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„24 h Jerusalem“. Von Volker Heise

2014 war das ein wirkliches Fernseh-Ereignis – nicht der geläufige Korrespondentenblick in eine fremde Stadt. Sondern 70 Kamerateams, die den Alltag dieser verrückten Stadt Jerusalem drehen. Und damit ein Dokument schufen, das man noch lange wird sehen können. ARD alpha strahlt dieses eigentlich auf 24 Stunden konzipierte Programm ab dem 03.06.2017 in größeren Blöcken an verschiedenen Tagen  aus. 09.06.2017 ab 23.30, 10.06.2017 ab 00.05, 16.06.2017 ab 00.30 und 17.06. ab 00.00

Womit beginnen? Man kann eigentlich irgendwo anfangen, zu irgendeiner Uhrzeit, an irgendeinem Ort in dieser Stadt, mit irgendeinem Protagonisten. Sie alle sind Bürger dieser Stadt, filmisch gesehen ein Teil eines erzählerischen Puzzles, Akteure in scharfen Konflikten. Mit allen macht man irgendwann auf dem Bildschirm Bekanntschaft, lernt ein Stück ihres Weges kennen, verlässt sie wieder. Manche Personen tauchen immer wieder auf, einige nur gelegentlich. Man kann also eigentlich auch am Anfang beginnen.

Jerusalem 6 Uhr morgens. Die Stadt erwacht. In den ersten zwei, drei Stunden dieser filmischen Stadtrecherche werden die Grundpfeiler gelegt, in der Erzählung, im Erzählton, in den Schwerpunkten. Man begegnet einigen Protagonisten: Dem Palästinenser Imad Hoshiyah aus dem Westjordanland, der am Checkpoint Kalandia einreisen will zu seiner Arbeit in einem kleinen Hotel in Westjerusalem. Der Weg könnte eine halbe Stunde lang sein, aber oft müssen er und alle, die diesen Weg nehmen, auch zwei bis drei Stunden warten. Wir treffen den ehemaligen Physiker Bogdan Oralbekov, den der religiöse Wahn geschlagen hat und der seine Tage damit zubringt, die heiligen Stätten des Christentums zu besuchen und überall in der Grabeskirche geheiligte Steine zu küssen.

Kein Film für Atheisten
Wir sind unterwegs mit den Müllmännern, das ist eigentlich in jeder Stadt so, aber hier sind Mülltonnen nicht einfach nur Mülltonnen, sondern dienen in nervösen Zeiten auch als brennende Barrikaden. Wir treffen den Franziskanerpater Armando Pierucci, der über die heiligen Stätten der Christen wacht, in der Musik seinen Lebensinhalt findet und stets weise lächelt.

Das sind einige von mehr als 90 Menschen aus Jerusalem, die die Dokumentaristen in ihrem Alltag begleiten, und von der ersten Minute an sind die politischen und gesellschaftlichen Spannungen spürbar, die diesen Alltag formen. Natürlich zuvörderst die politische Konfliktlinie zwischen Juden und Arabern. „Anderswo spielen Kinder Cowboys und Indianer“, sagt die Architektin Constanze Klatt, „hier spielen sie Israelis und Araber“. Ein anderes Bild wählt der Fotograf David Rubinger: „Hier stoßen die tektonischen Platten von Christentum, Islam und Judentum aufeinander“, formuliert er spitz mit Blick auf die Klagemauer: „Wenn Jerusalem ein Brennpunkt ist, dann ist das hier der Sprengsatz.“ Tempelberg, Grabeskirche, Klagemauer, Al Aksa-Moschee – alles auf einem Fleck. Der Alltag in dieser Stadt scheint durchdrungen und überlagert von der Macht der Religionen. Kein Film für Atheisten. Oder vielleicht gerade doch.

„24 h Jerusalem“ ist eine Reise also in eine absurde Welt. Bilder bleiben haften. Der Sprayer nachts in Me’a Sche’arim, im Viertel der orthodoxen Juden. Passanten schauen ihm zu, er besprüht die Hauswand eines Freundes mit einem Schriftzug. Die links und rechts mit Betonmauern umstellte Straße, die zu Rachels Grab führt, einer der heiligen Stätten der Juden: was hinter den Mauern ist, kann Esther, die Archivarin in Yad Vashem, nur ahnen, sie will es auch nicht wirklich wissen. Der Streit zwischen zwei Religiösen, ob der von den orthodoxen Juden ersehnte Dritte Tempel, den sie anstelle der Al- Aksa-Moschee sehen möchten, von ihnen selbst gebaut würde oder ob er vom Himmel falle. Die israelische Friedensaktivistin Hagit Ofram, die sagt: „Wer Frieden predigt, gerät schnell unter die Räder.“ Ihr Haus wird mit Parolen beschmiert, früher schaute sie, ehe sie losfuhr, noch nach, ob unter ihrem Auto eine Bombe angebracht war – dabei weiß sie nicht einmal, wie eine solche Bombe aussehen könnte.

