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„Beyond Punishment“. Von Hubertus Siegert.

Das wahre Gefängnis sei das eigene Gewissen, sagt ein Straftäter. Hubertus Siegert hat einen Film gedreht nicht über Haft, sondern darüber, unter welchen Bedingungen Kommunikation zwischen Tätern und Opfern möglich ist. Sein Film „Beyond Punishment“ läuft auf dem 3Sat-Dokumentarfilmplatz am Montag, 03.04.2017, 22.30 – 00.10.  Barbara Sichtermann schreibt über den Film exklusiv für wolfsiehtfern.Es sind die Gesichter, die Blicke, die geschlossenen und die zitternden Lippen, die in dem Film „Beyond Punishment“ dreimal eine ähnliche Geschichte mit denselben Motiven, aber sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen erzählen. Die Gesichter sind schwarz oder weiß, jung oder alt, und sie sind, als Objekte der Kamera, Szenen, in denen Kämpfe stattfinden: zwischen Zorn, Schmerz, Selbstbeherrschung und Angst. Die Motive heißen: Wut, Rache, Selbsthass, Vergebung. Und die Rahmenbedingungen: Haft, Knast, lebenslänglich, Stuhlkreis in der Selbsterfahrungsgruppe, Haftverschonung und Austausch am Küchentisch. Filmemacher Hubertus Siegert wollte wissen, ob das möglich ist: dass verurteilte Mörder, die im Gefängnis sitzen, mit den Angehörigen ihrer Opfer in Kontakt treten und ob so ein Kontakt aus der derzeit verbreiteten wechselseitigen Verbunkerung in Selbstvorwürfen oder Verdrängung auf der einen und Verzweiflung und Rachebedürfnis auf der anderen Seite herausführen kann. Seine Antwort, um sie vorwegzunehmen, ist ein deutliches JEIN.

Weder die Strafjustiz und der Vollzug sind so weit, noch sind es die Beteiligten in ihrem tiefen Schuldgefühl und ihrer nicht minder tiefen seelischen Wunde in der Folge des Verlusts eins Sohnes, einer Tochter, eines Vaters. Aber es gibt Ansätze, die in diese Richtung weisen: Vielleicht wird unsere Zivilisation einmal Wege finden, jenseits der Strafe, Beyond Punishment, und jenseits des Racheschwurs eine nicht-destruktive Vermittlung zwischen Täter und Opfer bzw. deren Angehörigen zustande zu bringen. Das klingt utopisch, im Sinne von: das wird nichts, denn so ist der Mensch nicht gemacht. Aber es wird gedacht, es wird versucht, es wird abgelehnt und doch weitergedacht, und Hubertus Siegert hat im wahrsten Sinne des Wortes die halbe Welt nach Spuren und Verweisen auf einen solchen humanen neuen Weg des Ausgleichs von Tätern und Opfern abgesucht. Seine drei Geschichten, die er mit nach Hause gebracht hat, sind sehr verschieden, aber sie streifen alle drei dieselbe Hoffnung: dass Zorn, Hass, Vergeltung und lebenslanger Knast nicht das letzte Wort sein mögen, nachdem ein Mensch sein Leben durch mörderische Gewalt verloren hat.

In Amerika ist der Gedanke oder Impuls zur Rache noch sehr vital, man billigt es der Familie eines Jungen, der sein Leben bei einer Schießerei, in der es um gar nichts ging, verloren hat, zu, dass sie den Täter in die Hölle wünscht. Und doch gibt es in diesem Land, genauer in Wisconsin, eine Initiative, geleitet von einer ehemaligen Richterin, in der Täter und Opfer-Angehörige miteinander sprechen, in der Verurteilte im Stuhlkreis, im Beisein der Mütter und Brüder ihrer Opfer von sich erzählen – und die Angehörigen ebenso. Siegert folgte Lisa und Leola nach Hause, er hörte ihnen zu, wie sie von der fatalen Nacht erzählten, in der sie ihren Bruder, ihren Sohn verloren – in der Folge eines banalen Streits, einer unerheblichen Beleidigung. „Ich kann dem Täter nicht vergeben“, sagt Lisa unter Tränen, „das würde doch bedeuten, dass ich den Mord an meinem Bruder bejahe.“ Sie will Jura studieren, sie will der Welt beweisen, dass schwarze Menschen es zu etwas bringen können.

