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Haymatloz. Von Eren Önsöz

Der Bosporus: für viele Türken das Tor nach Europa. Für die Europäer ein immer wieder sehnsuchtsvoller Ort, eingebettet in eine berauschende Landschaft und eine schillernde aber fremdgebliebene Welt. Zwischen den beiden Enden – Deutschland und der Türkei – entfaltet die türkische Filmemacherin Eren Önsöz ein Kapitel deutsch-türkischer Vergangenheit, von dem heute kaum jemand etwas weiß. Ein Film über das unfreiwillige Leben zwischen Orient und Okzident: . „Haymatloz – Exil in der Türkei“ . Von Heike Heinrich. 1923 beginnt unter Mustafa Kemal „Atatürk“ mit der Gründung der türkischen Republik der Umbau der Gesellschaft nach europäischem Vorbild der Moderne. 10 Jahre später werden in Deutschland nach der Machtergreifung Hitlers, Andersdenkende und vor allem Juden verfolgt und verhaftet. Da wendet sich Kemal Atatürk an die „Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland“, holt etwa 1000 Wissenschaftler, Forscher, Mediziner, Juristen, Architekten und Künstler in die Türkei und setzt sie an die Spitze der Reformbewegung insbesondere an den Umbau an Universitäten. Die Gelehrtenschulen in Istanbul und Ankara bilden dabei den Schwerpunkt. Einer der Wissenschaftler der ersten Stunde und Mitorganisator der Ausreise jüdischer Wissenschaftler ist der Schweizer Pathologe Philipp Schwartz, seiner Professur an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main 1933 enthoben.

In Haymatloz erzählen fünf Nachfahren dieser Emigranten ihre Familiengeschichte zwischen Orient und Okzident. Neben Philipp Schwartz, der das Pathologische Institut an der Universität in Istanbul aufbaut, finden auch der Botaniker Kurt Alfred Heilbronn, der Chemiker Otto Gerngross, der Jurist Ernst Hirsch und der Bildhauer Rudolf Belling eine neue berufliche Aufgabe. Mit ihren Familien können sie so der Nazidiktatur entkommen, eine neue Heimat finden und mit einer interessanten, ihrem Wissen und Können adäquaten Arbeitsaufgabe mehr als nur Exilanten sein. Ihre Kinder und Enkel erzählen mehr als 80 Jahre später von diesem Familienleben, von ihrem Leben, das sie nach 1945 wiederum in eine fremde Kultur entließ. Sie erzählen von dem Leben, das deutsch-türkisch geprägt wurde, immer eine Sehnsucht nach dem Bosporus in sich trug oder durch eine späte Erkenntnis und Annahme dieser Herkunft, die Förderung von Verständigung zwischen den Ländern möglich macht.

Susan Ferenz-Schwartz, Psychiaterin, lebt ganz bewusst in Zürich mit dieser Verbindung zwischen beiden Kulturen und nennt Istanbul die schönere Stadt, trotz des gigantischen Wachstums nach 1945 und der vielen Menschen dort. Kurt Heilbronn, Psychologe, lebt in Eschborn bei Frankfurt /M. und in Istanbul. Er versteht sich mit seiner Geschichte und seinen Wurzeln sehr früh als Mittler zwischen den Kulturen und Menschen beider Länder, trifft sich mit türkischen Kollegen zum Fachaustausch und bietet in einer Praxis in Istanbul Hilfe bei psychischen Problemen. Vor allem türkische Frauen kommen zu ihm in die Sprechstunde. Er sagt „Na ja, wir tragen die Geschichte mit uns“. Wir erfahren von einem Erbe, das bis zu den Enkelkindern der damals Ausgereisten reicht: „Was seid ihr denn für Türken“, erzählt einer der Enkel, ist ein Satz, den sie oft gehört haben.

Der Chemiker Engin Bagda, Enkel von Otto Gerngross, mit einem türkischen Vater, kann das Erbe erst spät annehmen. Für ihn war immer klar, er will in Deutschland leben. Enver Tandogan Hirsch, hat ebenfalls deutsch-türkische Wurzeln. Obwohl der Vater als Juraprofessor in der Türkei sehr berühmt wurde, war der Sohn seit seiner Rückkehr nach Deutschland nicht mehr in dem Land, das seiner Familie das Überleben ermöglichte.

Elisabeth Weber Belling lebt in München und verwaltet das künstlerische Erbe ihres Vaters, von dem 60% der Vernichtung durch den Nationalsozialismus und den Krieg zum Opfer gefallen sind. Ihr Vater galt als entarteter Künstler. Heute steht eine große Skulptur von Rudolf Belling  im Münchener Olympiapark und ein Reiterdenkmal für Mustafa Kemal auf einem zentralen Platz in Istanbul. Dass sie eine Emigrantin war, erfuhr sie erst mit dem 60. Lebensjahr. Seit dem sucht sie nach ihren Wurzeln  und nach den Kunstwerken und biografischen Spuren ihres Vaters, von denen die meisten in der Türkei zu finden sind.