Ein Ort der Ausweglosigkeit

Eine Reise, des weiteren, in eine unbekannte Welt. Durch Jerusalem zieht sich eine acht Meter hohe Mauer, sie trennt das palästinensische Flüchtlingslager Shuafat ab. Es gehört zu Jerusalem und doch nicht. Die Bewohner kommen nur durch einen Checkpoint aus diesem Lager heraus. Es ist einer der am dichtesten besiedelten Flecken der Welt, 55.000 Einwohner auf zwei Quadratkilometern. Ein Ort der Ausweglosigkeit.

Hier lebt auch der 15-jährige Mahmoud, der die Schule geschmissen hat, sich über den Tag hin langweilt. In einer eindrucksvollen Szene sehen wir, wie Mahmoud und seine Freunde an der Mauer entlangstreunen. Einer der Jungen klettert hoch wie ein gelernter Bergsteiger, Arme und Hände im Spalt zwischen den Betonplatten verklemmend. Als er oben ist, macht er seinen gefährlichen Spaziergang, die Kamera sieht ihm von weitem zu und er schaut auf die Stadt, die er nicht betreten darf. Von unten ruft ihm Mahmoud zu: „Bewirf sie doch mit ein paar Steinen!“ Einprägsamer lässt sich die Spaltung der Stadt und ihrer Folgen nicht zeigen, Intifada inklusive.

Eine Reise also auch in eine gefährliche Stadt. Wir treffen auf den israelischen Soldaten Ariel Weitzel, der mit einer jungen Kollegin durch die Jerusalemer Altstadt patrouilliert. Schwer bewaffnet beide, als zögen sie in den Krieg. Und dann das völlig Selbstverständliche im Alltag. Niemand bleibt hier stehen, dreht sich um nach diesen beiden Hochgerüsteten. Alles normal. Ariel Weitzel, der aus der Ukraine stammt, spricht auch arabisch, er kann hier und da ein Schwätzchen halten, ein paar Sprüche loslassen. Und wenn er einen palästinensischen Traktorfahrer anhält, weil der beim Fahren telefoniert, was er nicht darf, und dieser vermutlich nur deshalb kein Strafmandat bekommt, weil die Kamera dabei ist, dann bewegt man sich ganz im Normalen dieser verrückten Stadt.

„24 h Jerusalem“ besteht aus einer Fülle von Szenen, länger entwickelten, manchmal nur kurz angespielten, kleinen erhellenden Flashs manchmal. Getragen werden die Szenen häufig von den Protagonisten: Der Franziskanerpater Armando Pierucci, der auf die christlichen Heiligtümer achtet und vor allem seine Musik im Kopf hat. Der Fotograf David Rubinger, der mit einem Foto aus dem Sechs-Tage-Krieg berühmt geworden ist und sagt, er habe sich eine liberale Stadt gewünscht, aber Jerusalem werde leider immer orthodoxer. Der palästinensische Gelehrte Dr. Mustafa Abu Sway, der seinen Enkel mit in die Moschee nimmt. Der Rabbi Shmuel Stern, der als eine Art religiöser Liedermacher für ideologische Unterhaltung sorgt und ohne Wimpernzucken sagt, die Gerechten dürften die Bösen schon mal provozieren. Die Architektin Constanze Klatt, die in einem arabischen Viertel wohnt und mit einem palästinensischen Mann verheiratet ist, sie hat in eine Sippe von 1500 über die Welt verstreut lebenden Verwandten eingeheiratet.

Zeitzeugen
Oder die 90-jährige Ruth Bach, die 1938 aus Deutschland emigrieren konnte und seit 75 Jahren in der gleichen Wohnung wohnt. Ruth Bach ist eine interessante Protagonistin, weil sie eine eindrucksvolle Lebensgeschichte zu erzählen hat, aber auch weil sie sich wie eine Protagonistin benimmt. Sie kokettiert mit der Kamera, weiß immer, wann sie den Rücken ein wenig straffen und den Kopf ein wenig schief halten muss, damit es nach etwas aussieht. Am Nachmittag kommt ihr Bruder Gabriel Bach zu Besuch, sie spielen wie häufig miteinander Schach. Gabriel Bach war einer der drei Ankläger im Eichmann-Prozess. In einer wirklich beeindruckenden Szene erzählen beide von der gemeinsam erfahrenen Emigration und ihre Erinnerungen fallen so diametral entgegengesetzt aus, dass man den bekannten Satz, der Zeitzeuge sei der natürliche Feind des Historikers, sehr gut versteht.

