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Grimme-Nachtrag, Speed, Im Keller

Ein Skandal, der keiner ist; leider keine Kritiken, sondern nur Hinweise auf einige neue Kinofilme und Florian Opitz‘ lange nicht gezeigter Film über Zeitnot und Termindruck, was wolfsiehtfern nur zu gut kennt.

Maik Bialk, Dokumentarfilmer und Leiter der WDR-Redaktion „Hier und Heute“  hat von „Wolfsiehtfern“ erfreulicherweise eine sehr hohe Meinung. Die Fehlleistung, in der vergangenen Woche in der der Grimme-Preis-Überschau einen Film nicht erwähnt zu haben, der in der Kategorie „Kinder- und Jugend“ einen Grimme-Preis bekam: „Nordstadtkinder – Lutwi“, nannte er einen „Skandal“. Wow. Skandale verursacht nur, wer halbwegs wichtig ist in der öffentlichen Kommunikation.

Freilich ist die Behauptung, hier handle es sich um grundsätzliche Ignoranz gegenüber Kinder- und Jugendfernsehen, ein wenig weit ausgeholt. Es ist halt passiert, wie so vieles auf wolfsiehtfern nicht passiert, aus Zeitdruck und Zeitmangel. Kurz: dieser Preis ist mir in der Wahrnehmung durchgerutscht, weil ich in dieser Jury nicht aktiv war, weil ich den Film auch nicht kenne und die Autoren nicht mit Kinder- und Jugendfilm assoziiere – wie übrigens auch den Sendeplatz nicht. Also: Sorry wegen des Versäumnisses. Hier nachgetragen die Jury-Begründung für den Grimmepreis für „Nordstadtkinder – Lutwi“ von JürgenBrügger und Jörg Haaßengier. Und auf den nächsten Skandal müssen wir noch ein wenig warten.

Zwei interessante Kinofilm in dieser Woche, für eine Sichtung hat es leider wieder nicht gereicht.

„Die letzten Männer von Aleppo“ von Feras Fayyad und Steen Johannessen ist seit kurzem in den Kinos (nicht zu verwechseln mit dem Netflix-Dokumentarfilm „The White Helmets“, der vor kurzem den Oscar bekam). Dieser Film bekam den Preis als bester Dokumentarfilm auf dem Sundance-Filmfestival. Die Jury begründete ihre Entscheidung: „“We didn’t have to debate. This extraordinary film lifted us and carried us and then dropped us into a place, unlike any other film. A wholly, accomplished work of art with powerfull cinematography, a compelling narrative and heroes who reveal compassion, humanity and extraordinary bravery in increasingly impossible circumstances. This uncompromising film matches the fearless commitment of the filmmakers with the merciful courage of the fathers, brothers and friends who have become Syriaís first responders.”  In ihrer “Tagesspiegel”-Kritik gab Christiane Peitz einen interessanten Hinweis: “Jeder Krieg, schrieb der britische TV-Dokumentarfilmproduzent Nick Fraser kürzlich im „Guardian“, definiert sich über die Art, wie über ihn berichtet wird. Die Leica im Spanischen Bürgerkrieg, die Schwarz-Weiß-Wochenschauen im Zweiten Weltkrieg, Vietnam in Farbe, die „embedded journalists“ mit ihren digitalen Kameras in Bosnien und Irak und heute die Handybilder, die Echtzeit, Authentizität und Nähe versprechen. Aufführungsorte unter: http://aleppo-film.de/screenings/.

Ebenfalls seit einigen Tagen in den Kinos ist „Pawlenski – Der Mensch und die Macht“ von Irene Langemann. Sie porträtiert den russischen Aktionskünstler, der mit seinen spektakulären Aktionen die Staatsmacht herausfordert. So nähte er sich 2010 den Mund zu, aus Protest gegen die Verhaftung der Punkband Pussy Riot. 2013 nagelte er seinen Hodensack auf dem Roten Platz in Moskau fest, um gegen die Korruption im Polizeiapparat zu protestieren. In der Süddeutschen schrieb Sonja Zekri über den Film: „Auf eindrucksvolle Weise zeigt der Film, wie die Funktionsträger des Regimes einer nach dem anderen in den Bann dieses kompromisslos freien Menschen geraten: Der Beamte, der ihn verhört, kündigt. Der Psychiater, der Pawlenski wahrscheinlich als geisteskrank aus dem Verkehr ziehen sollte, zeigt sich beeindruckt von seiner Intelligenz und erklärt, er sei normal. Im Gefängnis inspiriert Pawlenski Mithäftlinge zu Gesprächen über Kunst.“

In dieser Woche laufen wieder drei neue Filme an: „Farbe der Sehnsucht“ von Thomas Riedelsheimer, „Jean Ziegler“ über den Schweizer Politiaktivisten und „Bauer unser“ von Robert Schabus über Bauern und die weitere Industrialisierung der Landwirtschaft. Wolfsiehtfern wird nach Möglichkeit noch darauf eingehen.

Aus der Recyclingmaschine Fernsehen hat wolfsiehtfern diesmal drei Filme herausgefischt. Lange nicht zu sehen war „Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, ein Filmessay über Zeitnot und Terminhetze, ein Phänomen der Gegenwart (Di, 21.03.2017, auf dem Dokumentarfilmplatz des BR (22.30-00.05). Ulrich Seidels umstrittener Film „Im Keller“, wobei Keller nicht nur ein Ort, sondern auch ein Geisteszustand ist, läuft im WDR; der Sender steckt seine Dokumentarfilme auch immer weiter nach hinten in den Sendekeller, also nach Mitternacht am Mi, 22.03.2017 (00.10-01.30). „Der Grüne Prinz“ dreht bei Phoenix seine Nachtschleife von 02.15-03.50. Dafür bietet Phoenix regelmäßig auf seinem Dokumentarfilmplatz am Samstag eine Alternative zum Kindergeburtstagsfernsehen, diesmal mit dem sehenswerten Dokumentarfilm „Hannah Arendt und die Pflicht zum Ungehorsam“ (25.03.2017, 22.30-00.00)

Noch in den Mediatheken zu besichtigen sind Filme, die wir in der Vorwoche empfohlen haben, „Zapped“ von Thorsten Schütte, ein Porträt von Frank Zappa in Selbstaussagen und „Greenpeace – Wie alles begann“ von Jerry Rothwell.

Der Kinodokumentarfilm „Wien vor der Nacht“, vor zwei Wochen gestartet, zieht auch noch seine langsame Spur durch einige Arthouse-Kinos.

Und was sonst noch läuft, findet sich in der Rubrik: „Was sonst noch läuft“

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