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„Berlin Rebel High School“. Von Alexander Kleider

Noch einmal Schule: ein Dokumentarfilm über ein außergewöhnliches Schulexperiment. Heike Heinrich hat ihn gesehen. Noch in den Kinos.

„Lernen ist Erfahrung, alles andere ist Information“ mit diesem Zitat von Albert Einstein startet „Berlin Rebel High School“ in die Beobachtung eines Berliner Abiturjahrgangs. SFE heißt sehr schlicht eine Schule für Erwachsenenbildung, die seit 1973 den ungewöhnlichen Weg einer schulpolitisch und finanziell unabhängigen Bildungseinrichtung geht. Alexander Kleider begleitet in seinem Film sechs Schülerinnen und Schüler auf dem schwierigen Weg zum Abitur nach der üblichen Schulzeit. Über    60 000 Jugendliche in Deutschland brechen die Schule ab. Die Schulen des „Zweiten Bildungsweges“ wie Volkshochschulen, Abendkollegien, Berufsschulen und staatliche Schulen bieten die Möglichkeiten auch später noch Schulabschlüsse aller Art zu erwerben. Was macht nun die Schule für Erwachsenenbildung (SFE) in Berlin zu einem besonderen Ort? Dieser Frage geht der Film nach.

Die SFE wurde 1973 von Schülerinnen und Schülern im Ausgang der Umwandlungsprozesse der alten, konservativen Bundesrepublik nach 1968, gegründet. Alle waren sie irgendwie Außenseiter und hatten Probleme mit hierarchischen Schulstrukturen, mit Bildungsdruck durch Noten und überladenen Lehrplänen, die nur auf das Abrufen von Prüfungswissen ausgerichtet sind. Und vielleicht auch mit Lehrkräften, denen in der Verstrickung all dessen, die Berufung am Beruf Lehrer verloren gegangen war. Ihre Schule sollte antiautoritär sein, frei von Noten, von Sitzordnung und festgelegten Lehrplänen. Sie sollte basisdemokratisch geführt werden, geprägt von hoher Mitbestimmung durch die Lernenden, durch Unabhängigkeit von Schulbürokratie und Schulträgern, gleich welcher Art. Sie sollte die Lernarbeit für den Lebensalltag ebenso in den Mittelpunkt stellen, wie den Unterrichtsstoff für die Abiturprüfungen.

Obgleich die SFE keine Prüfungsberechtigung für das Abitur hat (da ist sie mit anderen freien Schulformen wie Walldorf oder Montessori in guter Gesellschaft) ist es den Gründern gelungen, eine Unterrichtsberechtigung im damaligen Westberlin zu erhalten. Vielleicht hat die Genehmigungsbehörde gedacht: hält sich sowie so nicht lange. Oder der Bereich der Erwachsenenbildung ist damals wie heute etwas leichtfertig unterschätzt worden. Jedenfalls hat dieses außergewöhnliche Schulexperiment bis heute mit dieser Gründungserklärung Bestand und seine Berechtigung. Es gibt jungen Menschen ab 21 Jahren eine Heimat auf Zeit, die in keiner anderen Bildungseinrichtung für Erwachsene Chancen auf ein Abitur hätten: Außenseiter, Unbequeme, Menschen mit größeren Brüchen in der Schul- und Lebensgeschichte.

Alle Schüler zahlen das gleiche Schulgeld und alle Lehrer erhalten den gleichen Stundenlohn. Dieser scheint sich seit 1973 nicht sehr verändert zu haben, denn er liegt heute nur geringfügig über dem Mindestlohn. Hanil, 23, aus Aachen; Alex, 24, aus Luckenwalde; Lena, 21, aus Eggesin; Mimy, 21, Berlinerin; Marvin, 34, aus Bremerhaven und Florian, 25, aus Darmstadt gehören zu einer neuen Lerngruppe und streben das Abitur an. Ganz verschieden sind die Gründe ihres bisherigen Scheiterns, ihre Motivationen, Hoffnungen und Wünsche. Das reicht von „Für mich kommt nur ein Einser-Abitur in Betracht“ bis „Irgendwie möchte ich am Ende einen Abschluss“. Die Neuen lernen das Konzept kennen, werden von bereits etablierten Schülern herumgeführt und kommen langsam im Schulalltag an. Es gibt keine Noten, Lerninhalte sind offen und können mitbestimmt werden. Die Schüler sind selbst für die Sauberkeit und das Schulessen verantwortlich.

