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„Der Hannover-Komplex“. Von Lutz Hachmeister

Hannover als Brutstätte für Politiker. Albrecht, Schröder, Wulff, Gabriel, Steinmeier, Von der Leyen, Trittin. Mehr noch: Retorte für eine dickflüssige Melange aus Politik, Medien, Wirtschaft und  Kultur. Lutz Hachmeister hat ein deutsches Sittengemälde gedreht und ermöglicht einen Blick in die politische Maschinerie – hat man inzwischen nicht mehr oft im Fernsehen (Noch in den Mediatheken von rbb und ARD)

Hannover-Komplex. Der Titel klingt nach Verschwörung, es handelt sich aber bloß um einen Zusammenhang. Zunächst: Hannover als Brutstätte für Politiker. Albrecht, Schröder, Wulff. Gabriel, Steinmeier, Von der Leyen, Trittin.  Und mehr noch: Retorte für eine Melange aus Politik, Medien, Wirtschaft, Kultur, die ihresgleichen in Deutschland sucht. Bei Wulff ist es offensichtlich geworden, den gefühlt tausenden Fotos, die ihn und seine Frau in illustrer Gesellschaft zeigen. In Hannover, sagt der Film, wohnen alle um die Ecke. Eine Stadt von 500.000 Einwohnern, in der bald jeder jeden in seinem Netzwerk kennt und in der man unversehens mit Schröder im Kino sitzen kann.

„Supernormal“ ist das Stichwort, das dieser Film vorgibt. Alles bester Durchschnitt. So sollte das auch für Hannover 96 gelten, den Fußballverein, in dessen Logen irgendwie alles zusammenläuft, was in der Stladt Macht hat und sich für wichtig hält. Auch Madsack hat da eine Loge. Dumm grade, dass der Verein in diesem Jahr absteigt, aber wahrscheinlich kein Menetekel für die Zukunft des Hannover-Komplexes. Eher gilt wohl der Grundsatz, den Hachmeister formuliert: „Wer aus Hannover kommt, kennt sich aus mit Hinfallen und Wiederaufstehen. In diesem Klima entstehen Kämpfertypen.“

Eine Stadt und ein einziges politisches Netzwerk. Die Stadt mit der ersten weltweiten Industriemesse, zu der nicht nur die Ministerpräsidenten, sondern auch die Kanzler regelmäßig erscheinen, in diesem Jahr Obama mit seinen Merkel-Avancen. Dann all diese glamourösen Wulff-Fotos mit Klaus Meine, Veronika Ferres, immer wieder Maschmeyer. Der mal Schröder ein Wahlplakat spendierte und die Anzeigenkampagne für Hugo Müller-Voggs Interviewbuch mit  Christian Wulff. Dann die Geschichte mit Hanebuth, dem Ober-Hells-Angel von Hannover, der die Macht im Rotlichtviertel übernahm und damit auch Ruhe schaffte. Der Film zeigt auch das berühmte Foto, in dem die Hells Angels und die Bandidos mit einander einen Friedensvertrag schlossen, vermittelt vom Hanebuth-Anwalt  Götz von Fromberg, der selbst Immobilien im Steintorviertel besitzt. Im Film gibt er pikanterweise den Stadtführer und erklärt Sehenswürdigkeiten.

Und warum funktionieren die Hannover-Seilschaften bis weit in die Bundespolitik? Erstens: Weil die Stadt überschaubar ist, Politik auf Augenhöhe möglich ist. Zweitens: weil die politischen Lager immer eng beieinander lagen und die Wahlkämpfe härter ausfielen als anderswo: Hannover als Trainingscamp. Die Nähe zur Industrie, eine industriefreundliche SPD und das alles in klarem Hochdeutsch und „sturmfest und erdverbunden“. So heißt es jedenfalls in der Niedersachsen-Hymne, die wir mehrfach vorgesungen bekommen, als selbstbesoffenen Parteitagsgesang ebenso wie in einer Hiphopversion kleiner Tanzmädchen.

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