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Censured Voices. Von Mor Lushy

50 Jahre ist das her, dass Israel im sogenannten Sechstage-Krieg die zahlenmäßig überlegenen Armeen der arabischen Staaten besiegten. Seit damals ist Israel Besatzungsmacht. Der Sechstage-Krieg gilt als triumphaler Erfolg der israelischen Armee. Lange zensierte Stimmen erzählen eine andere Geschichte. „Censored Voices“ ist u sehen in der Arte-Mediathek und läuft noch einmal am 26.06.2017, 01.5 auf Arte.

Amos Oz war damals 28 Jahre alt, noch kein berühmter Schriftsteller, selbst Kriegsteilnehmer und hatte erstens ein „beklommenes Gefühl“ und zweitens eine Idee. Unmittelbar nach dem Ende des Krieges zog er mit Avraham Shapira und einem Tonbandgerät in die Kibbuzim und fragte die eben zurückgekehrten jungen Soldaten nach ihren Erlebnissen und Erfahrungen.

Das Ergebnis sah anders aus, als es die ikonisierten Bilder von freudestrahlenden heimkehrenden Soldaten kundtun wollten. „Wir sind nicht alle glücklich aus diesem Krieg zurückgekommen“ lautet einer der Schlüsselsätze. Zwar lehnten nur wenige den Krieg ab, denn die Existenz Israels war bedroht. Aber ihre Erfahrungen waren düsterer, leidvoller, verstörender. Von Vertreibungen wissen sie zu erzählen, von Kriegsverbrechen, von Tötungen, die sie wahrnahmen wie Schießübungen auf dem Rummelplatz.

Und ihre Einsichten sind erstaunlich hellsichtig und klar. Vielen war klar, dass sie aus der Besatzerrolle nicht mehr herauskommen würden. Am Anfang, sagt einer, sei es um die Existenz Israels gegangen, am Ende um Evakuierungen arabischer Dörfer. „Sollen wir jetzt alle zehn Jahre arabische Dörfer bombardieren?“ fragt einer und die Antwort hängt in der Luft.

Man wundert sich nicht, dass diese Stimmen der israelischen Militärzensur zum Opfer fielen. 70 Prozent der Aussagen wurden zensiert, aus den restlichen konnte Avraham Shapira 1967 das Buch „The seventh Day“ nur unter Auflagen veröffentlichen. Die israelische Filmemacherin Mor Loushy konnte nun das ganze Material hören. Für ihren Film kombinierte sie die mündlichen Aussagen mit hervorragend ausgewähltem Dokumentarmaterial, das weniger illustrativ als erzählerisch ausgewählt ist. So sehr, dass sie am Ende des Films noch darauf hinweisen muss, dass die Menschen, die in den Dokumentaraufnahmen zu sehn sind, nicht identisch sind mit den Menschen, von denen wir die Stimmen hören.

Dazu hatte die Regisseurin noch die Idee, die Männer zu den Stimmen zu suchen. Wir sehen nun im Film, wie sie ihre damaligen Aussagen hören. Sie hören stumm zu, aber man kann in ihren Gesichtern lesen und es zeigt sich, wie vielsagend das Nichtssagen sein kann. Und am Ende erfahren wir auch noch etwas von ihrem politischen Werdegang. Einige stehen heute viel weiter rechts als damals, andere sind bei ihrer Haltung geblieben. Den heute 77-jährigen Amos Oz fragt die Regisseurin am Ende, was er heute von den Aussagen hält und er antwortet knapp: „Wir haben die Wahrheit gesagt. Hinter der ich bis heute stehe“.

„Censored Voices“ ist ein aufregender Film, nicht nur, weil er einen anderen als den offiziellen Blick auf die Ereignisse des Sechstagekrieges wirft, weil er herausholt, was an menschlichen Empfindungen, Erinnerungen, Tragödien hinter der kanonisierten Geschichtsschreibung steht. Sondern auch, weil er etwas über das dokumentarische Fimemachen erzählt. Stimmen und Bilder ergänzen hier einander wie Innen und Außen, mehr noch: sie stehen permanent in Widerspruch zueinander und zwingen uns zu größter Aufmerksamkeit. Denn die inneren Kämpfe, Zweifel und Ablehnungen der israelischen Soldaten zeigen die Bilder nicht, können sie nicht zeigen. Sie zeigen Episoden des Kriegsgeschehens. Das eine funktioniert nur mit dem anderen – und bleibt selbst dann in gewissem Sinne fragmentarisch, wie jede Annäherung an die Wirklichkeit.

„Censored Voices“ ist ein Dokument im klassischen Sinn. Weil Amos Oz und Avraham Shapira sofort nach Kriegsende loszogen, haben sie noch Momente erwischt, in denen wirkliche Erinnerungen noch gegenwärtig waren. Nicht schon von Verdrängung und Beschönigung oder vom Weitererzählen und Ausschmücken umgeformt, noch nicht durch propagandistische Übermalung verändert.

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