Für die fünf Protagonisten ist das eigene Alter Ausgangspunkt der Reise zurück zu Kindheit und Jugend und der Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte. Ein Teil ihrer Wurzeln bleibt immer eine schmerzende Wunde. Eine Rückkehr nach Europa, nach Deutschland stand für die meisten Nachfahren niemals außer Frage. Sie haben Nazideutschland nie erlebt. Es spielte keine Rolle im Familienleben. Alle erinnern sich an eine glückliche Kindheit in der Türkei. Obwohl ihnen heute ganz klar ist „Wir wären alle nach Auschwitz gekommen“. Die Auswanderergeneration bleibt. Rudolf Belling lebt und arbeitet 30 Jahre in der Türkei und kehrt hochbetagt in die Heimat zurück. Die Großeltern Gerngross und die Eltern Heilbronn sind in türkischer Erde begraben. Für die Rückkehrer war es schwer, wieder in Deutschland Arbeit zu finden. Viele Universitäten sahen sich auch gar nicht in der Verantwortung. Die Eingliederung der Emigranten in das Arbeitsleben in der Türkei machte sie zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft dort und bewahrte sie vor dem Gefühl heimatlos zu sein. Obgleich in ihre Pässe bei der Einreise der Status „haymatloz“ eingestempelt wurde. Das deutsche Wort findet Eingang in die türkische Sprache.

Eren Önsön hat ein Stück türkisch-deutscher Geschichte aufgetan, dass in beiden Ländern nahezu komplett in Vergessenheit geraten ist. Die Regisseurin begleitet die fünf Nachfahren auf der Reise in ihre Familienerinnerungen und  in die heutige Türkei. Schwarz-weiß Fotografien aus den Jahren 1933 bis 1945 zeigen Mütter und Väter mit den Kindern in verschiedenen Altersstufen, mit Studenten und Kollegen an den türkischen Forschungs- und Bildungsstätten, zeigen sie inmitten türkischer und jüdischer und deutscher Traditionen. Es sind Bilder aus guten, erfolgreichen, glücklichen Tagen. Sie illustrieren nicht nur die großartige Leistung Atatürks für die Gründung eines demokratischen Staates, in dem Staat und Religion getrennt waren, Frauen gleichberechtigt arbeiteten und studierten. Der Film belegt die humanitäre Leistung zur Rettung tausender Menschen vor dem sicheren Tod. Er hinterfragt aber auch, was geblieben ist vom damaligen Wissenstransfer in der heutigen Türkei. Der Blick auf die Hagia Sofia und über die Altstadt Istanbuls ist gewagt, weil auch ein verbrauchtes Bild. Aber die Filmemacherin nutzt diesen Blick nicht für eine Behübschung der Szenerie sondern als tragendes Element ihrer Geschichte. Die Kamerafahren über die Städte Istanbul und Ankara dominieren auf der Bildebene zum aktuellen Geschehene und stehen gekonnt neben den Nahaufnahmen der Erzählenden, den Gängen durch die überfüllten Gassen Istanbuls und den Besuchen auf riesigen, eher menschenleeren Prospekten und Plätzen Ankaras.

„Die ganze Jugend, eine Kindheit dort zu verbringen, das ist eine lange Wurzel, die ich hinter mir herziehe“ sagt Susan Ferenz-Schwartz. Manche sagen immer mal wieder Heimat, wenn sie von ihrem Leben in der Türkei sprechen. Ihre Rückkehr zu den türkischen Wurzeln nach 35 bzw. 40 Jahren ist eine Reise voller Überraschungen. Die wichtigste Erkenntnis ist wohl, mit welch großem Respekt die Arbeiten ihrer Väter und Mütter in der Türkei bis heute geschätzt und bewahrt werden. Der Jurist

Ernst Hirsch verfasste Gesetzeskommentare, die bis heute gültig sind. Und der Kunstunterricht in der Bildhauerklasse an der Akademie der Künste in Ankara wird bis heute nach den Stundenplänen von Rudolf Belling absolviert. Viele Gebäude und Denkmäler in Istanbul und Ankara stammen von deutschen oder österreichischen Künstlern und Architekten aus dieser Zeit wie Clemens Holzmeister, Bruno Taut, Ernst A. Egli oder Martin Elsaesser.

Die aktuelle Entwicklung in der Türkei trifft immer wieder auf die Erinnerungen und beunruhigt die Protagonisten gleichermaßen. Mit ihnen hat die Filmemacherin großes Glück gehabt, auch weil sie deutsch und türkisch sprechen und uns damit eine ganz wesentlichen Gewinn dieses Lebens zwischen den beiden Kulturen offenbaren. Und so spricht ein Taxifahrer in Istanbul ihnen ganz aus dem Herzen. „Sie können überall hinreisen. Wir Türken benötigen immer ein Visum. Eigentlich ist die Erde die Heimat aller Menschen. Überall ist der Mensch doch ein Mensch“. Es wird viel gesprochen, der Film springt zwischen den Familien und zwischen Vergangenheit und Gegenwart und fordert die Aufmerksamkeit des Publikums. In ruhigen Bildern taucht der Film behutsam in Erinnerungen ein und stellt  eine Verbindung zur heutigen Türkei her. Eine Professorin in Istanbul sagt „Universitäten sind Orte demokratischer Meinungsbildung. Seit zwei bis drei Jahren sind sie verstummt.“ Es bleibt auch bei den Nachfahren der Wunsch nach einer demokratischen, weltoffenen und modernen Türkei. Und so enden die Geschichten, in denen Deutsche bemüht sind, die beiden Länder einander näher zu bringen und die Gräben, die Politik schafft,  als Menschen zu überwinden, mit sehr emotionalen Akten des Gedenkens. Elisabeth Weber Bellinger legt mit der Tochter von Ismet Inönü, Freund und Nachfolger Atatürks, ein Kranz am Atatürk-Mausoleum nieder. Susan Ferenz-Schwartz enthüllt ein Denkmal an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main mit allen Namen der aus ihren Ämtern vertriebenen Wissenschaftler und Gelehrten 1933 bis 1945. Der Gedenkstein zeigt das Porträt ihres Vaters, Professor Philipp Schwartz.  Haymatloz ist ein wichtiger und ein sehr gelungener Film, dem ein großes Publikum zu wünschen ist.

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