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„Citizen four“ von Laura Poitras

Allmählich werden Whistleblower gesellschaftsfähig. Den Anfang hat Edward Snodwon gemacht. Die Geschichte des größten Abhörskandals ist ein veritabler Thriller. Mit Oscar.  (Phoenix, Do 27.10.2016, 02.15-04.10)

Acht Tage im Hotel Mira in Hongkong. Edward Snowden macht sich kenntlich. Glenn Greenwald veröffentlicht die ersten Dokumente über den NSA-Skandal und die Reporterin Laura Poitras dreht in diesem Hotelzimmer einen Film. „Citizen four“ ist eine wahre Geschichte, ein Zeitgeschichtsthriller und ein Zeitdokument ersten Ranges. Er erzählt die Geschichte der Enthüllungen des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden, der damit zum weltbekannten Whistleblower wurde, von der US-Regierung als Verbrecher gesucht wurde und seit mehr als einem Jahr in Moskau festsitzt. „Citizen four“ ist der Name, mit dem Snowden bei seinen ersten Kontakten mit der Journalistin Laura Poitras seine verschlüsselten mails unterzeichnete.

Mit diesem mail-Verkehr, den ersten Informationen über die Dimensionen des Überwachsungsskandals, den enormen Sicherheitsvorkehrungen beginnt der Film auch. Warum er sie ausgesucht habe, fragt die Journalistin und Filmemacherin und er antwortet ihr, sie selbst habe sich ausgesucht. Laura Poitras hat schon zwei politisch brisante Filme über USA-Politik gedreht, über Guantanamo und über en Irak und sie steht auf der Watchlist der Geheimdienste. Weil sie ständig in ihrer Arbeit behindert wird, lebt und arbeitet die Regisseurin in Berlin.

Es dauert 25 Minuten, bis erstmals Edward Snowden ins Bild kommt. Damit folgt der Film auch der Haltung des Whistleblowers: Nicht er sei die Story sondern die NSA-Überwachung. Und dass er nicht der Personalisierung alles Politischen Vorschub leisten wolle. Was ihm freilich am Ende nichts hilft, denn mit der Veröffentlichung der ersten Fakten wurde er zum Gesicht dieses Skandals und seine Person rückte ins Zentrum. Aber als er mit Glenn Greenwald und Laura Poitras in diesem Hongkonger Hotel zusammentrafen, kannte ihn keiner. Ein Redakteur des Guardian, der etwas später auch noch zur Gruppe dazu stieß, fragt im Film „Wie war noch mal Ihr Name?“ – das wirkt heute geradezu lachhaft.

Die achte Tage im Hotelzimmer sind das Zentrum des Films und sie sind ein wahrer Thriller. In den Gesprächen geht es zunächst um die Prüfung der Fakten, dann um die Veröffentlichungsstrategie. Sie denken, sie hätten noch etwas Zeit, ehe die US-Behörden ihnen auf die Spur kommen, aber das stellt sich als Irrtum heraus. Spätestens als Greenwald die ersten Enthüllungen publiziert und Snowdens sich geoutet hat, wird es eng. Die langsam heranwachsende Paranoia ist zum Greifen spürbar. Als im Hotel der Feueralarm losgeht und nicht aufhört, vermuten sie sofort eine erste Attacke. Snowden zieht den Telefonstecker aus der Wand, Kennworte auf seinem Laptop gibt er ein unter einer Decke, die er sich über den Kopf gezogen hat. Am Ende dieser acht Tage wird er von Menschenrechtsanwälten des UNHCR aus dem Hotel geschleust, Wikileaks verhilft ihm aus dem Land. Eigentlich will er nach Lateinamerika, aber die USA entziehen ihm den Pass, er muss in Moskau bleiben. Diese Geschichte und was dann geschah, ist weitgehend bekannt.

Edward Snowden will nicht die Zentralfigur sein und muss es doch. Das Dilemma prägt auch den Film, denn natürlich ist Snowden der Akteur, der Enthüller, der Protagonist. Und gerade das liefert auch interessante Erkenntnisse. Zum ersten Mal kann man hören, wie er spricht argumentiert, man kann Gestik und Verhalten sehen und sich ein Bild machen. Man sieht einen sehr reflektierten, zurückhaltend agierenden Mann, bei dem man sofort den Eindruck hat, dass es ihm wirklich nicht um sich selbst geht. Er formuliert druckreif, hat offensichtlich alles gut durchdacht, kann auch witzig und lakonisch sein. Ein Blender, ein Wichtigtuer, ein durchtriebener Krimineller ist er ganz gewiss nicht. Und die Filmemacherin gibt auch Gelegenheit, Details wahrzunehmen, die langen Pausen des Nachdenkens etwa. Sie lässt spüren, dass es um Snowden mit seiner Entscheidung ziemlich einsam ist. Und obwohl er mit fester Stimme behauptet, das Risiko gekannt zu haben, sieht man ihm doch auch an, wie diese Geschichte an seinen Nerven zerrt und wie die Augenringe dunkler werden.

„Citizenfour“ agiert freilich in einem inneren Widerspruch. Der Film ist nicht nur parteilich, das sind Dokumentarfilme eigentlich immer, sondern die Filmemacherin Laura Poitras ist selbst Teil der Aktion. Sie dokumentiert nicht nur, sondern organisiert die Veröffentlichung der Dokumente, verhilft Snowden zur Flucht, steht selbst im Visier amerikanischer Behörden. Zu dieser Konstruktion gibt es freilich keine Alternative – wie sonst hätte die Geschichte dieser acht Tage im Hotel in Hongkong erzählt werden können? Es ist vielmehr erstaunlich, dass es der Autorin unter dieser Voraussetzung gelingt, einigermaßen objektiv zu bleiben und Distanz zwischen sich und die Geschichte zu legen.

Es geht ihr eben keineswegs nur um Snowden. Ehe der Film Schritt für Schritt das Ausmaß der Überwachung entfaltet, verweist er auf die Vorgeschichte. Auf den ehemaligen NSA-Mitarbeiter William Binney, der 2002 aus der NSA ausschied und sagt, schon in der Woche nach dem Attentat vom 11.September sei die Entscheidung gefallen, alles und jeden in diesem Land zu überwachen. Sie zeigt einen Ausschnitt aus einer Verhandlung, in der es um das Ausspähen von Kunden des Telekom-Konzerns Verizon ging – hier fordert ein Vertreter des Justizministeriums derart massiv Geheimhaltung, dass die Richter richtig böse werden.

Poitras fügt auch Dokumente ein, die noch einmal die Dimension des Skandals zeigen. Etwa einen Auftritt des NSA-Chefs Keith Alexander, der ohne mit der Wimper zu zucken in die Kamera lügt oder den doch recht nervösen Auftritt des obersten Geheimdienstchefs James Clapper, der unter Eid in die Kamera stottert, nein, es gäbe keine Rundumüberwachung, „jedenfalls nicht wissentlich“. Unglaublich, auch wenn das Szenen sind, die man in der laufenden Berichterstattung auch schon gesehen hat. Sie runden die Rekonstruktion dieser Enthüllung ab.

Im Zentrum aber bleibt das Bild dieses Edward Snowden als eines sympathischen Manns, der einen Helden geben muss und keiner sein will. Und der, obwohl er doch alles gesehen und gewusst haben will, dann doch erschrickt, als er von Glenn Greenwald erfährt, dass es inzwischen noch einen höherrangigen Whistleblower in der NSA geben muss und von dem die Information stammt, dass 1,2 Millionen Namen auf der Watchlist der US-Regierung stehen: „That’s fucking ridiculous.“

 

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