet und redet. Später wird er sagen, vier Stunden habe die Sitzung gedauert.

Das ist eine der vielen schönen Sequenzen aus Jörg Adolphs Dokumentarfilm über die Passionsspiele in Oberammergau. Sie zeigt, welchen Grundton der Film anschlägt, nämlich einen leichten; wofür er sich interessiert, nämlich für den Blick hinter die Kulissen; und was er will, nämlich eine Geschichte erzählen.

„Die große Passion“ nennt Jörg Adolph seinen Dokumentarfilm über ein kulturelles Ereignis, das man schnell unter Folklore abbucht. Oberammergau, ähnlich wie Neuschwanstein, etwas für amerikanische Touristen. Oberammergau, das ist Kommerz und Spektakel. Für Jörg Adolph ist es mehr, viel mehr: nämlich ein kulturelles Ereignis, die Soziologie eines Dorfes, eine Geschichte über eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Glauben. Religiös-propagandistisch ist sein Film nicht.

Die Fakten. Die Passionsspiele in Oberammergau finden alle zehn Jahre statt, seit 377 Jahren, als das Dorf ein Gelübde abgab, wenn die Pest wieder verschwände. Die Aufführungen finden in einem riesigen Festspielhaus statt, mehr als 500.000 Besucher kommen jedes Jahr, auch 2010. Mehr als 2000 Oberammergauer, die Hälfte des Dorfes, wirken mit und auf die Bühne darf nur, wer in Oberammergau geboren ist oder dort seit mindestens 20 Jahren lebt. Die Männer müssen früh anfangen, sich Bart und Haare wachsen zu lassen. Alle Rollen werden gleichrangig doppelt besetzt. Jesus 1 zum Beispiel ist von Beruf Pressesprecher in München und auch Pressesprecher der Festspiele. Jesus 2 ist Psychologe und sagt, als er von seiner Berufung erfährt: „Wenn’s hilft“.

Adolphs Film ist einfach aufgebaut und folgt einer dreiteiligen Struktur. Erst die langwierige Vorbereitungsphase, dann die Probenphase, dann die Aufführung. Von einigen kleinen Rückblicken abgesehen, hält der Autor sich dann auch an die Chronologie. Klassisch erzählerisch steuert der Film auf die Premiere, also auf das Gelingen zu. Er ist, aus diesem Blickwinkel gesehen, ein Dokument an sich. Es existiert sonst kein vergleichbares Filmdokument über die Oberammergauer Festspiele.

Im Zentrum des Films aber steht Regisseur Christian Stückl. Er inszeniert die Passion zum dritten Mal, war 1990 schon als bis dahin jüngster Regisseur hier tätig. Er ist der Motor der Inszenierung und er ist der Motor des Films. Um ihn dreht sich alles und ihm und seiner Theaterbesessenheit gilt auch der doppeldeutige Titel: die Aufführung ist auch die Passion des Christian Stückl, sein Leiden und seine Leidenschaft.

Jörg Adolph erzählt seinen Film in der Tradition des cinema direct und lebt ganz von der Beobachtung des gegenwärtigen Geschehens.  Kein Kommentar, kein Erläuterung, keine Interviews, keine Statements. Nur hinschauen, noch einmal hinschauen, auf die Ränder schauen, die Details beachten. Zeigen. Historische Zusammenhänge werden nur aus den Szenen heraus und in bescheidenem Maßstab erzählt.

Alle anderen Umstände werden aus den Szenen verständlich. Welcher Wirtschaftsfaktor die Festspiele für den Ort sind, erfahren wir aus einer Szene aus einer Bürgerversammlung, wo der Bürgermeister vorrechnet, dass der Ort 23 Millionen Euro Schulden hat, wovon die Festspiele 18 Millionen abdecken sollen. Oder aus einer Krisensitzung, in der sich die Gemeinde Sorgen macht über die amerikanische Immobilienkrise– wer weiß, ob diesmal wieder so viele Amerikaner kommen.

Von der Bedeutung für das politische und soziale Lebens des Dorfes erfahren wir aus den Konflikten, in die der temperamentvolle Christian Stückl gerät. Als er so nebenbei erfährt, dass ihm der Gemeinderat aus Kostengründen ein paar Ziegen für die Aufführung streicht, fährt er aus der Haut, schimpft etwas über „die Idioten da oben“ – und schon ist der Dorf-Eklat da und eine Entschuldigung fällig. Und was die Auseinandersetzung mit der Religion angeht, das Nachdenken über eine moderne Lesart der Bibelgeschichte, darüber geben Gespräche Stückls mit seinem Drehbuchautor und Co-Regisseur Otto Huber Auskunft. Es geht um eine moderne Lesart, um individualisierte Charaktere, um den Kern der biblischen Botschaft, wie Stückl sie versteht. Nicht kitschig darf es sein, nicht von oben herab. Einmal hat Stückl einen Satz eingebaut, der Huber gefällt. Er fragt nach der Herkunft des Satzes und Stückl erklärt: „Bibelsurfen, Zorn eingeben, Zorn finden“.

Adolphs große Leistung in diesem Film ist seine Fähigkeit, solchen Zugang zu seinem Protagonisten gefunden zu haben. Dieser Film geht nur mit Christian Stückl und lebt von seiner Souveränität und künstlerischen Selbstgewissheit. Dokumentarische Filmarbeit muss man auch zulassen können. Und der Film lebt davon, dass Adolph ein präziser und neugieriger Beobachter ist. Er hat gemeinsam mit seinem Kameramann Daniel Schönauer ein großes Gespür für Details und für die immanente Komik von Szenen. Etwa wenn die beiden Jesusfiguren das erste Probehängen absolvieren müssen und Regisseur und Bühnenbildner sich über die Wahl zwischen einem Kreuz Größe S und einem Kreuz Größe L erheitern. Die Szene erzählt Adolph so, dass man lachen, aber niemanden auslachen muss. Dafür erfasst er das Lebendige am Spektakel, das Machbare und das Machen, an dem sich das Resultat am Ende erst wirklich messen lässt.

So spielt „Die große Passion“ auch über weite Strecken backstage und das in einem nicht-voyeuristischen Sinne. Der Film liefert einen Blick hinter die Kulissen und geht weit über diesen Blick hinaus und in die Tiefe. Man begreift etwas von der Passion dieser Passionsspiele, wenn man gesehen hat, wie Herodes vor seinem Auftritt noch einmal seine Text durchspricht, mit dem er Jesus zur Kreuzigung freigeben wird. Man bekommt eine Vorstellung von der Macht der Tradition, wenn man sieht, wie Jesus 1 ganz ernsthaft mit einem vielleicht zehnjährigen Jungen das Streitgespräch mit den Hohepriestern noch einmal spielt („Nach ihren Werken sollt ihr nicht handeln, denn sie reden, tun aber nicht, was sie sagen“),  nach Aufführungsende, während rundherum die Bühne aufgeräumt wird.

 

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