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„Akte D“ von Christoph Weber, Winfried Oelsner, Florian Opitz

Unsere Erinnerungskultur wandelt sich. Die Zeitzeugen, die noch über die Nazizeit berichten können, werden immer weniger. Geschichts-TV als Erinnerungsfernsehen funktioniert nicht mehr, es muss neue Wege suchen. Geschichte wieder vornehmlich aus Strukturen, aus Dokumenten und historischen Erkenntnis zu lesen, zugleich aber mit langem Atem – das könnte der Weg für das Geschichtsfernsehen der nächsten Jahre sein. („Akte D – Das Versagen der Nachkriegsjustiz“ (Noch in der Mediathek des WDR; in den folgenden Wochen zahlreiche Wiederholungen auf ARD-alpha und phoenix)

Eine halbe Million Deutscher war in die Verbrechen der Nazis verstrickt. 50.000 gerieten in die Strafverfolgung der Alliierten und nicht einmal tausend fanden in der deutschen Nachkriegszeit einen Richter.

Das sind Zahlen, die Christoph Weber in seinem Film „Das Versagen der Nachkriegsjustiz“ in der zeitgeschichtlichen Reihe „Akte D“ präsentiert. Dass diese Bilanz so erbärmlich ausfiel, hat mit eben dem Verhalten der Nachkriegsjustiz zu tun. Und das wiederum ist kein Versagen, wie der Filmtitel unterstellt, sondern kalkulierte Politik. Das begann bei Adenauer, setzte sich fort in den diversen Amnestiegesetzen bis hin zum Juristen Eduard Dreher, der ein Gesetz zur Amnestie verfasste. Den entscheidenden Satz kann man zunächst wegen des schrecklichen Amtsjargons gar nicht in seiner Bedeutung erfassen, er entfaltete aber große Wirkung, verwandelte Nazi-Täter in Nazi-Mitläufer und gab sie damit der Gnade der frühen Verjährung anheim. Tausende Akten wurden geschlossen und nie wieder geöffnet. Und die Geschichte führt weiter bis in die rot-grüne Regierung Schröder, die den Zugang zu Akten blockierte, die die US-Regierung anbot. Trockene Bilanz des Autors, nicht nur Juristen betreffend: Zu viele Politiker waren mal Mitglied der NSDAP. Zwei Bundespräsidenten dabei und 26 Minister diverser Bundesregierungen. Namen fallen auch: Genscher, Zimmermann, Carstens, Ehmcke, Stücklen, Scheel.

Die Fakten und die Vorgänge dieser „Akte“ sind im wesentlichen bekannt. Aber die Art, wie Christoph Weber das Material aufbereitet, bündelt, verdichtet und auf den Punkt bringt, ist doch recht eindrucksvoll. Wie ein roter Faden zieht sich durch den Film der Fall des Friedrich Engel, der als „Schlächter von Genua“ in Italien Kriegsverbrechen beging. Als unbescholtener Bürger lebte er in der BRD sein Leben, wurde angesehenes Mitglied im Hamburger Bürgertum, kam sehr spät doch noch vor Gericht – und wurde wieder nicht verurteilt. Weil die zur Anklage stehende Grausamkeit der Erschießungen vom Gericht als unvermeidlich betrachtet wurden. Bittere Pointe: Es bedurfte erst einer neuen Generation von Juristen, dass am Ende doch noch mal einige der alten Männer vor Gericht kamen – verurteilt wurde freilich keiner.

Lange in der Nazizeit hält sich auch der zweite Film der Reihe auf, „Das Kriegserbe der Bahn“. Er beschreibt die Reichsbahn als größten Arbeitgeber des Deutschen Reichs und größten Betrieb der Welt. Er erzählt von der willfährigen Unterordnung der Reichsbahnführung unter den politischen Willen der Nazis und der einverständigen Rolle als Dienstleister bei den Transporten in die Vernichtungslager und, in die andere Richtung, der Transporte der Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter. „Ohne die Reichsbahn wäre der Holocaust nicht möglich gewesen“, sagt der Kommentar lakonisch.

Auch dieses Thema ist im Fernsehen schon behandelt worden, erinnerlich noch der Dreiteiler über die Rolle nicht nur der deutschen, sondern auch der französischen SNCF an der Transportleistung in die Vernichtungslager („Nach Fahrplan in den Tod“ von Wolfgang Schoen und Frank Gutermuth, 2008). In diesem Film von „Akte D“ überzeugt die Verdichtung der Fakten. Dass die Reichsbahn sich die Fahrt in die Todeslager von den Juden Europas bezahlen ließ. Dass sie die gleichen Abläufe und Routinen für die Fahrten nach Auschwitz, Treblinka und Sobibor anwandte wie für Urlaubsfahrten an die Ostsee. In den Nürnberger Prozessen war nicht ein einziger Reichsbahner unter den Angeklagten und auch sonst kamen die Reichsbahner ganz glimpflich davon.

Auch hier illustriert wieder ein Einzelfall das Nachkriegsszenario. Der stellvertretende Reichsbahnchefs Ganzenmüller wurde 1973 der Beihilfe zum millionenhaften Mord angeklagt. Er erlitt während der Verhandlung einen Herzinfarkt, war so lange verhandlungsunfähig, bis 1977 der Prozess eingestellt wurde und lebte dann noch 19 Jahre in der Bundesrepublik weiter, wie man hörte,in ganz rüstigem Zustand.

