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Grimmepreis für „Nordstadtkinder – Lutwi“. Von JürgenBrügger und Jörg Haaßengier

Auch im Wettbewerb in der neuen Kategorie Kinder & Jugend ist Platz für einen Preis für Dokumentarfilme. wolfsiehtfern hat den Film in der vergangenen Woche aus Unachtsamkeit nicht berücksichtigt – hier der Nachtrag mit der Begründung der Jury.   Inhalt:

„Ich bin immer auf der Straße. Egal, auch wenn es regnet oder schneit.“ Für Lutwi ist es das Größte, wenn er mit seinen Freunden zusammen ist. Straßenfußball, Wasserschlachten oder Hütten bauen: Seit vier Jahren nun ist die Dortmunder Nordstadt Lutwis Zuhause. Aber wie lange noch? Der Zwölfjährige kommt bald auf die Gesamtschule – und er will auch Abitur machen. Seine Eltern, Roma aus dem Kosovo, sind richtig stolz auf ihn. Lutwi ist ein aufgeweckter Junge, den das Leben aber mit großer Wucht trifft: Ihm und seiner Familie droht die Abschiebung zurück in den Kosovo. Lutwi ist es, der beim Rechtsanwalt übersetzen muss, er erklärt seinen Eltern, was in den Briefen der Ausländerbehörde steht. Viel Verantwortung für einen Zwölfjährigen.

 Begründung der Jury:

Der Charme von Protagonisten ist im Dokumentarfilm ein zweischneidiges Schwert. All zu oft ruht sich die filmische Ideenlosigkeit auf den Schultern der porträtierten Charaktere aus. Zugegeben: Auch „Lutwi“ aus der Reihe Nordstadtkinder besticht mit einem Protagonisten, dessen Lebensfreude und Energie den Zuschauer in kürzester Zeit für sich einnimmt. Die Demut und der Elan dieses Zwölfjährigen, der in ständiger Angst vor Abschiebung lebt, lernt und spielt, der sich um seine traumatisierte Mutter sorgt, für seinen Vater übersetzt und Behördengänge meistert – all das ist ergreifend und beeindruckend zugleich. Aber – und das unterscheidet diese Perle aus der WDR-Reihe von den meisten dokumentarischen Versuchen, jungen Menschen Fluchtbiografien näher zu bringen – das Portrait verlässt sich nicht auf die Ausstrahlungskraft seines Protagonisten. Es entscheidet sich für eine ästhetische Form, die auf einen Kommentar verzichtet und dem Protagonisten Raum gibt: ob Straßen, Fußballplätze, die gemeinsame Hütte der „AbF“ (Allerbesten Freunde) oder die viel zu kleine Wohnung der großen Familie – die Lebenswelt und ihr Radius erschließen sich situativ, beobachtend, spielerisch. So gelingt es den beiden Regisseuren Jürgen Brügger und Jörg Haaßengier, den ambivalenten Alltag eines jungen Menschen nicht zu behaupten oder nur anzureißen, sondern in all seinen Facetten sinnlich und glaubwürdig zu vermitteln.

 

Der konsequent aus der Perspektive von Lutwi gedrehte Beitrag nimmt sich Zeit. Die Nähe zwischen den Filmemachern und ihrem Protagonisten, eine unbedingte Voraussetzung für diese Art dokumentarischen Arbeitens, ist ständig zu spüren und völlig frei von voyeuristischen Versuchungen. Ganz im Gegenteil: Hätte die Dokumentarfilmtheorie den Begriff nicht schon lange außer Gefecht gesetzt, wäre dies der Moment, um guten Gewissens von der Kraft des „Authentischen“ zu sprechen. Eine Kraft, die auch Heranwachsende erreicht, dank einer Perspektive, die sich ganz dem Protagonisten zuwendet und konsequent auf ihn konzentriert. Auf diese Weise werden Begegnungen geschaffen und wie selbstverständlich die Themen junger Zuschauer aufgenommen.

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