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Flucht, Alltag, Rechtsruck.

Überlegungen zur Lage des Dokumentarfilms, ein Interview mit dem Filmemacher Jean Bouè und eine Überblicks-Dokumentation zum europäischen Rechtsruck, das sind die Highlights dieser Woche. Heute mal Beginn mit einem Hinweis in eigener Sache. In „m-Menschen machen medien“ Heft 3, ist der Dokumentarfilm Schwerpunkt. Ein Aufsatz von mir zur Lage des Dokumentarfilms war schon vor zwei Wochen eingestellt. Jetzt kommt dazu ein Interview mit dem Filmemacher und Autor Jean Boué, das im gleichen Heft erschienen ist und sich mit der Frage des Alltäglichen im Dokumentarfilm befasst. Und es ist mal wieder klar: man kann über Dokumentarfilm kein vernünftiges Wort verlieren, wenn man nicht auf die Autoren schaut, ihre Handschrift, ihr Wahrnehmung. Ohne sie wäre alles dokumentarisches Arbeiten nichts. Wolfsiehtfern wird in lockerer Folge mit Autoren über Handwerk, Absichten und ihre Filme sprechen.

Dazu heute auch noch die Kritik eines Films, der grad in dieser Woche gar nicht läuft, aber den Prix Europa für den besten Dokumentarfilm bekommen hat. „#my escape“ erzählt die Geschichte der großen Flucht, die uns vergangenes Jahr so beschäftigt hat, nicht in gewöhnlicher Art, sondern aus der Perspektive der Flüchtlinge, mit Bildern, die sie selbst gedreht haben. Die Perspektive der Flüchtlinge, das ist bisher auch in der dokumentarischen Erforschung der Wirklichkeit ein Aspekt, der bisher noch zu kurz gekommen ist.

Mit der der zweiten großen gesellschaftlichen Bewegung, dem europäischen Rechtsruck, befasst sich auch eine Dokumentation, die in dieser Woche auf Phoenix gezeigt wird: „Rechts, zwo, drei“. Kein klassischer Dokumentarfilm, eher eine Dokumentation kompiliert aus vielem aktuellen Material, aber doch auch für den großen Überblick gedacht, der ja manchmal im dokumentarischen Kleinklein auch verloren zu gehen droht. Interessant auch, weil der Film ein Produkt einer Produzenten-Kooperation ist, eine Arbeit vieler Autoren und Filmemacher und insofern auch typisch für unsere Zeit. Immer häufiger erarbeiten Autorenteams und Autorengruppen ihre Themen, was einen manchmal die dokumentarische Handschrift vermissen lässt, andererseits aber bei der Komplexität der Themen wohl auch unabweisbar ist. Was nicht ausschließt, dass man einen kritischen Blick darauf werfen sollte.

Unbedingt besondere Hinweise verdienen zwei Produktionen, zu denen es hier noch keine Kritiken gibt. Arte widmet sich an einem Themenabend dem Spanischen Bürgerkrieg, „Vom Kämpfen und Sterben der internationalen Brigaden“ (Arte, Di 25.10.2016, 20.15 – 22.00). Und gleichfalls Arte zeigte eine britische Produktion über Ken Loach, den Filmemacher mit dem geschärften sozialen Blick: „Das Kino des Ken Loach. Wut, Mut und Menschlichkeit“ (Arte, Mi 26.10.2016, 21.55-23.30)

Mit den Kinofilmen ist wolfsiehtfern in dieser Woche mal wieder nicht auf der Höhe der Zeit. Wir werden nachliefern, sobald das arbeitstechnisch machbar ist und verweisen schon mal auf die Filme, die in dieser Woche in den Kinos anlaufen: „Die Geträumten“ von Ruth Beckermann, die den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan in Szene setzt. Der Film wird demnächst auch im Wettbewerb der Duisburger Filmwoche zu sehen sein. In „Das Versprechen“ befassen sich Marcus Vetter und Karin Steinberger mit dem Fall des zu zweimal lebenslänglich in den USA einsitzenden Diplomatensohns Jens Söhring. Und „Haymatloz“ von Eren Önsöz befasst sich mit dem Schicksal der vielen deutsch-jüdischen Akademiker, die aus Hitlerdeutschland in die Türkei flüchteten und dort willkommen geheißen wurden. Diesen Film hat Heike Heinrich gesehen, hier ihre Kritik.

Aus den Wiederholungsschleifen des Fernsehens herausgefischt diesmal keine ungewöhnlichen Funde, sondern viel gezeigte Filme: „Akte D – Das Versagen der Nachkriegsjustiz“ von Christoph Weber, „Citizenfour“ von Laura Poitras, der Dokumentarfilm, der an Erklärkraft den Snowdon-Spielfilm von  Oliver Stone übertrifft. Und „Anderson“ von Annekathrin Hendel über den Dichter als Stasispitzel. „Der Hannover-Komplex“ von Lutz Hachmeister und „Rich Brother“ von Insa Onken stehen noch in den Mediatheken.

Und was sonst noch läuft, findet sich, wie immer ohne jede Wertung, in der Rubrik „Was sonst noch läuft“.

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