Berührend ist auch die Geschichte von Stiva, einem jungen Mann aus Norwegen, der seine 17jährige Freundin aus Eifersucht erschoss. Er geht hart mit sich selbst ins Gericht und kommentiert die in Norwegen vergleichsweise komfortablen Haftbedingungen mit einem netten Zimmer statt einer Zelle sinngemäß so: „Das wahre Gefängnis ist das eigene Gewissen.“ Es vergehe kein Tag, an dem er nicht an Ingrid denken müsse – sofort gäbe er sein Leben, wenn sie dadurch wiederkommen könnte. Siegert spricht mit dem traumatisierten Vater, er geht einen für Dokumentarfilmer immer heiklen Schritt und bietet eine Vermittlung an. Aber Erik, Ingrids Vater, ist unerbittlich. Einer Begegnung fühlt er sich nicht gewachsen.

Die dritte Geschichte spielt in Deutschland, in Berlin, und weicht vom Muster ab. Anders als in Amerika und Norwegen ist es diesmal ein politischer Mord, der den Hintergrund bildet, und es sind nicht Täter und Verwandte der Opfer, die über eine Annäherung sprechen, sondern Betroffene, die nur vermittelt miteinander zu tun haben. Patrick von Braunmühl verlor seinen Vater, der von einem RAF-Kommando auf der Straße hingerichtet wurde. Und Manfred Grashof saß lange wegen RAF-Mitgliedschaft und tödlicher Schüsse auf einen Polizisten ein. Diese beiden Männer treffen sich sozusagen in Ermangelung ihrer „wahren“ Gegenüber: Grashof weiß nichts von den Angehörigen seines Opfers und Braunmühl nichts von dem Todesschützen, der seinen Vater auf dem Gewissen hat. Aber der eine ist ein Täter der RAF, der andere Sohn eines Opfers der RAF. So haben sie doch miteinander zu schaffen, so müssen auch sie jene Barrieren überwinden, die es zum Beispiel Erik noch unmöglich machen, auf Stiva zuzugehen – wenn die auch nicht ganz so hoch sind. Gegen Ende des Films sitzen Patrick und Manfred beieinander und reden – vorsichtig noch und nur halb davon überzeugt, dass das hier Sinn ergibt. Aber der Zuschauer hat schon angefangen zu verstehen: Irgendwo ist da ein Sinn. Man weiß noch nicht genau, wo. Aber die Zivilisation muss und wird diesen Weg einschlagen.

Der Film lebt von der Skepsis, der Härte, dem Weh und der Wut, die sich in den Gesichtern spiegeln – aber er bietet auch großes Kino mit den Totalen-Einstellungen auf ein altes Gefängnis in Wisconsin, auf einen Friedhof in New York, auf die norwegische Weite zwischen Fjorden und Wiesen, auf die fiebrige Urbanität Berlins (Kamera: Marcus Winterbauer). Diese wunderbaren Kinobilder sind nicht nur eine Erholung für die Sinne zwischen all dem Leid, das dieser Film zur Sprache bringt, sondern auch ein Hinweis auf das Leben und seine Schönheit, die durch Verbrechen angegriffen und zerstört worden ist – auch in den Tätern und in den Hinterbliebenen. Eine Schönheit, die vielleicht doch irgendwann wieder gewonnen werden kann, für die Schuldigen und für die Trauernden, anstatt für immer zwischen Strafe und Vergeltungswunsch zu verschwinden. Das Wort Erlösung kommt einem Sinn, es ist eine religiöse Vokabel. Eine weltliche Bedeutung haben wir noch nicht gefunden, um sie geht es.

 

 

 

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