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„Die Unerwartete“. Dokumentarfilm von Matthias Schmidt und Torsten Körner.

Fernsehschnipsel mit und über Angela Merkel gibt es genug, Kurzporträts auch. Jetzt ein langer Dokumentarfilm von Matthias Schmidt und Torsten Körner, der einen etwas anderen Blick auf die Kanzlerin wirft. Phoenix, Sa 08.04.2017, 20.15-21.45; So 09.04.2017, 06.45- 08.15; So 09.04.2017, 18.30-20.00  

Wolf Donath, ihr ehemaliger Klassenlehrer, sagt, er würde nie über sie etwas Schlechtes sagen. Sarah Wagenknecht findet das schon sehr „respektabel“, wie sie sich die Männerriege in der CDU deklassiert hat. Timothy Gordon Ash findet gar, sie habe die potentiellen Thronfolger „regelrecht geköpft“ und für Norbert Blüm bleibt sie ein „mittelgroßes Rätsel“.

Gar nicht einfach, ein Porträt über die amtierende und demnächst wieder kandidierende Kanzlerin. „Die Unerwartete“ nennen Matthias Schmidt und Thorsten Körner ihr Porträt / ihren Dokumentarfilm und unerwartet erweist sich als tauglicher Begriff. Unerwartet war einiges. Dass sie sich als ostdeutsche Pfarrerstochter in der westdeutsch dominierten Politik durchsetzte. Wie sie im „Demokratischen Aufbruch“ offenbar blitzschnell Politik lernte. Dass sie die Chance der Parteispenden-Affäre nutzte, um Helmut Kohl mit einem Zeitungsartikel den Todesstoß zu geben. Wie sie es schaffte, als Stoiber und nicht sie Kanzlerkandidat wurde, aus der Defensive wieder in die Offensive zu kommen. Dass sie, und dies scheint ein durchgängiges Motiv, immer wieder unterschätzt wurde und das für sich nutzen konnte. Dass sie plötzlich mit „Wir schaffen das“ das Bild einer mitfühlenden Politikerin ablieferte, wo sie doch noch wenige Wochen zuvor in der Presse als empathieunfähige „Eiskönigin“ tituliert wurde, die sich nicht einmal von den Tränen eines afghanischen Flüchtlingskinds rühren lasse. Wer oder was ist also Angela Merkel?

Politiker-Porträts, so sie denn nicht in eine Home-Story und PR-Veranstaltung enden sollen, sind eine heikle Sache. Alles ist medial vorgeformt, alle sind trainiert, das allermeiste ist ausgeleuchtet. Es gibt nicht viele Autoren, die mit diesem Genre umgehen können. Stefan Lamby etwa gehört dazu, der wie zuletzt in seinem Schäuble-Porträt auf seine exzellente Interview-Technik setzen kann. Manche probieren es mit beharrlicher Beobachtung wie 2008 Maik Bialk mit seinem Gysi-Porträt „Gysi und ich“, und mit Ironie, die Distanz verschaffte. Oder Thomas Schadt, zehn Jahre früher, 1998, mit seinem Porträt des Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder, „Der Kandidat“, in dem er sich mit seiner Kamera aus dem Journalistenpulk absentierte und eigene Blick-Perspektiven suchte und fand.

Bei Angela Merkel käme man mit solchen Methoden nicht weiter. Ihre Interviews sind stets äußerst kontrolliert, auch das für diesen Film. Ihr Privatleben hält sie komplett draußen, die Kartoffelsuppe muss da schon als pars pro toto herhalten. Und so viel Unerwartetes in ihrer politischen Karriere geschehen sein mag, liefert sie doch fast immer das Erwartbare. Das hat schon viele Korrespondenten und auch genaue Beobachter wie Roger Willemsen verzweifeln lassen. „Schlaftablettenpolitik“ sagt Heribert Prantl.

Die Autoren dieses Films wählen einen anderen Weg. Sie erzählen die Geschichte der Wandlungen der Angela Merkel nicht chronologisch, sondern in Form einer Suchbewegung am Material. Sie betrachten das Objekt ihrer Neugierde aus unterschiedlichen Perspektiven und suchen es einzukreisen. Ihre Haltung als Frau in der Politik-Männer-Welt („Westlich sozialisierte Männer mit Imponiergehabe haben sie oft unterschätzt“ sagt Innenminister Thomas de Maizière.). Sie suchen die Kindheitsmuster, finden das Pfarrhaus als politischen Raum, wo man lernen konnte: Wer etwas leistet, kommt voran. Angela Merkel wollte immer noch mehr als etwas leisten: „Sie will immer aufs Treppchen“. Sie suchen den homo politicus im Handwerklichen: „Was sind ihre Werkzeuge?“, fragen die Autoren im Kommentar, „was sind ihre Methoden?“

Da finden sie einiges. Angela Merkel kann offenbar zuhören. Sie beherrscht das unauffällige Sich-Durchsetzen-Können. Sie entwickelt schnell eigene Strategien – als sie vor der ersten Kanzlerschaft keine Hausmacht in der CDU hatte, erarbeitete sie sich ihre Stellung auf Regionalkonferenzen und an der Basis. Sie nehme Dinge nicht hin, sagt einer, sondern prüfe. Sie sei „herausforderungssüchtig“ schlussfolgern die Autoren im Kommentar. Und sie sei auch eine „Ideendiebin“; greift sich Themen der SPD und lässt ihre Minister machen. Franz Müntefering dazu, seufzend: „Da kann man nichts gegen machen“. Sie hat auch immer vor allem reagiert und es ja bis heute geschafft, immer noch als Willkommenskanzlerin zu gelten, obwohl sie längst eine Abschiebekanzlerin geworden ist.

