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Ich.Du.Inklusion. Von Thomas Binn

Inklusion ist ein Thema von ziemlicher gesellschaftlicher Brisanz. Wie den Rechtsanspruch behinderter Kinder auf Regelschul-Unterricht in der Schulrealität umsetzen? Ob und wie das gelingen kann, danach fragt Thomas Binn in „Ich. Du. Inklusion“, seit 4.5.2017 in einigen Kinos.

Seit zwei Jahren besteht ein Rechtsanspruch, dass behinderte Kinder in Regelschulen unterrichtet werden. In politisch korrekter Sprache: es besteht Rechtsanspruch von Kindern mit Unterstützungsbedarf. Allgemeinbegriff Inklusion. Und jeder weiß: es sind noch viele Probleme ungelöst und Fragen unbeantwortet. Wer ist schuld?

Mit diesen Fragen hat sich der Filmemacher Thomas Binn auseinandergesetzt. Zweieinhalb Jahre hat er das Schulleben in einer Grundschulklasse mit der Kamera begleitet. Die Geschwister-Devries-Schule ist eine katholische Grundschule in Uedem, einer kleinen Gemeinde mit 8000 Einwohnern, gelegen am Niederrhein. Der Regisseur hat mit Absicht eine ganz durchschnittliche, überschaubare und nicht mit gesellschaftlichen Problemlagen übermäßig belastete Gemeinde ausgewählt. Wo, wenn nicht dort, so die Idee, sollte Inklusion gelingen?

Die Erfahrung, die der Film macht und nun uns Zuschauern vermittelt, ist schon im Untertitel ausgedrückt: „Wenn Anspruch auf Wirklichkeit trifft“. Es wollen wirklich alle das Beste, niemand lehnt Inklusion ab, aber die Probleme sind nicht zu übersehen. Die Schulen sind nicht wirklich vorbereitet, es fehlt an Sonderpädagogen, die mit Stundenpauschalen nicht individuell agieren können, oft auch an mehreren Schulen gleichzeitig beschäftigt sind. Inklusionshelfer sind dringend nötig, so auch in der Grundschulklasse in Uedem, sie werden als 400-Euro-Jobs bezahlt. Die Lehrkräfte sind überlastet und auch frustriert: „Ich bin nicht zufrieden“, sagt die Klassenlehrerin, „weil man sich an den Kindern versündigt. Wir können die Kinder nicht optimal fördern“. Das merken natürlich auch die Eltern, ohne deshalb den Lehrern Schuld zu geben.

„Ich. Du. Inklusion“ ist als Filmprojekt eine Langzeitbeobachtung und befasst sich mit einer Klasse des ersten Inklusionsjahrgangs der Schule in Uedem und erzählt dabei die Geschichten von fünf Kindern. Wir lernen sie näher kennen, in ihren Motiven, ihren Schwierigkeiten, aber auch ihren Leistungen. Als Rahmen dient dem Film eine Theateraufführung, die der Regisseur offenbar selbst initiiert hat. Das Stück steht unter dem Motto „Du bist anders“ und erzählt von einer Tierschule, in der jedes Tier etwas kann und etwas Anderes nicht kann. Der Löwe kann beispielsweise nicht fliegen und der Hai nicht laufen.

Im Ganzen bleibt der Film sehr eng am Mikrokosmos seiner Klasse dran, das ist seine Stärke und seine Schwäche zugleich. Stärke, weil er es den Zuschauern erlaubt, einen Blick in das Getriebe des Schulalltags zu werfen, weil er, ohne zu bevormunden, die Arbeit der Lehrer anschaulich zeigt. Und vor allem eine große Nähe zu den Kindern herstellt, ihr Selbstbewusstsein, ihre Phantasie, ihre Hilfsbereitschaft zeigt.

Schwäche dagegen, weil der Film im Ganzen in der Problemlage zu harmlos erscheint. Die Kinder, die es hier zu inkludieren gilt, sind keine wirklich schwierigen Fälle. Solche lernschwachen Kinder hat jede Grundschulklasse überall. Der Regisseur hat bewusst eine optimistische Grundhaltung eingenommen. Und einiges funktioniert ja auch in dieser Klasse. Dank einer funktionierenden Klassengemeinschaft. Dank einem überdurchschnittlichen Engagement von Lehrern und auch Eltern. Dank viel ehrenamtlichem Engagement.

Der Film erzählt uns nicht, ob alle Kinder in dieser Zeit den Weg mitgegangen sind. Wir erfahren nur von Manuel, der eigentlich noch ein Spielkind für die Kita war, dass er die Klasse verlässt, weil er zu seiner Mutter in eine andere Stadt zieht. Es haben noch fünf andere Kinder die Klasse verlassen, ihre Geschichten werden nicht erzählt. Wobei natürlich klar ist, dass ein solcher Film auch heikel ist. Es bedarf guter Absprachen mit den Eltern und die Kamera darf nur bei gegenseitigem Einverständnis anlaufen. Es sind auch alle, Lehrer und Kinder, in einem Maße diszipliniert, die man gern auch der Anwesenheit der Kamera zuschreiben möchte.

Jedenfalls lässt sich aus Film die Conclusio ziehen: Alle wollen Inklusion, aber nicht unter diesen einschränkenden Bedingungen. Wobei das Bild vermutlich sehr viel drastischer ausgefallen wäre, hätte der Autor in einer großstädtischen Grundschule gedreht. Oder in seiner Darstellung umfassender, hätte er sich wenigstens am Rande damit befasst, wie Inklusion etwa in skandinavischen Ländern funktioniert.

Aber das wäre dann vielleicht eine Dokumentation geworden, kein stiller, genauer und beobachtender Film, der den Zuschauern einen wirklichen Einblick gibt. Solche Filme haben freilich derzeit in den Fernsehsendern keinen guten Stand. Regisseur Thomas Binn finanzierte den Film auf der Basis von freiwilliger Arbeit und Selbstausbeutung. Ein Fernsehsender hat sich bislang für diese Arbeit nicht gefunden. Arte hat nicht mehr so viele Sendeplätze für Dokumentarfilme, der WDR befasst sich lieber mit 360-Grad-Kameras und Landschaftsüberblicken von oben.

„Ich. Du. Inklusion“ ist am 4.5. in 60 Kinos in Deutschland gestartet. Aufführungstermine findet man auf der Website http://ich-du-inklusion.de;  Autor und Verleih versuchen zudem, was auch andere Dokumentarfilmer verstärkt tun sollten: so direkt wie möglich mit dem potentiellen Publikum in Kontakt zu kommen. Dieser Film hat als Kooperationspartner den Verband Bildung und Erziehung.

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