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„Der Kuaför von der Keupstraße“. Von Andreas Maus

Als 2004 in der Kölner Keupstraße die Nagelbombe explodierte, war noch nicht im Be-wusstsein, dass eine rechtsradikale Gruppe mordend durchs Land zog. Dennoch war es ein Skandal, dass die Polizei nicht nach Rechts ermittelte. Ein Film rekonstruiert die Folgen des Anschlags. Noch bis 17.05. in der Mediathek von ARD und WDR

Der Ruf der Kölner Polizei ist nicht erst seit der Silvesternacht 2015 angeschlagen. Sie machte schon früher von sich reden. Als am 9.Juni 2004 in der Keupstraße in Köln-Mühlheim eine Nagelbombe explodierte, ermittelten die Behörden nur bei den türkischstämmigen Anwohnern und weigerten sich sieben Jahre lang, gegen Rechts zu recherchieren. Bis 2011 herauskam, dass der Anschlag auf das Konto des NSU ging. Das Verbrechen ist wegen der Aufmerksamkeit für den Zschäpe-Prozess inzwischen aus dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verschwunden.

Allerdings nicht bei den Betroffenen. Sie haben nicht nur die erste Bombe im Gedächtnis, sondern auch, welchen Verdächtigungen sie sich danach ausgesetzt sahen: Türkische Mafia, Versicherungsbetrug, kriminelle Türsteherszene, Drogenhandel, Schutzgelderpres-sung, das ganze Repertoire. Es gab nicht nur eine Bombe, sagt eine Ladenbesitzerin, es gab auch eine zweite: den Rechtsstaat, der nicht funktioniert hat: „Und das war die grö-ßere Bombe“.

Diese Geschichte erzählt der kluge, ruhige und aufklärerische Dokumentarfilm „Der „Kuaför von der Keupstraße“ nach. Der Friseurladen der Brüder Özcan Yildirim und Hasan Yildirim steht im Zentrum. Vor dem Laden war die Bombe explodiert und sie wurden am meisten verdächtigt. Es ist ein Verdienst des Films, dass er den von Opfern zu Tätern gemachten Menschen späte Genugtuung gibt, indem er detailliert und aufmerksam erzählt, was ihnen widerfahren ist, bis ins Private hinein. Denn die Verdächtigungen hatten die Nachbarschaft ebenso verunsichert wie die Familien..

Der Autor, Andreas Maus, spricht mit den Betroffenen und er arbeitet vielerlei dokumen-tarische Materialien ein. Die Protokolle der Zeugenvernehmungen belegen, wie sehr die Ermittler sich auf ihre Version festgelegt haben. Der Regisseur lässt die Dialoge von Schauspielern sprechen. Das ist kein billiges Re-Enactment, sondern eine transparente Methode, die es erlaubt, in Tonfall und Systematik der Verhörtechniken hineinzuhören – ein spezielles Erlebnis. Das Ambiente für diese Passagen ist allerdings etwas kunsthand-werklich geraten, alles in allem wäre vielleicht auch etwas Verknappung gut gewesen und der etwas hochtonige Kommentar entbehrlich. Dennoch sehenswert.

Von Schauspielern zitiert werden auch Passagen aus Protokollen des NSU-Untersuchungsausschusses. Sie belegen, dass den Ermittlern jedes Fehlerbewusstsein fehlte. Bis heute haben die Behörden sich inhaltlich nicht zu Fehlern oder Versäumnissen geäußert. Besonders der damalige Polizeipräsident Klaus Steffenhagen will von nichts etwas gewusst haben.

Als 2011 der Ermittlerirrsinn der Behörden und der Alptraum für die Betroffenen zu Ende war, schien plötzlich alles ganz anders. Ein Straßenfest zum 10. Jahrestag des Anschlags unter dem Motto „Birlikte – Zusammenstehen“ brachte Tausende in die Keupstraße. Plötzlich waren sie alle da: Der Bundespräsident, die Ministerpräsidentin, der Innenminis-ter. Eine späte Genugtuung für die Betroffenen, aber eine mit bitterem Beigeschmack. Wirklich geholfen habe ihnen keiner, sagt ein Keupstraßenbewohner. Und dass alle sich erst zeigten, als die Schuldigen bekannt waren, das sei doch „Solidarität ohne Risiko“. Sieht nach diesem Film nicht so aus, als sei für die Betroffenen nun alles in Ordnung.

 

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