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„10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ Von Valentin Thurn

Vor vier Jahren traf sein Film „Taste the waste“ den Nerv: Wir werfen zu viele Lebensmittel weg. Filmemacher Valentin Thurn ist bei seinem Thema geblieben. Jetzt widmet er sich in „10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?“ der globalen Ernährungsfrage. (Noch in den Mediatheken von ARD und SWR Valtentin Thurn ist Filmemacher, aber auch Aktivist, er schreibt Bücher und betreibt eine Website zum Thema Ernährung. Und weil es ihm darauf ankommt, in gesellschaftliche Prozesse einzugreifen und etwas zu verändern, setzt er diesmal auf das positive Beispiel, auf Lösungen. Einer solchen widmet er sich gleich eingangs in einem Bild, das nicht jedem schmecken dürfte: Auf einem asiatischen Markt kauft er gegrillte Insekten und schiebt sich genüsslich eine Heuschrecke in den Mund. Könnte sein, sagt er, dass hier eine mögliche Lösung für unsere Ernährung liegt.

Um Antworten auf seine Fragen zu finden, ist Valentin Thurn ziemlich weit gereist, nach Indien, Japan, Malawi, Mozambique, USA, England. Sein Film ist ein Road-Movie auf der Spur nach den Problemen und den Lösungen. Er verweist auf Zusammenhänge. Würden alle Völker so viel Fleisch essen wie Europäer oder Amerikaner, käme die Menschheit mit vier Planeten nicht aus. Unser Fleischkonsum basiert auf Massentierhaltung, Massentierhaltung wiederum erfordert Futter-Monokulturen, die wiederum Ackerland für Getreide blockieren, Futter-Monokulturen wiederum führen in vielen Ländern zu Bodenraub, Enteignung von Kleinbauern. Und alle Wege führen zu uns zurück, zum Fleischkonsum, zur Wegwerfgesellschaft, zur wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich.

Auch nach technologischen Lösungen hat der Autor gesucht. Helfen gentechnisch veränderte Pflanzen? Wird die Menschheit sich mit künstlichem Fleisch behelfen? Ein Wissenschaftler verspeist vor der Kamera genüsslich einen künstlichen Hamburger, der 250.000 Dollar gekostet hat. Sollten die verdichteten Städte Pflanzenfabriken bauen wie in Japan, stockwerkehoch, ohne Erde, auf künstlichen Kulturen? Es ist ganz offensichtlich: Den technischen Lösungen traut der Autor nicht. Er vermutet, wohl zu recht, dass sie nur der Bevölkerung reicher Länder zugute kommen.

So reist der Film durch eine bipolare Welt, trägt Fakten zusammen. Nur noch 50 Jahre wird der Mineraldüngerabbau in der größten Kali-Mine der Welt möglich sein – was dann? Können die Städter sich mit Urban gardening künftig selbst ernähren? Oder liegt die Lösung doch in lokalem Wirtschaften? Auf das Loblied auf ertragreiche Hybridreis-Sorten, das der Leiter von Bayer Crop Science abgibt, setzt der Autor eine Szene aus Indien, wo eine Überschwemmung das Feld mit Hybridreis ruiniert hat. Die Felder, die mit traditionellem Saatgut bepflanzt wurden, haben dem Wasser widerstanden; und die Überschwemmungen werden mit dem Klimawandel zunehmen. Im Dorf achtet eine Expertin auf die Saatgut-Datenbank.

Es ist offensichtlich, worauf Valentin Thurn setzt: auf die Aufwertung der Kleinbauern, auf eine kleinräumige und ökologische Nahrungsmittel-Ökonomie. Das alles stellt er sehr faktenreich dar. Nicht alles ist neu. Ökologischer Landbau, lokale Währungen, regionale Saatgutbanken, der Blick in die Hühnerfabriken – das alles war schon häufig in Filmen und Reportagen zu sehen. Nicht zu sehen bisher war etwa der Blick in eine indische Hühnerfabrik, der zehntgrößten der Welt; jeden Tag werden dort eine Million Hühnchen produziert, nach westlichem großtechnischem Muster. Und dass Bayer mehr Patente auf Genpflanzen hat als der berüchtigte Monsanto-Konzern war auch noch nicht oft zu hören. Informationen und Argumente liefert dieser Filme also genug.

Leider hat Valentin Thurn sich von einigen TV-Moden anstecken lassen. Er arbeitet mit den Mitteln der Fernsehästhetik: Redende Köpfe, Auflösung in einzelne Geschichten. Wie derzeit viele andere läuft er auch als Ich-Erzähler durch den Film, wenn auch nicht so penetrant wie seinerzeit Claus Kleber in „Hunger / Durst!“. Er spricht die anbiedernde Sprache der Check-Dokus: „Ich will herausfinden, ob…“ oder „Ich will es genau wissen“. Das ist ein pseudonaiver Gestus, den man dem Filmemacher auch gar nicht abnimmt, weil er jahrelang sehr gründlich recherchiert hat und längst weiß, wo es langgeht, wenn er mit seiner Kamera auftaucht. Er spricht seinen leitenden Filmtext selbst, was auch nicht die glücklichste Wahl war, sprechtechnisch gesehen. Vor allem aber denkt der Autor gern vor, was doch die Zuschauer besser selber denken sollten, mit Formulierungen wie: „Die Lage ist wirklich dramatisch“ oder „Ich fürchte, dass auch hier unvorhersehbare Gefahren für Mensch und Tier entstehen“.

„10 Milliarden“ ist ein Film mit Haltung, die er auf den Zuschauer übertragen möchte. Es geht ihm um Verhaltensänderung: Verringerung des Fleischkonsums, Änderung des Einkaufsverhaltens, Orientierung am positiven Beispiel. Das ist natürlich legitim. Aber es bleibt ein wenig viel an den Leuten hängen. Etwas mehr analytische Kapitalismuskritik hätte dem Film nicht geschadet. Schon die Titelfrage ist falsch gestellt: „Wie werden wir alle satt?“ Wir – wenn das wir Europäer sind, dann werden wir auf der kapitalistischen Sonnenseite schon satt werden, auf Kosten der anderen, wie gehabt. Wie die Mechanismen laufen, beweist der Film ja. Aber vor der globalisierten Nahrungsmittel-Ökonomie steht der Autor mit seiner Alternative des kleinteiligen, überschaubaren Landbaus doch etwas ratlos. Symptomatisch das Bild im Börsensaal der Nahrungsmittelbörse in Chicago: Bildschirmwände, Zahlenkolonnen, Gedränge der Händler im Parkett. Der Autor schaut sich um und sagt wieder einen dieser Check-Sätze: „Ich möchte herausfinden, wie die Preise zustande kommen“. Als könnte er das herausfinden, indem er auf Bildschirmwände starrt. Und dann fällt er einem neoliberalen Ökonomen in die Arme, der ihm als Rezept verkauft, die Lebensmittelpreise müssten steigen. Das kommt dem Autor zwar angesichts der vergangenen und potentiell kommenden Lebensmittelrevolten auch spanisch vor – aber was wäre die Antwort?

Ohnehin fällt auf, dass der Film für die zehn Millionen, die er im Titel führt, kein Bild findet. Nicht ein einziger Blick fällt in die Megacities, wo es weltweit diese Milliarden hinzieht auf der Suche nach Arbeit und Brot – ein globaler Trend. Mit Urban Gardening wird man diesem Prozess nicht beikommen können.

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