Alex, der an 10 Schulen bereits gescheitert ist, gerät ein wenig stärker in den Fokus der filmischen Betrachtung. Ebenso wie Lena, die mit Punkoutfit und Hund in die Schule kommt. Beate, die gute Seele der Schule im Schulbüro, das dann doch irgendwie eine Schuldirektion ersetzt, weil Schule nun auch mal verwalte werden muss, beschreibt die Abiturlaufbahn in 3 Phasen: Phase 1 „Begeisterung“, Phase 2 „Ernüchterung“, Phase 3 „Panikartige Produktivität“. In diese drei Phasen teilt sich auch der Film auf. Die Kamera von Andy Lehmann und Alexander Kleider agiert eher beiläufig. Die Montage bleibt verhalten. Es fehlen die Kinobilder. Sprunghaft reihen sich Statements und Beobachtungen aneinander. Man vermisst eine Dramaturgie, die Dichte erzeugt und das Zwingende im Beobachteten abbildet. Man schaut den jungen Leuten gern zu. Immer wieder sieht man Koch- und Diskussionsgemeinschaften. Die Musik von Eckes Malz unterstreicht sehr gut den Charakter dieser rebel high school. Der Gang über den immer gleichen mit Graffitis besprühten Flur kann die tatsächliche Schulatmosphäre jedoch nicht überzeugend einfangen.

Viele interessante Fragen, die das vorgestellte Schulkonzept aufwirft, bleiben leider unberührt. Reicht das Schulgeld für den Unterhalt der Schule tatsächlich aus? Wie viele Bewerbungen gibt es jährlich und wie viele Bewerber können nicht angenommen werden? Was sind Auswahlkriterien? Wie erfolgt die Auswahl? Wie gehen die Pädagogen mit den fehlenden Grundlagen und so weit auseinander driftenden Voraussetzungen der Schüler um? Wie entrümpelt man erfolgreich Lehrpläne, damit das vermittelte Wissen am Ende dennoch den Prüfungsmodalitäten gerecht wird? Wie gehen die Schüler und Lehrer in Phase 2 tatsächlich mit Motivationstiefs um?  Wie groß sind konkret die Lerngruppen? Die immer wieder beschworene Eigenverantwortung lässt da zu viel offen. Da wäre ein einordnender Kommentar zu  Lerninhalten und Schulentwicklungsgeschichte hilfreich gewesen.

Auch die Gemeinschaft der Pädagogen an der Schule ist bunt und hat ebenso Menschen hier zusammengeführt, die in den üblichen Schulformen nicht gut aufgehoben wären. Alle arbeiten mit Begeisterung und zum Teil schon das gesamte Berufsleben lang an diesem ungewöhnlichen Konzept mit, so wie Micha, der Geschichtslehrer, der mit 72 Jahren nicht an den Ruhestand denkt. In Erinnerung bleibt vor allem Klaus, Deutschlehrer, 63, Mitbegründer der Schule, der uns Zuschauer durch den Abiturjahrgang begleitet. Er versucht diesen Spagat zwischen freiheitlichem Lernkonzept und selbst auferlegter Verantwortung für das eigene Leben zu erklären. Da entsteht natürlich Druck für die Lernenden. Es wird immer wieder viel über Verantwortung gesprochen. Ebenso bleibt die Entwicklung, die ja bei allen Protagonisten passieren muss, nur angedeutet. Lediglich in Form von Schrifteinblendung erfährt der Zuschauer am Schluss, was die erfolgreichen Absolventen dann mit ihrem Abitur angefangen haben: Studium, Ausbildung und die weitere Suche durch Reisen nach einem passenden Platz im Leben.

So bleibt „Berlin Rebel High School“ über ein außergewöhnliches Bildungsexperiment fragmentarisch. Der Regisseur Alexander Kleider war 2000 selbst Absolvent der SFE. Er kennt die Schule und das Konzept aus eigener Erfahrung und hat bis heute Kontakt zu einzelnen Pädagogen. Vielleicht fehlt deshalb die Neugier am Unbekannten und das Staunend machen, das man als Zuschauer hier gern erlebt hätte.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass die Absolventen der SFE nicht nur Bildung als Fachwissen sondern in hohem Maße als soziales Wissen für das Leben erworben haben. Zehntausende junge Menschen konnten in dieser freien Form seit 1973 erfolgreich zum Abitur geführt werden. Damit stößt der Film als einer von dreien, die aktuell  zum Thema Schule in den Kinos zu sehen sind, in die Diskussion um den Wert von Bildung, die Inhalte und den Nutzen von Schulwissen und zeigt einen alternativen und so einzigartigen Weg von Bildungserwerb in der heutigen, komplexen Informationsgesellschaft auf.  Alexander Kleiders Film ist ein großes Plädoyer für mehr Autonomie an allen Schulen. Der Film war auf mehreren Festivals zu Gast, gewann den Publikumspreis auf dem Austin Filmfestival 2016 und war für den Deutschen Filmpreis in der Kategorie Dokumentarfilm nominiert.

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