Es geht also um Haltungen. Der Film ist  kein Psychogramm, jedenfalls nicht im Sinn der psychologischen Ausdeutung des Politischen. Es ist aber auch kein Film über Politik. Ganz wichtige Fragen kann und will der Film offenbar auch nicht beantworten. Was sind die Linien ihrer Politik? Wieviel Antrieb steckt darin und wie viel Getriebensein? Auch im  Interview für diesen Film gibt die Kanzlerin keine brauchbaren Antworten. Es fehlen auch wichtige politische Themen, die zur Merkelschen Politik, was immer das sei, gehören: die doppelte Atomausstiegswende, die Europa-Politik, der Erdogan-Deal. Der Film fokussiert paradigmatisch für das Unerwartete ganz auf das Flüchtlingsthema. Einmal vermerkt der Kommentar zaghaft: „Sie hat keine Vorstellung davon, wie Gesellschaft aussehen sollte.“ In diesem Sinn zeigt der Film ist „Die Unerwartete“ sein erwartbares Scheitern.

Zugleich handelt es sich aber doch um einen blitzgescheiten Film, der nicht groß mit letzten Wahrheiten herumtönen will, sondern der uns Zuschauer zum Mit- und Nachdenken, zum eigenen Urteil auffordert. Der sich offen macht und mögliche Perspektiven öffnet. Das ist nicht geschmeidig daher erzählt, sondern oft in schnellen und harten Gegensatzmontagen auf den Bildschirm geschmissen. Kommt ein kurzer Ausschnitt aus dem Gespräch von Günter Gaus mit der jungen Ministerin und der Frage, ob das nicht alles ein wenig schnell gegangen sei mit der Karriere – Schnitt: die Antwort gibt die Angela Merkel von heute. Die Gegenwart kann sich auf eine Vergangenheit berufen, soll das heißen. Diese Methode, Verbindungslinien über die Zeit hinweg zu ziehen, das Politische auf diese Weise auch immer als etwas Gemachtes zu zeigen, mit dieser Idee hantiert der Film vorzüglich.

Eine wichtige Rolle im Kanzlerinnen-Bild spielen die Spiegel, mit denen sie umstellt ist: die Zeitzeugen. Viele Politiker sind darunter, Edmund Stoiber, Norbert Blüm, Annette Schavan, Jürgen Rüttgers. Dazu professionelle Kanzlerinnenbeobachter wie Heribert Prantl, der stets eine Pointe griffbereit hat und der stillere, zurückhaltendere Alexander Osang, der die Kanzlerin schon mehrfach selbst porträtiert hat. Auf die sonst häufig so wichtige einordnenden Aussagen von Zeithistorikern verzichtet der Film, von Timothy Gordon Ash einmal abgesehen.

Dafür arbeitet er viel mit audiovisuellem Material. Die Autoren leisten tolle Archiv-Arbeit. Viele Bilder und Szenen hat man so noch nicht gesehen, an sich nicht und nicht in klugen Montagen. Der Kommentar ist sparsam, setzt ein, dort wo die Zeitzeugen nicht ausreichen, und spreizt sich manchmal etwas überambitioniert: Angela Merkel als „risikobereite Entsorgungsspezialistin“, na ja. Wäre ihr vermutlich eine Nummer kleiner auch ganz recht. Eine Besonderheit dieses Films ist, dass das Interview mit der Kanzlerin ganz am Ende gedreht wurde, sie kannte wohl das Material und kann im Film darauf antworten. Das gibt ihm etwas dialogisch-geschmeidiges. Unter journalistischen Gesichtspunkten, und die kann man an diesen Film durchaus auch anlegen, ist das Verfahren, der Protagonistin auf diesem Weg das letzte Wort zu überlassen, doch recht fragwürdig.

Gleichwohl, der Blick der Autoren ist fragend und skeptisch und diese Skepsis, sowohl der Protagonistin wie der eigenen Darstellung gegenüber, bewahrt er sich. Er lässt dem ehemaligen Lehrer von Angela Merkel das letzte Wort. In dem sagte Wolf Donath, wie oben zitiert, er würde niemals etwas Schlechtes über Angela Merkel sagen. Um dann hinzuzusetzen: „Aber wählen würde ich sie nicht. So weit geht die Freundschaft nicht“.

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