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„Rich Brother“. Von Insa Onken.

Für seinen ersten Profikampf muss er noch selbst Sitzplatzkarten verkaufen, damit er eine Gage bekommt. Bernard Dofack aus Kamerun hat es schwer in Berlin. Aber er will sich nach oben boxen. Seine Familie in Kamerun erwartet das von ihm. Eine Karriere in Deutschland. (Noch in der Mediathek des ZDF)
Das Schicksal von Bernard Dofack hat ihm sein großer Bruder ausgesucht. Er soll in Europa etwas werden, damit er Wohlstand zu seiner Familie nach Kamerun exportieren kann. Aber in Europa hat niemand auf Bernard Dofack gewartet. Er hungert, schläft auf Bahnhöfen, sucht um Asyl an. Weil er nicht arbeiten darf, wird er Boxer und sucht den Aufstieg im Berliner Boxermilieu. Er will Champion werden. Er muss sich in der Boxszene herumschubsen lassen. Mal kriegt er Kämpfe, mal keine. Er wechselt viermal die Boxschule, wird betrogen, bekommt falsche Gegner, kommt nicht voran. Schließlich wird er engagiert für einen seltsamen, von einem neu gegründeten Verband veranstalteten WM-Fight („Weltmeisterschaft der Kreisklasse“ schreibt die Lokalpresse). Er färbt sich sein Haar blond. Und kann sich endlich bei seiner Familie in Kamerun sehen lassen. Inzwischen steht er auf Platz 69 der Weltrangliste.
Die Familie ist das zweite Kapitel im Leben des Boxers Ben Dofack. Sie hat ihn losgeschickt, an ihre Hoffnungen und Erwartungen fühlt er sich gebunden, aber auch gefesselt. Er weiß, niemand würde ihm glauben, dass er in Europa kein Geld habe.
Insa Donkas Film „Rich Brother“ erzählt davon, wie ihr Protagonist zwischen diesen beiden Welten pendelt und es gelingt ihr, beide genau zu schildern. Das zwielichtige Boxermilieu, die Umgangsformen, die entwürdigende Ignoranz der Manager, die brutal-gemeine Sprache der Trainer – alles kein Umgang, den man mögen kann. Die dramatischen Kämpfe, das aufgeputschte Publikum. Dagegen das Dorf in Kamerun, der große Familienclan, das Licht über den Hügeln, die schöne Landschaft. Zwischen diesen Welten bewegt sich Ben, versucht, alles zugleich hinzukriegen: seine Würde nicht zu verlieren, die Ansprüche der Familie zu erfüllen und sich selbst einen Platz zu erobern.
„Rich Brother“ ist ein klassischer Dokumentarfilm, ohne Kommentar, ganz dem Material vertrauend. Insa Donka hat ihren Protagonisten über zwei Jahre lang begleitet. Sie findet eine narrative, auf das Atmosphärische setzende Form und eine schöne Farbdramaturgie. Berlin sieht sehr grau und kalt aus, das dörfliche Kamerun warm und bunt, aber auch dunkel. Dazwischen findet Veränderung statt. Ben hat sich über das Wiedersehen mit seiner Familie gefreut, sich aber auch in einer Familienversammlung den Kummer von der Seele geredet, sich mit seinen Brüdern und ihrer Mitnahmementalität angelegt. Er hat gemerkt, dass er etwas verloren hat, in Kamerun, und dass er etwas dazu gewinnen kann, in Deutschland. Er fliegt zurück und sieht sich nicht mehr als Opfer. „Ich habe eine Zukunft vor mir“, sagt er im Flugzeug, „ich bin kein Verlierer.“
„Rich Brother“ gewann auf dem Leipziger Dokumentarfilmfestival 2009 die „Goldene Taube“ der deutschen Dokumentarfilmjury.

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