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„Wien vor der Nacht“. Von Robert Bober

„Wien vor der Nacht“, das ist Stadt vor dem Faschismus, die Stadt mit einer großen jüdischen Kultur. Der französische Schriftsteller Robert Bober macht sich auf die Suche, nach der eigenen Geschichte und seiner kulturellen Prägung,

Dr. Karl Lueger war Ende des 19. Jahrhunderts ein berühmter Wiener Bürgermeister und ein glühender Antisemit. Erst 2012 brachte die Stadt es fertig, einem Teil ihrer Ringstraße den Namensgeber wegzunehmen, er heißt jetzt Universitätsring. Aber einen Karl-Lueger-Platz gibt es immer noch und ein Denkmal steht dort auch noch. Nach dem großen jüdischen Schriftsteller Arthur Schnitzler ist in Wien keine Straße benannt und es steht auch nirgendwo ein Denkmal. So ist das.

Der Filmemacher Robert Bober streift diesen Sachverhalt nahezu beiläufig, als würde ihn auch das nicht wundern. „Wien vor der Nacht“ ist zunächst eine persönliche Suche. Der Autor sucht nach dem Grab seines Urgroßvaters Wolf Leib Fraenkel. Der war aus dem böhmischen Przemysl in die Neue Welt geflüchtet, wurde in Ellis Island aber abgewiesen, kehrte nach Europa zurück, ließ sich in Wien nieder, arbeitete als Blechschmidt und verfertigte Pokal für jüdische Rituale. Er starb, ehe die Judenverfolgung und -vernichtung einsetzte – Wien vor der Nacht eben. Und auch zwei Jahre bevor sein Urenkel auf die Welt kam. Dieser wird am Ende des Films den Grabstein finden, auf dem jüdischen Friedhof im Wiener Zentralfriedhof. Die Reise auch als eine Art Selbstfindung, eine Reise zu dem Kind in sich, wie er einmal formuliert.

Sie ist aber vor allem auch eine Zeitreise durch das jüdische Geistesleben in dieser Stadt. Bei seinem kulturellen Streifzug treffen wir auf wichtige Figuren, auf  Joseph Roth, der in Paris am Alkohol zugrunde ging und Stefan Zweig, der sich in Brasilien das Leben nahm. Wir begegnen Arthur Schnitzler und auch Franz Kafka in seinen Briefen an Milena. Bober zieht stellvertretend noch durch die Caféhäuser. Mit Adolf Loos ins Café Museum, mit Peter Altenberg ins Central, mit Karl Kraus ins Griensteidel und, näher an die Gegenwart heran, mit Thomas Bernhard in den Bräunerhof. Bernhard hat dort sein Stück „Heldenplatz“ geschrieben, mit dem er noch einmal die österreichische Gesellschaft aufwühlte, die sich so gar nicht erinnern wollte an diese Vergangenheit. Da kommt auch Bitterkeit in den Ton von Bober, wenn er daran erinnert, dass Österreich sich nach dem Ende des Faschismus als dessen Opfer ganz schnell selbst entlastet und auch ganz schnell vergessen hat, dass überproportional viele KZ-Täter aus dem Land kamen. Der Antisemitismus, siehe Karl Lueger, hatte hier lange Tradition.

Robert Bober erzählt seinen Essay in ruhigem und melancholischem Ton. Er folgt seinen Assoziationen, was den Film etwas sprunghaft und unübersichtlich macht. Er ist auch sehr textgeleitet, der Autor agiert selbst als der Ich-Erzähler in einer manchmal etwas überambitioniert literarisch klingen wollenden Sprache. Er sucht auch die Verbindungen in die Gegenwart und startet ein kleines Experiment. In verschiedenen Wiener Cafehäusern drückt den Leuten Faksimiles von Zeitungen aus der damaligen Zeit in die Hand, will sie so mit Vergangenheit konfrontieren. Was diese Begegnung erbringt, erfährt man freilich nicht.  Es bleibt im Wesentlichen die Rückschau. Der Titel von Stefan Zweigs Autobiographie, „Die Welt von Gestern“ könnte durchaus als Titel auch über diesem Film stehen.

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