„24h Jerusalem“ ist, wie schon „24h Berlin“ eigentlich kein Film, sondern ein TV-Programm. Eine Form, die so nur im Fernsehen erzählt und erfahren werden kann. Das Programm folgt in seiner Dramaturgie dem Tagesablauf, einer vorgegebenen seriellen Dramaturgie, die Narration ist in den Binnensequenzen angelegt. Volker Heise ist ein guter Erzähler, er weiß szenisches Potenzial zu nutzen. Das ist ihm in „24h Berlin“, wo das Material homogener ist, streckenweise besser gelungen. Hier brauchen die Szenen und Sequenzen mehr Erläuterung, mehr Erklärung. Viele Bilder brauchen Hintergrundinformation, verstehen sich nicht von selbst.

Volker Heise hat davon gesprochen, „24h Jerusalem“ sei ein Puzzle, dessen Teile nicht zusammenpassen und gerade die Brüche seien das Interessante. Dennoch und trotz all der komplizierten Drehbedingungen wirkt „24h Jerusalem“ erstaunlich homogen. „24h Berlin“ arbeitete noch mit vielen erzählerischen Mätzchen, Landkarten, Amateurvideos, einer eher aufdringlichen Stundenuhr. In „24h Jerusalem“ ist der Stoff viel stärker aufgeladen, die Form dagegen gelassener. Alle 30 Minuten gibt es einen kleinen Break, einfache grafische Darstellungen, die die Lage der Stadt skizzieren, notwendige historische Information transportieren, danach im Kommentar eine Art kurzer Inhaltsangabe, welche Protagonisten den Zuschauern in der nächsten halben Stunde über den Weg laufen werden.

Zwischendurch werden kurze Titel eingeblendet, die ein Thema annoncieren, etwa „nächtlicher Spaziergang“,„Mauergeschichten“ oder „Eine palästinensische Familie“. Vor allem aber vertrauen Autor und Filmemacher auf ihre dokumentarische Arbeit und auf Neugier und Aufmerksamkeit der Zuschauer.

Stille Beobachter
Erstaunlich ist, bei den sehr unterschiedlichen Drehteams, die sehr homogene Bildgestaltung. Immerhin haben hier zahlreiche bekannte Regisseure und Kameramänner mitgewirkt, denen man sonst im Einzelstück die besondere dokumentarische Handschrift bescheinigt. Die Homogenität liegt wohl vor allem an den technischen Vorgaben des Projekts. Alle Kameras wurden mit den drei gleichen Voreinstellungen („presets“) programmiert, es durften keine Filter verwendet werden und keine bildverändernden Einstellungen vorgenommen werden. Es wurde ohne Stativ und nur mit vorhandenem Licht gefilmt. Nur die Impression-Teams durften mit Stativ drehen. „Establishing shots“ waren gleichermaßen vorgeschrieben. Das hat offenbar funktioniert, von einigen Ausnahmen abgesehen. So schiebt sich der Autor, der in einem israelischen Schlachthof drehte, ziemlich aufdringlich selbst ins Bild, während sonst die Autoren in ihrer beobachtenden und zeigenden Haltung bleiben.

„24h Jerusalem“ ist eine Fernseh-Erzählung mit einer weitläufigen Paralleldramaturgie, die ihre Spannungsbögen aus den Gegensätzen des Stoffes erzielt, äußeren wie inneren Gegensätzen. Schulsystem hier und da. Wie die Schuldirektorin in Shuafat die Kinder auf palästinensischen Nationalstolz einstimmt. Wie die Kinder in einer orthodoxen jüdischen Schule zur Thora erzogen werden. Nächtliche medizinische Notdienste jeweils in West- und in Ostjerusalem. Gläubige, die in großen Scharen durch die Via dolorosa ziehen, ein pickeliger 15-Jähriger, der seine Bar Mizwa feiert und die palästinensischen Arbeiter, die in der Stadt den Dreck wegmachen. Manchmal tragen die Gegensätze auch nicht. Wenn die alleinerziehende Restaurantbesitzerin Moran Mizrahi mit ihrer Tochter Fisch in der Küche zubereitet, also ganz normalen Alltag lebt und parallel dazu Rechtsanwalt Schlomo Lecker die Beduinen informiert, dass die nächsten Siedlungspläne der israelischen Regierung ihr Land und ihr Dorf bedrohen werden, dann bewegen sich die Teile des Gegensatzes doch auf sehr ungleichem Niveau.

Reise des Entdeckens
Aber meist funktioniert es, dass der Regisseur die Gegensätze aufeinanderprallen lässt, ohne sie uns handwarm zu machen. Es ist die Absicht und auch die Leistung dieser offenen Form, dass sie vom Zuschauer Mitdenken geradezu erfordert. Dass sie die Reise durch diese verrückte, konfliktbeladene Stadt zu einer Reise auch des Entdeckens und des Nachdenkens macht. Heise spricht von der „Form des theoretisch endlosen Programms, das verschiedene Sichtweisen zulässt.“ Anders ist es in einer Stadt, in der so viele verschiedene historische, politische und kulturelle Erzählungen nebeneinander und vor allem gegeneinander existieren, wohl nicht möglich.

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