Die zentrale Frage des Films ist dabei, ob sich die Deutsche Bahn AG der Gegenwart dieser historischen Verantwortung stellt. Was sie nach Angaben ihres Sprechers auch tut. Moralisch jedenfalls. In Sachen materieller Unterstützung, so der Film, sehe das schon anders aus. Nach Berechnungen eines Gutachtens von „ Zug der Erinnerung“ hat die Reichsbahn an den Deportationen umgerechnet 455 Millionen Euro eingenommen, hat bei den Zwangsarbeitern umgerechnet über 2 Milliarden Euro an Löhnen gespart – und in den Entschädigungsfonds der deutschen Unternehmen letztlich 35 Millionen Euro eingezahlt. Man könne die Rede von der moralischen Verantwortung durchaus als Heuchelei bezeichnen, befindet der Autor und weist zugleich darauf hin, dass der Staat Eigentümer der DB ist: „Die Moral hätte also auch für uns ihren Preis“.

Preise, Summen, Gewinne, das sind auch die wesentlichen Parameter für den dritten Teil dieser Vergangenheitsrecherche, „Die Macht der Stromkonzerne“ von Florian Opitz. Die Nazizeit steht in diesem Film nicht so sehr im Zentrum, wahrscheinlich auch deshalb, weil die Politik der Stromkonzerne sich so anschmiegsam in die politischen Zeitläufte einschrieb, auch in die Hitlerdeutschlands. Sie bekamen von den Nazis ein Energiesicherheitsgesetz, das noch lange in die Bundesrepublik hinein wirksam blieb.

Kontinuität ist das Stichwort. Die Geschichte der Stromkonzerne beginnt schon mit einem Kartell. Der Strommarkt war zwischen Emil Rathenau und Werner von Siemens aufgeteilt ehe es ihn überhaupt gab. Der Industrielle Hugo Stinnes hatte schon vor hundert Jahren die geniale Idee, die Kommunen an dem Geschäft von RWE zu beteiligen und sie so einzubinden. Das begründet die Macht des Konzerns bis heute.

Eine ersten Bruch erhielt diese Kontinuität erst, als Mitte der neunziger Jahre die Stromkonzerne die Mitarbeit an der Wiederaufbereitungsanlage aufkündigten. Kohl soll damals die Bosse zu sich einbestellt und sie eine Stunde lang beschimpft haben – vergeblich. Danach werden die Schwankungskurven kürzer. Ausstieg aus der Kernenergie unter Rot-Grün, Ausstieg aus dem Ausstieg unter Schwarz-Gelb, nach Fukushima wieder Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg. Ende offen.

Der Film kann einige schöne Funde präsentieren. So beschreibt der Historiker Joachim Radkau, dass RWE lange zu den Atomskeptikern gehörte; sie hatten ja Braunkohle auf Jahrzehnte hinaus und das Atomgeschäft war ihnen zu risikoreich. Erst später schwenkte RWE ein. Oder, weiter zurückliegend, die Politik von Atomminister Franz-Josef Strauß. Der wusste sehr wohl, dass die friedliche Kernenergienutzung noch gar nicht existierte, als er sich schon darauf berief, sie nutzen zu wollen – in Wirklichkeit wollten er und Adenauer die atomare Bewaffnung der Bundeswehr.

In einer hübschen Interviewstelle wird Strauß gefragt, ob er nun in Bonn oder in München sein Zentrum habe und wie er beides miteinander vereinbaren könne. Er antwortet: in Bonn. Aber in zehn Jahren könne er vielleicht mit einem Atomauto oder einem Atomflugzeug bequem zwischen beiden Städten pendeln. Das war damals selbst dann, wenn man den Zeitgeist einrechnet, geradezu aufregend dumm und dreist.

Von den drei Teilen dieser „Akte D“-Reihe ist diese vielleicht die schwierigste. Der Stoff scheint zu groß für die formatgebundende Dreiviertelstunde, die visuelle Umsetzung kompliziert. Der Film ist auf viele Vereinfachtungen und Abkürzungen angewiesen.

Aber insgesamt ist dem führenden Sender WDR mit „Akte D“ eine jedenfalls interessante Form gelungen. Konventionell in der Machart zwar, mit leitendem Kommentar, manchmal aufdringlichem Sound und Bataillonen von Experten, aber eben auch konzentriert und dicht und aufklärerisch. Der Titel „Akte D“ ist vielleicht nicht glücklich gewählt, weil abgegriffen. Im Fernsehen gab es einfach zu viele Akte, von Akte X über Akte Chodorkowsi und Akte Berlusconi bis zur Akte Lindenberg.
Andererseits: Akte, das klingt wie Geschichte nach Aktenlage. Und das wäre nicht das schlechteste Versprechen angesichts der Tendenzen im History-TV, aufs Gefühlige zu schielen, herumzuspekulieren, auf Personalisierung zu setzen und auf den Hype, auf die spannungsgesteuerte Narration. „Akte D“ spielt mehr auf Fakten statt auf Story. Man müsse wieder mehr Geschichte erster Ordnung betreiben, hatte der Historiker Peter Schöttler auf dem „History Day“ auf der Cologne-Conference gesagt, nicht immer nur Geschichte zweiter und dritter Ordnung.

Das könnte, im Ensemble der vielfältigen Formenlandschaft im Geschichts-TV, auch für diese Reihe „Akte D“ gelten: Geschichtsschreibung erster Ordnung, die sich auf nachprüfbare Fakten beruft, auf Gesetze, Verträge, Protokolle, nachweisbare handschriftliche Notizen, Dokumente. Und es zeigt sich, dass das durchaus spannend sein kann. Auch wenn die Filme nicht nach den Gesetzen der Spannungsdramaturgien funktionieren, sondern eher nach dem Modell der historischen Entwicklung und der Tiefenbohrung.

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