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„Do Sanh – Der letzte Film“. Von Hans-Dieter Grabe

Der Filmemacher Hans-Dieter Grabe hat sein langes Filmemacherleben lang dicke Bretter gebohrt. Er ist an seinen Themen dran geblieben und hat hartnäckig den Weg der Menschen verfolgt, die er in seinem Beruf kennenlernen durfte. So hat er die Geschichte des Vietnamesen Do Sanh in mehreren Filmen erzählt, seit 1970, als er ihn schwerverletzt auf dem Lazarett-Schiff traf. (ZDF, 05.03.2017, 00.50 – 02.30)

Do Sanh lebt nicht mehr. Aber dank der Ausdauer und, ja, Zuneigung des Dokumentaristen Hans-Dieter Grabe wissen wir vom Leben dieses Vietnamesen. Der Krieg hatte dem Kind schwerste Verletzungen zugefügt, er überlebte den Krieg und erlag dann doch seinen Folgen.

Hans-Dieter Grabe begegnete Do Sanh 1970 auf dem Lazarettschiff „Helgoland“, das im Hafen der alten Kolonialstadt Da Nang lag und verwundete Zivilisten medizinisch versorgte. Er erzählte davon in dem mehrfach preisgekrönten Film „Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang“. Do Sanh wurde auf dieses Schiff gebracht und niemand gab ihm viel Überlebenschancen. Hoden zerschmettert, Darmausgang zerstört, Harnwege zerrissen. Aber Do Sanh hat überlebt, das hat er dem Arzt Dr. Alfred Jahn zu verdanken (auch über diesen bemerkenswerten Mann hat Hans-Dieter Grabe drei Filme gedreht). Er kam nach Deutschland zur Rehabilitation, lebte viereinhalb Jahre in Sanatorien und Heimen, lernte deutsch und lernte, wieder zu en. 1974 entdeckte ihn Hans-Dieter Grabe per Zufall in einem solchen Heim. Der Vietnamkrieg war noch nicht zu Ende, da ging Do Sanh mit anderen jungen Vietnamesen wieder zurück. In Ho-Chi-Minh-Stadt begann für ihn ein schweres Leben. Betteln, Versuche, wirtschaftlich als Rikscha-Fahrer Fuß zu fassen. Es gelang ihm, eine Familie zu gründen, er konnte sogar, trotz seiner schweren Verletzungen, ein Kind zu zeugen. Doch der Krieg holte ihn ein. In den Filmen von Hans-Dieter Grabe lernen wir ihn als einen charmanten, intelligenten und ernsthaften Mann kennen. Aber das heile Bild bricht zusammen. Do Sanh ist drogenabhängig – ein Ergebnis der vielen schmerzstillenden Opiate während seiner langen Krankenhausaufenthalte. Er versuchte, von den Drogen loszukommen und schaffte es nicht. An schmutzigen Spritzen infizierte er sich mit Aids. Er starb mit 35 Jahren.

In „Do Sanh – der letzte Film“ rekonstruiert Hans-Dieter Grabe die letzten Jahre Do Sanhs in Ho-Chi-Minh-Stadt, ein Jahr nach Do Shans Tod. Es ist ein sehr persönlicher Film geworden über einen Menschen, der allen ans Herz gewachsen ist, zugleich auch eine unsentimentale Reise in die Vergangenheit. In ruhiger filmischer Gangart fasst er die Geschichte dieses Menschen noch einmal zusammen. Die Geschichte eines einzelnen Menschen, der durch die Zeitgeschichte gejagt wurde. Ein individuelles Schicksal, das auch an alle anderen mitdenken lässt, die nicht die Aufmerksamkeit eines Filmemachers finden konnten.

Die letzten Dreharbeiten zu dem Film fallen genau auf die Tage der Feierlichkeiten, mit denen in Vietnam der Sieg im Befreiungskampf gefeiert wird. Man sieht vor der Kamera: geschmückte Wagen, aus Holz und Pappe nachgebaute Panzer, bunte Spruchbänder und aus Lautsprechern grelle Reden und Gesänge: „Es lebe der 30. April! Der Jahrestag des Sieges im Befreiungskampf! Der Jahrestag des Sieges über Amerika!“

 

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