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Transit Havanna. Von Daniel Abma

Daniel Abmas Debütfilm ist ein großartiges Plädoyer für das Leben im richtigen Körper am richtigen Ort, selbstbestimmt gewählt. Ab 3.11. in den Kinos. Heike Heinrich hat den Film schon gesehen. Malú, Odette und Juani leben im für sie richtigen und besten Land der Welt. Sie leben in Kuba. Im richtigen Körper leben sie nicht. Juani war der erste Transsexuelle im Land Fidel Castros, dessen Schicksal öffentlich geworden ist. Seit 1979 führt er seinen Kampf, endlich im richtigen Körper zu sein. Alt ist er darüber geworden, kampflos aufgeben will er nicht. Giselle Odette liebt den klassischen Tanz und hat sich ihre Namen nach zwei bekannten Balletten ausgesucht. Sie / Er war noch vor kurzem der beste Panzerfahrer des Landes. Nun hadert die aus einer streng religiösen Familie stammende Transsexuelle mit Gott und der Welt. Soll sie sich operieren lassen, wenn die Familie und vielleicht Gott dagegen stehen. Einen Selbstmordversuch hat sie bereits hinter sich. Malú hingegen weiß um ihre Wirkung mit den langen, vollen schwarzen Haaren, kokett gebunden, die große Haarspange passend zur Bluse. Eine langbeinige Schönheit, die im Bikini am Strand ebenso zu finden ist, wie im politischen Kampf um die Rechte Transsexueller in Kuba bei CENESEX – der Organisation für das selbstbestimmte Leben transsexueller Kubaner.

Daniel Abma ist ein klug und geduldig beobachtender Filmemacher. Wie schon in seinem ersten Langfilm als Student „Nach Wriezen“ hat er sich auch für „Transit Havanna“ drei Protagonisten ausgewählt, die diesen Film einfach wunderbar tragen. Es führt zu einer großen Konzentration im Thema, sich für weniger Protagonisten zu entscheiden.  So gelingt es dem Regisseur sehr überzeugend für ein Randthema am anderen Ende der Welt, Interesse und Empathie beim Zuschauer zu wecken.

Nur wenige Fragen braucht es, sonst erzählen die drei aus ihrem Leben, nehmen das Filmteam mit zu Freunden und in ihre Familien. Abma vermeidet jedes Klischee über Transsexualität und auch über Kuba. Die Lage im Land kommt ganz nebenbei in die Bilder hinein. Juani lebt mit seinem Bruder in einem Wellblechhaus an einer stark befahrenen Straße. Es gehört ihm, er baut und repariert hier selber. Sein Bruder kann sich kein eigenes Haus leisten. Wenn sie ihren Verdienst zusammenlegen, reicht es im Monat. Juani wartet auf seine Operation. Er möchte einen funktionierenden Penis. Verschmitzt erzählt er, wie wichtig ihm das ist. Die Ärzte sind freundlich, optimistisch. Sie kennen Juani und seine Geschichte schon lange. Seit 1979 sind 27 Menschen auf Kuba „umoperiert“ worden. Es gibt wenige Informationen über Transsexualität dort. Lateinamerikanische Gesellschaften sind eher männlich dominiert, auch wenn die Großmutter, meist streng gläubig, zu vielen Familienentscheidungen das letzte Wort hat. Die Väter von Odette und Malú können sich nur schwer abfinden mit dem Entwicklungsweg ihres Kindes. „Ich habe einen Sohn bekommen und er wird immer mein Sohn bleiben“, sagt Malús Vater und spricht von Joel, dem Namen unter dem Malú als Junge aufwuchs. Sie weiß, es war schon immer der falsche Körper. Sie war schon als Kind lieber ein Mädchen. Und so kämpft sie beim 13. Nationalen Kongress für Transsexuelle, Familien und Paare für die Gleichberechtigung. Zur Eröffnung wird ganz selbstverständlich die kubanische Nationalhymne gesungen. Am Feiertag zu Ehren der siegreichen kubanischen Revolution gehen unter der Regenbogenfahne junge Leute mit auf die Straße zum Singen und feiern. Angeführt werden sie von Mariela Castro, Fidels Nichte. Sie hat die Transsexuellen zu den neuen Helden des kubanischen Alltags erhoben. Eine Dissertation über „Strategien für die Integration transsexueller Menschen im Kontext der heutigen Gesellschaft Kubas“ macht Hoffnung. Odette hat es mit der Mutter schwer. Sie schimpft ihr Kind gotteslästerlich und droht, sie darf nicht einfach in die Schöpfung eingreifen. Odette lebt eher zurückgezogen, im Grünen mit ihren Tieren, Idylle umgibt sie. Das Politische liegt ihr nicht so. Zu den Treffen von CENESEX geht sie nicht, obwohl Malú sie eingeladen hat.

Daniel Abma gelingt es, beeindruckend ein ganz persönliches Thema sehr universell zu erzählen und Intimes in öffentliche Zusammenhänge zu bringen.  Durch kluge, konzentrierte aber zurückhaltende Beobachtung seiner Protagonisten kommt er ihnen sehr nahe. Mit großer Offenheit gehen die drei vor der Kamera mit ihrem Lebensthema Transsexualität um: Odette etwas lyrischer, die von sich sagt, auch sie sei gefangen in einem Schwanenkörper, Malú eher kämpferisch, aber locker und Juani mit der Weisheit eines jahrzehntelangen Ringens.

Die Bilder der Kamera sind teilweise berauschend, berauschend schön. Sie fangen die Liebe zu Kuba ebenso ein, wie die Auswirkungen eines Sozialismus, der auf Armut beruht. Prestigebauten in Havanna wechseln mit Bildern aus Elendsvierteln. Abma nimmt sich viel Zeit um seine Protagonisten zu begleiten. Manchmal vergisst man selbst als Zuschauer die Kamera, um dann wieder ganz ehrlich mit hindurch schauen zu dürfen. Es bleibt Respekt. So kommt man selbst Odette, Malú und Juani sehr nahe, ohne die Distanz zu verlieren. Nie stellt der Filmemacher seine Protagonisten aus. Die Kamera geht, wenn es Zeit ist. Diese perfekt austarierte Darstellung ist so selten und für einen so jungen Filmemacher außergewöhnlich. Daniel Abma, Jahrgang 1978, ist in den Niederlanden geboren und hat an der Filmuniversität in Babelsberg studiert. Für seinen Film „Nach Wriezen“ erhielt er 2015 den Grimme-Preis, noch als Student, was schon außergewöhnlich ist. Für dieses Debüt gewann er den diesjährigen Wettbewerb Langfilm bei den 6. Filmkunsttagen Sachsen-Anhalt. Da ist also ein talentierter Dokumentarfilmer auf dem Weg. Es lohnt sich, Daniel Abma und seine Arbeit im Auge zu behalten.

Am Ende von Transit Havanna wird noch einmal das Dilemma des Landes Kuba, in dem pro Jahr fünf Menschen für eine Operation zur Geschlechtsumwandlung zugelassen werden, sowie des Einzelnen, der vor dieser Entscheidung steht und seinen ganzen Lebenswillen dafür bekunden muss, deutlich. Man wünscht Odette, Malú und Juani aber auch allen Betroffenen, dass sie irgendwann im richtigen Körper am richtigen Ort glücklich sein mögen.

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